Zeitung Heute : In Gedanken war Mozart stets bei Mao

Alice Grünfelder

Worin besteht das Geheimnis dieser wunderbaren Liebesgeschichte zwischen Luo, dem Zahnarztsohn, und einer kleinen Schneiderin aus dem tibetisch-chinesischen Grenzgebiet? Dass sie leichtfüßig daherkommt wie das Mädchen in seinen rosafarbenen Schühchen und zugleich von der Macht der Literatur erzählt? Schließlich handelt der Roman vom Missbrauch des Wortes ebenso wie von dessen Verzauberung, von der Unterdrückung der Literatur ebenso wie von der Befreiung durch sie.

Die beiden männlichen Hauptfiguren in diesem Panoptikum ehemaliger Opiumbauern und konvertierter Kommunisten werden als vermeintliche Intellektuelle während der Kulturrevolution aufs Land geschickt. Trotz des Misstrauens der Dörfler allem Städtischen gegenüber entpuppen sie sich als begnadete Erzähler und werden daher vom Dorfvorsteher in den nächsten Ort geschickt. Dort sollen sie sich Filme anschauen, deren Inhalt sie später im Dorf vor versammelter Gemeinde zum Besten geben müssen. Luo, der Ältere, schlüpft dabei in verschiedene Rollen, ergänzt, verkürzt und zieht die Zuhörer ganz in den Bann. Schließlich gewinnt er durch seine Erzählkunst das Herz der von ihm bewunderten kleinen Schneiderin und will sie "durch Literatur verwandeln". Allerdings schießt er dabei weit über sein Ziel hinaus.

Verse und Feldarbeit

Die beiden gewieften Filmerzähler jedenfalls werden für ihre Verse genauso entlohnt wie für knochentrockene Feldarbeit, und der Ausflug in die nächstgelegene Stadt ist eine willkommene Abwechslung aus der Arbeitswirklichkeit in den Bergen, wo Luo in einer Mine beinahe sein Leben lässt. Als den beiden eines Tages Balzacs "Ursule Mirouet" in die Hände fällt, sind sie so begeistert, dass sie Auszüge der Geschichte vom Schicksal des um sein Erbe betrogenen Patenkindes mangels Papier auf die Innenseite einer Jacke schreiben. Und als die kleine Schneiderin diese Jacke anzieht, vermeint sie, allein durch die Berührung auf der Haut, Glück und Klugheit zu spüren.

Die schönste Liebesszene des Buches wird von einem alten Mann erzählt, der die kleine Schneiderin und Luo beim Liebesspiel im Wasser beobachtet: wie sie untertauchen, sich wieder ins Wasser gleiten lassen wie Delphine und kopfüber aus großer Höhe ins Wasser springen. Überhaupt besticht die Bildlichkeit des Romans in der klangvollen Übersetzung von Giovanna Waeckerlin, was wohl auch auf den eigentlichen Beruf des Autors, der sich als Filmemacher in Frankreich einen Namen gemacht hat, zurückzuführen ist.

Literatur kann Seelenpein lindern, weshalb Luo und sein Freund versuchen, den Lederkoffer des dritten landverschickten Jugendlichen zu entwenden, in dem sie weitere Werke ausländischer Autoren vermuten. Der Diebstahl gelingt in letzter Minute. Voller Ehrfurcht blättern sie in den Büchern und kommen sich dabei vor wie im Film, "wenn die Gangster einen Koffer voller Geldscheine öffnen". Doch was den einen zu Tränen rührt, entfacht im anderen "Hass gegenüber allen, die uns diese Bücher verboten haben".

Deftige Berglieder als Propaganda

Nur vor diesem geistesfeindlichen Hintergrund in einer Zeit, in der alles Ausländische misstrauisch beäugt wird und selbst Mozarts Melodien nur geduldet werden, weil "Mozart mit seinen Gedanken immer beim Großen Vorsitzenden Mao" ist, lässt sich nachvollziehen, weshalb der Autor die einzigen Geistesmenschen im Roman, die das Wort auch noch missbrauchen, überzeichnet. Da ist die strickende Dichterin, die sich auf einer improvisierten Sänfte zu ihrem Sohn, dem Brillenshang, den Berg hinauftragen lässt. Und der wiederum wird nur deshalb von einer Zeitschrift als Redakteur angenommen, weil er die von Luo und dem Ich-Erzähler gesammelten deftigen Berglieder in chinesische Propaganda ummünzt. Als ob dies die einzigen Repräsentanten der chinesischen Schriftstellergeneration während der Kulturrevolution gewesen wären. Im "wirklichen Leben" brachte sich beispielsweise Balzacs Übersetzer Fu Lei aus Protest gegen den Missbrauch der Literatur und die Ächtung alles Freien und Geistigen um.

Doch um ihn und andere Schriftsteller, die Opfer wurden von fanatischen Rotgardisten, geht es hier offensichtlich nicht. Dai Sijie scheint vielmehr in die Rolle des Ich-Erzählers zu schlüpfen und sich in die westliche Geisteswelt zu flüchten. Damit greift er indirekt Fragen auf, die Intellektuelle in China spätestens seit dem 19. Jahrhundert immer wieder umtreiben: nämlich inwiefern sich die chinesische Kultur westliche Kultur zu eigen machen sollte, um sich zu reformieren. Diese Auseinandersetzung wurde immer wieder mit unterschiedlichen Ergebnissen geführt. Zumindest während der Kulturrevolution hatte die chinesische Borniertheit wieder einmal die Oberhand gewonnen. Dagegen lehnt sich der Autor zu Recht auf.

Aufbegehren gegen die Autorität

In China herrschte gegenüber dem Wort schon immer Misstrauen. Dass Literatur nicht nur bilden, sondern auch befreien und womöglich zur Auflehnung führen kann, fürchten die chinesischen Machthaber seit jeher. Und auch Luo und seinem Kompagnon ist offensichtlich entgangen, dass eine einmal in Gang gesetzte Bewusstwerdung so leicht nicht mehr aufzuhalten ist. Denn am Ende entwindet sich die kleine Schneiderin ihrem Einfluss. Durch Balzacs Lektüre ist sie reifer geworden und selbstbewusster, sie nimmt ihr Leben fortan in die eigene Hand und geht in die Stadt, sehr zum Entsetzen ihres Geliebten und dessen Freund.

Ein solches Aufbegehren gegen die wohlmeinende Erziehung einer Autorität ist der Albtraum jeder totalitären Regierung. Dennoch weiß Dai Sijie seine Moral ohne zu moralisieren und durchaus mit Anlehnung an die europäische Literatur des 18. und 19. Jahrhunderts mit einem guten Sinn für Humor und Ironie auszustatten. So schwingt die eigentliche Liebesgeschichte leise und lange nach.

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