Zeitung Heute : In Haiders Manier? Nein, danke. Noch 17 Wochen bis zur Wahl

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Lieber P.,

sieh mir bitte nach, dass ich Dir abermals mit der FDP komme und dem Thema Antisemitismus. Man möchte ja eher betroffen schweigen; aber das geht nicht.

So einfach nicht.

Was Möllemann zurzeit mit diesem Thema macht, das macht er ganz kalkuliert. Und sein Parteichef Westerwelle kalkuliert es ebenso emotionslos in seinen Wahlkampf ein. Natürlich stellt er sich Fragen. Aber er fragt nicht nach dem Schaden, der angerichtet wird, sondern nach dem Nutzen für sein Wahlergebnis. Er kalkuliert den Grenznutzen und kommt dabei zu einem positiven Ergebnis: Er wird mehr Wähler gewinnen als verlieren.

Um das zu wissen, braucht er nicht mal die Meinungsforscher, denn die wüssten sowieso nicht die ganze Wahrheit. Denen würden die wenigsten sagen: „Ja, ich gehe diesmal zur Wahl und wähle FDP, weil die endlich mal die Wahrheit sagt über Israel und Scharon und die Juden.“

Westerwelle wird Möllemann-Wähler bekommen, die voller Ressentiments sind, das aber niemals zugeben würden. Sie bewundern den Mann, der sich traut, was sie sich selbst nie trauen würden. Sie werden zur Wahl gehen und ihm ihre Stimme geben und uns allen zeigen, dass der Rechts-Populismus bei uns in Deutschland genau die gleiche Chance hat wie überall sonst in Europa.

Es geht, mach Dir nichts vor, um eine dafür anfällige Schicht von mehreren Millionen Wählern in Deutschland. Eine Million bringt, wenn die Wahlbeteiligung bei 80 Prozent liegt, ungefähr zwei Prozent der Stimmen. Die rechtsradikalen Republikaner und die DVU bekamen 1998 zusammen drei Prozent. Die neueste Meinungsumfrage bestätigt den Trend: Die FDP legt zu, Möllemanns Operation hat also verfangen. Nun wird der liberale Geist sich ein neues Zuhause suchen müssen.

Wir sollten noch einmal festhalten, was geschah. Phase eins: Möllemann verteidigt palästinensische Attentate als Notwehr gegen Israels Militäraktionen: „Ich würde mich auch wehren, und zwar mit Gewalt… Und ich würde das nicht nur im eigenen Land tun, sondern auch im Land des Aggressors.“ Phase zwei: Möllemann holt den Landtagsabgeordneten Jamal Karsli, der die Grünen aus Protest gegen deren Israel-Politik verlassen hat, in die FDP. Phase drei: Karsli spricht – im Interview mit einer rechtsradikalen Zeitung – von „ Nazi-Methoden“ der Israelis und einer medienbeherrschenden „zionistischen Lobby“, und er schlägt den Deutschen vor, sie sollten ihre durch das Verbrechen des Holocaust erlittene „moralische Lähmung“ im aufrechten Gang an der Seite der Palästinenser überwinden. Phase vier: Möllemann verteidigt Karsli, nimmt ihn gegen den Vorwurf des Antisemitismus in Schutz. Phase fünf: Vom stellvertretenden Vorsitzenden des Zentralrats der Juden, Michel Friedman, des Antisemitismus geziehen, antwortet Möllemann: Friedman seinerseits fördere durch seine „intolerante und gehässige Art“ den Antisemitismus in Deutschland. Phase sechs: Karsli verzichtet auf die Mitgliedschaft in der FDP, bleibt aber auf Wunsch Möllemanns Mitarbeiter in der FDP-Landtagsfraktion und kündigt an, gemeinsam mit Möllemann im Bundestagswahlkampf der FDP aufzutreten.

Was, glaubst Du, bleibt haften? Ich will es Dir sagen: klammheimliche Zustimmung von Millionen, denen das Erschrecken vor ihren antisemitischen Reflexen genommen wird. Bei uns aber, die wir an der FDP zu schätzen wussten, dass sie gelegentlich Mut zur eigenwilligen Politik und Bereitschaft zur nonkonformistischen Debatte zeigte, ein miserables Gefühl und eine wilde Entschlossenheit. Diese neue, beliebigkeitsverliebte, beifallsgeile FDP will uns aufrechten Gang lehren? In dieser Haiderschen Manier, unter Zuhilfenahme antisemitischer Ressentiments?

Nein, danke. Die Debatte, was den Deutschen angemessen sei im Umgang mit den Juden, einerseits; und was, andererseits, eine gerechte Friedenslösung wäre im Nahostkonflikt, führt die Nation nicht erst, seit Möllemann auf 18 Prozent aus ist und Westerwelle den Kanzlerkandidaten gibt. Von populistischen Stimmenfängern wollen wir uns in dieser ernsten Debatte weder vertreten noch führen lassen.

Michel Friedman finde ich übrigens ziemlich schwer erträglich. Ich bin nicht für Hinrichtungen. Auch nicht in Talkshows.

Dein M.

Martin E. Süskind

erklärt einem bayrischen Vertrauten die Berliner Republik

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