Zeitung Heute : In guter Nachbarschaft

Wie sich geistig Behinderte im Kiez zurechtfinden

Katharina Schönwitz

Menschen mit geistiger Behinderung wird das Leben häufig schwer gemacht: Ein ungeduldiger Kunde, der in der Warteschlange im Supermarkt steht, rollt genervt mit den Augen und drängelt, weil alles etwas länger dauert. Auch die Verkäuferin schaut lieber weg, als zu helfen. Doch dann gibt es vielleicht den Bäcker am Eck, der gerne das Geld abzählt – auch wenn der Laden voll ist. Wo geistig Behinderte am Kiezleben teilhaben, was sie an ihrer Nachbarschaft mögen und was sie nervt – das wollen Forscher der Katholischen Hochschule für Sozialwesen Berlin (KHSB) herausfinden.

Ihr Forschungsprojekt „Bedarf an Dienstleistungen zur Unterstützung des Wohnens von Menschen mit geistiger Behinderung“ gliedert sich in drei große Teilbereiche: Landesweit erfolgt eine schriftliche Befragung aller 50 bis 60 großen Sozialträger, die Auskunft über ihre Arbeit im Bezirk geben. Anschließend werden Quartiersmanager und Mitarbeiter der Wohlfahrtspflege befragt, die bislang nichts mit Behindertenarbeit zu tun hatten. Auch sie sollen anregen, wie geistig behinderte Menschen besser am Kiezleben teilhaben können. Aus den Daten wollen die Wissenschaftler zuletzt eine Übersicht erstellen – sogenannte „Kiezkarten“.

Monika Seifert, Professorin für Heilpädagogik an der KHSB, leitet die Forschungen. Mit ihrer Arbeit möchte sie Entwicklungen anstoßen. „Das Leben von Menschen mit geistiger Behinderung ist nicht nur eine Aufgabe der Behindertenhilfe: Der gesamte Stadtteil sollte sich angesprochen fühlen“, so die Expertin. Angeregt wurde das Forschungsprojekt Anfang 2007 von der Liga der freien Wohlfahrtsverbände und der Senatsverwaltung für Integration, Arbeit und Soziales. Die Hochschule kooperiert dabei mit dem Paritätischen Wohlfahrtsverband, Geldgeber ist die „Aktion Mensch“.

Für die Befragungen wurden drei Bezirke ausgewählt, in denen unterschiedliche Interviews anstehen. In Pankow sollen vor allem ältere, lebenslang behinderte Menschen in ihrem Alltag begleitet werden. An der östlichen Stadtgrenze in Marzahn-Hellersdorf werden Einrichtungen befragt, die neue Formen der Behindertenbetreuung erproben. Im dritten Bezirk Tempelhof-Schöneberg stehen geistig behinderte Migranten im Fokus. „Uns interessiert vor allem, welche Vorstellungen und Wünsche türkischstämmige Familien vom Leben ihrer Kinder haben“, erklärt Monika Seifert. „Dazu gibt es bislang fast keine Untersuchungen – und wir wissen kaum, welche Unterstützungen solche Familien benötigen. Angebote der Wohlfahrtsverbände nehmen sie bislang kaum wahr.“

Außer den Wissenschaftlern bereiten sich 18 Studierende seit vergangenem Wintersemester auf die Studie vor. Sie schreiben ihre Diplomarbeiten über das Forschungsprojekt. „In einem Seminar legten wir gemeinsam Grundlagen für die theoretische und methodische Forschungsarbeit“, erläutert Seifert. „Außerdem wurde ein Leitfaden erarbeitet, wie man geistig Behinderte am besten interviewt.“ Im Sommersemester werden die Studenten 21 Menschen mit Behinderung in ihrem Alltag begleiten. Bei Stadtteilspaziergängen und in Gesprächen wollen sie erste Kiezkarten entwerfen.

Professorin Monika Seifert und ihre wissenschaftlichen Mitarbeiter werden zukünftig auch Doktoranden, Wohlfahrtsträger und Eltern geistig behinderter Kinder in die Studie einbeziehen. So werden in Gesprächen und Fragebögen Angehörige befragt, wie sie sich das künftige Wohnen ihrer Kinder vorstellen. „Oft haben behinderte Jugendliche ganz andere Vorstellungen als ihre Eltern“, erklärt Seifert. „Sie wollen unabhängig werden, in Wohngemeinschaften leben – und nicht ständig zu Hause bleiben.“ Mit Ergebnissen rechnet Seifert bis Juni 2009. Katharina Schönwitz

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