Zeitung Heute : In Gottes Namen

Spionierende Sittenwächter, religiöse Gerichte, Prügelstrafe – das gestern noch moderate Indonesien auf dem Weg zum Islamstaat

Moritz Kleine-Brockhoff[Jakarta]

Jakarta, ITC-Einkaufszentrum, Carrefour-Supermarkt. Wo sonst Wein und Wodka im Regal stand, liegen jetzt Plastik-Fußbälle. Hochprozentiger Alkohol ist aus dem Sortiment genommen.

Vorort Tanggerang. Lilis Lindawati, 35, verheiratet, schwanger, wartet auf den Bus. Fünf Sittenwächter packen sie. Nach einer Gefängnisnacht wird sie zu drei Tagen Gefängnis verurteilt. Sie stand mit Lippenstift an der Straße, im Dunkeln – das beweise, dass sie eine Hure sei.

Insel Sulawesi, Distrikt Bulukumba. Muslimische Beamtinnen dürfen nur noch mit Kopftuch arbeiten.

Provinz Aceh, Ortschaft Samadua. Vor der Kasih-Putih-Moschee verprügelt ein Mann in roter Kutte mit seinem Rattanstock einen 35-jährigen Lehrer. Die Menge klatscht. Dann bekommt eine 23-Jährige Hiebe. „Sie wurden von der Scharia-Polizei an einem Kiosk bei einem intimen Akt gefasst“, sagt Marnu Labsyar, Chef der lokalen Scharia-Behörde.

Indonesien, knapp 90 Prozent der 240 Millionen Einwohner sind Muslime. Gestern war das Land eine moderat-islamische Muster-Demokratie; der Islam war so wichtig oder unwichtig wie das Christentum in Deutschland. Doch nun formen konservative Kräfte eine neue Gesellschaft. „Indonesien ist nur noch einen Schritt entfernt vom Islamstaat“, sagt Ahmad Suaedy, Direktor des Wahid-Instituts, das pluralen Islam propagiert und es zunehmend schwer hat.

Vor gerade einmal zwei Jahren hatten freie Wahlen einen Wechsel von der Militär- zu einer Volksherrschaft zementiert. Die präsidialen Direktkandidaten der islamischen Parteien scheiterten kläglich – und doch prescht die Islamisierung vorwärts. Der „Rat der islamischen Gelehrten“ erließ elf Fatwas, die unter anderem „pluralistische, liberale und säkulare Islaminterpretationen“ verbieten. Interreligiöse Hochzeiten soll es nicht mehr geben. Auf Lombok und in der javanischen Stadt Bogor gingen Häuser in Flammen auf – Extremisten vertrieben Anhänger der Islam-Sekte Jamaah Ahmadiyah, da deren Mitglieder nicht glauben, dass Mohammad der letzte Prophet war. Die Polizei griff nicht ein, die Verwaltung von Bogor verbannte Ahmadiyah aus der Stadt. Zudem sind vielerorts Dekrete und sogenannte „Bylaws“ in Mode, die einen konservativen Islam formalisieren: 22 Kommunen haben Regeln festgelegt, die auf islamischem Recht basieren. In einer Provinz, in Aceh, gilt die Scharia flächendeckend. Sittenwächter spionieren, religiöse Gerichte sind etabliert, seit einem Jahr wird die Prügelstrafe vollstreckt.

Dienstagmittag in Jakarta, Hidayat Nur Wahid erscheint pünktlich zum vereinbarten Treffen. „Disziplin ist wichtig“, sagt der Mann mit dem Spitzbart. Hidayat ist Vorsitzender der Nationalversammlung und Star der konservativ-islamischen Wohlstands- und Rechtspartei, der PKS. Er will die Verfassung ändern und Konzepte der „Medina Charta“ aufnehmen. „Sie wurde vom Propheten Mohammad geschrieben, ist modern, garantiert gleiches Recht für alle Bürger und schützt Minderheiten.“ Hidayat verschweigt, dass die Charta nur zwei Kategorien von Menschen schätzt: Moslems und ihre Gefolgschaft.

Hidayats populistische PKS, laut westlichen Diplomaten aus Saudi-Arabien finanziert, wächst und wächst. Die Führung wirbt mit den Werten Ehrlichkeit und Gerechtigkeit, kämpft gegen Korruption, Prostitution und Drogen, und verspricht Recht und Ordnung. So wurde die Partei zur stärksten Kraft in Jakarta. Seither gewann sie nach eigenen Angaben landesweit fast zwei Drittel der 70 Kommunalwahlen, an denen sie teilnahm. 2009 will sie die Parlamentswahl gewinnen; Hidayat, der ein Islam-Internat besuchte und Islamwissenschaften in Saudi-Arabien studierte, wird als Präsidentschaftskandidat gehandelt.

