Zeitung Heute : In Gottes Namen

Eine Frau stirbt bei einer Teufelsaustreibung – 30 Jahre her, jetzt im Kino. Am Tatort hat sich wenig geändert

Marc Neller[Klingenberg]

Über Nacht hat der Schnee die Stadt in ein dickes weißes Laken gehüllt. Es verdeckt den Schmutz der Straßen und die morastigen Wiesen am Flussufer. Am Morgen zieht die Sonne herauf, das Laken wird dünn, wintermüde Felder schimmern hindurch, die Ruhe vergeht. Am Nachmittag schneit es wieder, die Flocken fliegen so dicht, als sollten sie die Welt endgültig zum Verstummen zu bringen. Seit zwei Tagen geht das so.

Die Schwester ringt mit sich. Sie ist unsicher, was sie zeigen will und was im Verborgenen belassen. Eine zierliche Frau, knapp 50, blonde fransig geschnittene Haare, sie läuft unruhig in ihrem Büro auf und ab. Sie trägt ein weißes Sweatshirt, einen cremefarbenen kurzärmligen Rollkragenpullover darüber, Jeans. In ihrem Büro steht ein Journalist, der sie sprechen will, und sie überlegt, ob sie ihn wegschicken soll.

Seit 30 Jahren ist ihre Schwester tot. Am 1. Juli 1976 starb die Pädagogikstudentin Anneliese Michel in ihrem Elternhaus in Klingenberg in der unterfränkischen Provinz, abgemagert bis auf das Skelett, das Gesicht voller Blutergüsse, sie hat sich selbst geschlagen. Anneliese Michel, 23 Jahre alt, war verhungert und verdurstet. Zwei katholische Priester hatten fast ein Jahr lang versucht, der jungen Frau durch Gebete, Beschwörungen und Gesänge den Teufel auszutreiben. Sie glaubten, Anneliese Michel sei besessen. Die strenggläubigen Eltern und Bekannte der Familie glaubten das nach anfänglichen Zweifeln auch. Die junge Frau selbst deutete ihr Leiden als Sühneopfer, mit dem sie verlorene Seelen retten könne. Sie verweigerte die Nahrungsaufnahme.

Es war der letzte Exorzismus in Deutschland, den die katholische Kirche offiziell genehmigte. Die Eltern und die beiden Theologen standen vor Gericht, 1978 wurden sie zu sechs Monaten auf Bewährung verurteilt.

Das alles mag lange her sein, vorbei ist es nicht. Nicht für sie, die Schwester.

Der Fall ging weltweit durch die Medien, Bücher sind erschienen. Bis heute fahren Pilger mit Bussen zu Anneliese Michels Grab, weil sie sie als Märtyrerin verehren. Im Ort kursieren allerlei Erzählungen über die Scheune, die der Vater zu Ehren seiner Tochter ausgebaut hat, und zu der nur ausgewählte Pilger Zutritt haben. In kaum einem Zeitungsartikel, einer Fernsehdokumentation oder einem wissenschaftlichen Versuch zum Thema Exorzismus fehlt der Hinweis auf den Tod Anneliese Michels. Und nun läuft in deutschen Kinos „Requiem“, ein Film, der sich eng an die Geschichte der Familie Michel anlehnt und der das Interesse an den Ereignissen neu entfacht hat. Nicht nur an den Stammtischen der Alteingesessenen in Klingenberg wird mit wiedererwachtem Eifer diskutiert und geurteilt.

Die Schwester streicht sich den fransigen Pony aus dem Gesicht. Sie, eine von vier Töchtern, ist vor der Geschichte ihrer Familie nicht davongelaufen. Sie hat die Firma ihres Vaters übernommen, ein Sägewerk an der Hauptstraße. Durch die Fenster ihres Büros kann sie über die Straße hinweg Anneliese Michels Grab sehen und das Elternhaus, in dem das alles passiert ist. Beides kaum 50 Meter entfernt.

Ein Arzt aus einem Nachbarort berichtet, seine Freunde hätten die Nase gerümpft, als er wenige Jahre nach dem Exorzismus hierher, in diese Gegend zog. Zu den Teufelsaustreibern? Und ein Familienvater, Anfang 30, der inzwischen nur noch zu Besuch in die Stadt kommt, erzählt von Mutproben, die er als Zehnjähriger mit seinen Freunden auf dem Friedhof gemeistert hat: ab Mitternacht eine halbe Stunde alleine am Grab stehen.

Das war früher. Inzwischen fließt das Leben in Klingenberg ohne größere Aufregungen dahin. Die frisch geweißten Fachwerkhäuser in der Altstadt strahlen, am Aschermittwoch war am späten Nachmittag Gottesdienst und die alte Kirche am Fuße der Burg zu drei Vierteln gefüllt. Ältere Paare sind gekommen, Mütter mit Kindern, Großmütter mit Enkeln. Für die Schwester war es nicht Aschermittwoch, sondern der Tag, bevor „Requiem“ im Kino anläuft.

Jetzt ist Donnerstag. Sie ist nervös. Der Film habe eine große Schwäche, schreibt die Zeitung, die in der Gegend erscheint, er weiche der Frage nach Verantwortung aus. Vermutlich fürchtet die Schwester, die Leute könnten es genauso sehen.

Sie hatte sich einen Tag Bedenkzeit ausgebeten, ob sie nun, nach all den Jahren, bereit ist, mit einem Journalisten zu sprechen. Ob sie über die Last ihrer Geschichte und die Anfeindungen im Ort sprechen will. Jetzt steht der Reporter in ihrem Büro und entschuldigt sich, die Absage habe ihn erst erreicht, als er schon unterwegs war, sie schickt ihn nicht weg. Ihre Augen suchen Halt im Gesicht ihres Gegenübers. Sie beantwortet ein paar Fragen, zögerlich zunächst, irgendwann beginnt sie zu erzählen. Sie formt behutsame Sätze, sie sieht ihren Worten hinterher, wie sie in die Stille fallen und ob sie das Gewicht ihrer Bedeutung tragen.

Ihre Worte lassen erahnen, dass sie den Film für gelungen hält, weil er nicht auf ein schnelles Urteil aus ist, sondern abbildet. Weil der Regisseur versucht, zu verstehen.

Sein Film zeigt eine junge Frau, die ihr tiefgläubiges, von konservativen katholischen Wertvorstellungen geprägtes Elternhaus verlässt mit dem Wunsch, ein normales Studentenleben zu führen. Sie will nicht viel, in einer Zeit, in der es andernorts große Revolutionsideale gibt. Sie will studieren. „Auf einer Anti-Vietnam- Demo hätte sie bestimmt nicht in der ersten Reihe gestanden“, sagt Hans- Christian Schmid, der Regisseur.

Die ganze Tragödie kommt aus der jungen Frau selbst. Sie ist Epileptikerin. Zu diesem Krankheitsbild gehört, dass sich die Ängste eines Menschen zu Halluzinationen und Psychosen steigern, Spezialisten sprechen von einer Temporallappenepilepsie. Sie findet niemanden, der ihr helfen könnte, sie sucht Ärzte auf, die aus heutiger medizinischer Sicht relativ genaue Diagnosen stellen, aber sie bekommen die Krankheit nicht in den Griff. Irgendwann denkt die Studentin, sie sei von Gott auserwählt, ihr Leiden habe einen Sinn. Auch weil die Geistlichen in ihrem Umfeld und Bekannte der Familie sie in dieser Ansicht bestärken.

In einer akribischen Dokumentation des Falles ist zu lesen, dass die Schwester nicht glaubt, Anneliese Michel sei besessen gewesen. Sondern dass sie krank war. Es ist eine Meinung, mit der sie, nach allem, was man weiß, allein dastand.

Der am Exorzismus beteiligte Pater Renz und Anneliese Michels Vater sollen bis zu ihrem Tod von der Besessenheit überzeugt gewesen sein. Die Mutter ist inzwischen weit über 80 und krank. Was sie denkt, darüber will sie nicht mit der Presse sprechen. Sie überlegt ein paar Tage, dann lässt sie eine enge Bekannte ausrichten, sie habe sich entschieden: nein.

Die enge Bekannte ist Thea Hein, eine korpulente Frau, 84 Jahre alt, sie wohnt in einem kleinen Ort gut 20 Autominuten entfernt von Klingenberg. Sie trägt eine blau-pinkfarben gemusterte Kittelschürze und spricht den breiten Dialekt der Gegend. Früher hat sie einmal im Monat eine Pilgerfahrt nach San Damiano in Italien organisiert. Seit sie vor gut einem Jahr beim Gehen gestürzt ist, schafft sie es kaum in den Sonntagsgottesdienst, manchmal, immerhin, kommt der Pfarrer zu ihr nach Hause.

In San Damiano, sagt Thea Hein, habe sie 1975 entdeckt, dass „die Anneliese besessen ist“. Erst ist sie nicht aus dem Bus gestiegen, obwohl es doch kurz vor zwölf war und um Punkt zwölf in San Damiano die Muttergottes erscheint. Dann konnte sie das geweihte Wasser nicht riechen, das es in dem Wallfahrtsort zu kaufen gibt. Thea Hein informierte die Michels und wenig später einen Frankfurter Jesuitenpater, der auch der Meinung war, Anneliese Michel sei besessen. Der Pater trug entscheidend dazu bei, dass der Bischof der Diözese in Würzburg den Exorzismus genehmigte.