„Die PKS verschweigt ihre langfristige Agenda. Ziel ist, nach Machtübernahme die Demokratie zu zerstören, die wir so mühsam errichtet haben“, fürchtet ein Regierungsbeamter.

Indonesien 2006. Nur noch 60 Prozent der Muslime wollen den Säkularstaat beibehalten. Bis 1998 hatte das Zentralregime von Quasi-Diktator Suharto keine Konkurrenz geduldet, Fundamentalisten verfolgt, Religionseifer erstickt. Heute, nach Demokratisierung und Dezentralisierung, ist die individuelle und regionalpolitische Freiheit groß. Sogar Verfassungsfeindschaft kann offen praktiziert werden.

Der Prediger Abu Bakar Baashir etwa tingelt mit einem Koffer voller eindeutiger Parolen durchs Land. „Demokratie ist unislamisch und muss durch Allahkratie ersetzt werden.“ Sein legaler „Rat der Gotteskämpfer Indonesiens“ will den „puren Islamstaat“. Baashirs Islaminternat – ein Dutzend Schüler wurde zu Terroristen – bleibt unbehelligt. Dem Fundamentalisten gefällt, dass Lokalpolitiker mit den Scharia-Regularien Kompetenzen testen. Auf der Insel Sulawesi führte der Ältestenrat des Dorfes Padang die Prügelstrafe ein und ließ sie sofort drei Mal vollstrecken. Mit Duldung von Polizei, Staatsanwaltschaft und Gericht.

„Formal sind solche Scharia-Regularien nicht angemessen“, sagt Verfassungsgerichts-Präsident Jimly Asshiddiquie. Er sei allerdings nicht zuständig; Exekutive oder Legislative könnten in derlei Fällen ja prüfen. In Jakarta schrieben einige Parlamentarier, Präsident Susilo Bambang Yudhoyono müsse aufgefordert werden, „die Lokalgesetze, die gegen die Verfassung verstoßen, für nichtig zu erklären“. Doch nur 56 der 550 Abgeordneten unterzeichneten den Aufruf, er blieb im Parlament stecken.

Präsident Yudhoyono, eigentlich ein Säkularer, hält still. Er fordert Toleranz, tut aber nichts, wenn sie ausbleibt. Radikale zertrümmern Bars, ein Kinofilm mit Kuss-Szene fliegt aus dem Programm, ein Journalist steht wegen Nachdrucks der dänischen Mohammad-Karikaturen vor Gericht. Der Präsident schweigt.

Yudhoyono braucht im Parlament die Hilfe von Islamparteien. Kaum zufällig ließ er verlauten, er wolle keine Frauen mehr im Fernsehen sehen, deren Kleidung ihren Bauchnabel unverhüllt lässt. Als später eine Sängerin in solchem Aufzug im Präsidentenpalast auftreten wollte, grollte der Präsident und schickte sie nach Hause. In Ungnade fiel auch Nadine Chandrawinata, die Miss Indonesia, die sich im Bikini fotografieren ließ. „Was habe ich falsch gemacht?“, fragt sie. Zwei Stunden vor einem Galaabend sitzt sie vor einem Spiegel. Nach dem Bikini-Auftritt wurde sie von einer militanten Islamgruppe wegen „Unanständigkeit“ angezeigt. „Ich habe mir einen Anwalt genommen“, sagt sie leise, sie wartet auf die Vorladung der Polizei.

Die Beamten lassen sich auf den Trend im Land ein. Als die Redaktion der indonesischen „Playboy“-Ausgabe zertrümmert wurde, folgte die Polizei der Forderung des Schlägertrupps und eröffnete Ermittlungs-Verfahren gegen den Chefredakteur und Fotomodelle. Vorwurf: „Unanständigkeit“. Obwohl Indonesiens „Playboy“ keine nackten Frauen zeigt.