Auf den schweren Holzmöbeln im Wohnzimmer der Heins stehen unzählige Jesusbilder, Marienbilder, Madonnenstatuen und allerlei Mitbringsel von ihren Pilgerfahrten.

Die Geschichte mit der Epilepsie, sagt die alte Dame, sei unsinnig. Sie sagt es ruhig, sie wirkt nicht wie eine, die unliebsame Wahrheiten nicht aushalten könnte. Sie scheint nicht an der Besessenheit gezweifelt zu haben. „Nie“, sagt sie.

Manchmal, sagt sie, hört sie nachts noch das unheimliche Grunzen, die Schreie und Flüche, die Anneliese Michel während der Exorzismus-Sitzungen ausgestoßen hat. Aber es ist noch etwas anderes zurückgeblieben, etwas Weltlicheres. Die Verachtung der Leute im Ort. Am Anfang seien sie und ihr Mann noch auf Feste gegangen. Wenn sie sich dort oder in einer Gaststätte an einen Tisch setzten, seien sie kurze Zeit später unter sich gewesen.

Man könnte die Geschichte als mittelalterliches Drama in einer bayerischen Provinzstadt abtun, einer Gegend, die zwischen Main und Spessart wie abgeschnitten von der Welt wirkt und wo die Frömmigkeit ein Gesetz mit klaren Vorschriften war. Wer sich daran hielt, konnte sicher sein, dass er in den Himmel kommt. So war das einmal. Einerseits.

Andererseits ist es so, dass der Vatikan an der päpstlichen Universität Regina Apostolorum in Rom seit gut einem Jahr hunderte von Exorzisten ausbilden lässt.

Es gibt deshalb auch außerhalb der Familie Michel Menschen, für die der Fall Michel nicht Vergangenheit ist. Uwe Wolff, evangelischer Theologe, ist einer von ihnen. Wolff sitzt auf dem Sofa seines Wohnzimmers. Er lebt in einem kleinen Ort in der Nähe von Hannover. Er hat Tee gemacht, ein Ofen strahlt Wärme in das geräumige Zimmer, dessen Wände mit Bücherregalen zugestellt sind. Wolff sagt, man müsse das Fremde aufsuchen, um es zu verstehen. Er war oft bei Familie Michel, hat lange Gespräche geführt und ein Buch über sie geschrieben.

Eine junge Frau, Zuschauerin ihres eigenen Lebens, jede Herausforderung löste eine Krise aus, eine Frau, die sich nicht einfach durch Provokation von ihrer Erziehung befreien konnte wie die meisten ihrer Altersgenossen. Wolff wagt einen Vergleich. „Man muss sich die Situation in Klingenberg damals so ähnlich vorstellen wie das gegenseitige Unverständnis zwischen fundamentalistischen Muslimen und Amerika. Da sind zwei Weltbilder aufeinander geprallt, die Familie und der Rest der Gesellschaft. Und keine Seite war zugänglich für die Argumente der anderen Seite.“

Man merkt Uwe Wolff an, dass er über die Gegenwart lieber spricht als über die Michels. Plötzlich beugt er seinen Oberkörper nach vorn. „Ich war Anneliese Michel“, sagt er. Seine Stimme ist heiser, und doch ist es ein dröhnender Satz, der nicht zu diesem Mann passen mag, der seine Worte so sorgsam wählt. Der Satz meint: Wer sich nur lange genug mit dem Teufel beschäftigt, der glaubt auch an ihn. Wolff sagt, „ich bin zu alt, um mich noch intensiv mit ihm auseinander zu setzen.“ Die Tonbänder von den Exorzismus-Sitzungen hat er verschenkt, die Unterlagen weggeschmissen. Den Kinofilm will er sich nicht ansehen.

Er sagt: „Es tut mir nicht gut.“ Er schreibt jetzt Bücher über Engel, Kinderbücher, Bücher, in denen es um Irrgärten geht. Es wirkt, als ob er den Ausgang noch sucht.

Auch die Schwester sucht. Sie hätte einiges mitzuteilen. Was sie wirklich denkt über den Film, das muss vorerst ungesagt bleiben. Drei Tage nach dem Gespräch in ihrem Büro ruft sie an und sagt, sie sei noch nicht bereit, an die Öffentlichkeit zu gehen. Sie bitte darum, das, was sie sagte, nicht zu zitieren.

Sie nennt keinen Grund. Naheliegend wäre die Furcht, sich mit der noch verbliebenen Familie zu überwerfen. Aber auch das bleibt ungesagt.

Am Abend beginnt es zu schneien.

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