Die Gewalt und die Polizei-Ermittlung zeigten Wirkung, alle Anzeigenkunden der Zeitschrift zogen sich zurück, Buchhandlungen verkaufen das Magazin nicht. Was genau „unanständig“ meint, ist bislang noch unklar. Ein Gesetz gegen „Pornografie und Pornoaktion“, das derzeit in einer Parlamentskommission beraten wird, soll verbindliche Regeln festlegen. Laut dem 42-seitigen Entwurf müssen „moralische Normen der Gesellschaft“ gewahrt werden. Vor allem die Pornoaktion-Paragrafen gehen sehr weit in diesem Bestreben. Ein öffentlicher Kuss soll mit bis zu fünf, erotischer Tanz mit bis zu sieben Jahren Gefängnis bestraft werden. Dem Zeigen „bestimmter sinnlicher Körperteile“ können zehn Jahre Haft folgen.

Wenn, wie im Fall der „Playboy“-Redaktion, aus religiösen Gründen randaliert wird, steckt die FPI dahinter, die „Islamische Verteidigungsfront“. Die Militanten haben in West-Jakarta ein Büro. An den Wänden hängen Fotos von Taliban-Kämpfern und ein großes von Osama bin Laden. „Er ist Ikone des Widerstands“, sagt FPI-Sekretär Saleh Mahmud. Der junge Mann trägt grünes Stickhemd, weite Hose, helle Gebetskappe. „Wir sind Kontrollinstanz, schützen den Islam und handeln, wenn andere schlafen.“ Auch er will die Verfassung ändern. Beim Entwurf wurden 1945 in letzter Minute sieben Wörter gestrichen: „Verpflichtung für Moslems, der Scharia zu folgen.“ Die FPI will den Passus wieder einsetzen. „Ob wir uns dann Islamische Republik Indonesien nennen oder nicht, ist egal. Hauptsache, islamische Regeln und Werte werden Gesetz.“

Saleh lobt gute Zeichen, den Boom schariakonformer Finanzgeschäfte etwa. Die deutsche Allianz macht mit, sie bietet seit Jahresbeginn in Indonesien Versicherungen an, die islamischem Recht entsprechen. Versicherungsbeiträge landen in einem Fonds, der keine Aktien von Unternehmen kauft, die mit Alkohol, Schweinefleisch oder Glücksspiel verdienen. „Ziel ist, dass in fünf Jahren zehn Prozent unseres Indonesien-Geschäfts auf der Scharia basieren“, sagt Manager Jens Reisch.

„Arabisierung ist neue Realität in unserem Land“, sagt Ayu Utami, Indonesiens bekannteste Schriftstellerin. Sie trägt enge Jeans, ein Spaghettiträger-Top mit tiefem Ausschnitt. Ende der 90er Jahre schrieb sie über Sex, ein Tabu. Sie will sich weiter anziehen, wie es ihr passt, und schreiben, was ihr in den Sinn kommt. „Wir müssen gegen Islamisierung kämpfen, besonders gegen das geplante Porno- Gesetz“, sagt sie. Sollte es verabschiedet werden, warnen Intellektuelle, sei Indonesien verwandelt. „Der Gesetzentwurf ist ein dreister Versuch engstirniger, kulturell dummer Ideologen, der indonesischen Gesellschaft einen fremden Lebensstil aufzuerlegen“, schreibt der Philosoph Franz Magnis-Suseno. Auf Java – Islam hin oder her – tragen Frauen traditionell schulterfrei. Wie auf der hinduistischen Insel Bali, dort droht man wegen des Anti-Porno-Entwurfs mit Abspaltung.

Solch drastische Drohungen helfen Indonesiens islamischer Mitte: Die Moderaten wollen die Islamisierung stoppen, fürchten aber, dabei unislamisch zu erscheinen. Nun aber setzt als erste Islam- Organisation der Mitte die 35 Millionen Mitglieder starke „Nahdlatul Ulama“, die NU, auf Nationalismus. Beim jüngsten Kongress demonstrierte die Parteiführung Verfassungstreue und die Bindung an „Pancasila“ – Indonesiens einheitsstaatliche, pluralistische Staatsideologie. Sie beinhaltet Glauben an Gott, ohne eine Religion vorzugeben. „Sollte die NU sich zwischen Islamstaat und Pancasila entscheiden müssen, wird sie Pancasila wählen“, erklärte der NU-Vorstand im Juli. Damit starteten moderate Moslems ein öffentliches Tauziehen um das Land.

Die konservativen Muslime halten dagegen. Im September führte Acehs Wahlkommission eine Kandidaten-Prüfung ein: Bei bevorstehenden Gouverneurs- und Kommunalwahlen darf nur antreten, wer den Koran rezitieren kann.

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