Zeitung Heute : In heikler Mission

Ein Hollywood-Regisseur kommt nach Berlin, Filmstudenten erwarten ein Fachgespräch und Ratschläge. Doch dann passiert etwas anderes

Christina Tilmann

Sie haben die Bibliothek im Berliner Adlon-Hotel für eine Pressekonferenz gemietet und für ihren Star gleich die Präsidenten-Suite. Braungebrannte, gut aussehende Herren in hellen Anzügen, die ausgesucht höflich miteinander umgehen und Journalisten großzügig zum Mittagessen einladen. Ihre Sprachwahl ist gewöhnungsbedürftig.

Er sei ein „Stern am Himmel, der uns leuchtet und eine neue Morgendämmerung verheißt“, wird David Lynch angekündigt. Die Studenten der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin, die sich Samstagmittag im überfüllten Arsenal-Kino im Sony-Center drängen, um den Regisseur von Filmen wie „Blue Velvet“, „Wild at Heart“, „Lost Highway“ und „Mulholland Drive“ zu Technik und Ton oder dem Umgang mit Produzenten und Schauspielern zu befragen, trauen ihren Ohren nicht. Sie protestieren, lachen, pfeifen. „Wir sind hier zu einem Filmgespräch gekommen, nicht zu einer Promotionsveranstaltung“, ruft einer in den Raum. Lynch hatte gerade gesagt, transzendentale Meditation könne helfen, Stress und Spannung abzubauen. Im Arsenal- Kino liegt eindeutig Stress und Spannung in der Luft.

David Lynch rekrutiert gezielt Anhänger für die „Transzendentale Meditation“ in Europa. Vor einem Jahr hat er die „David Lynch Foundation for Consciousness-Based Education und World Peace“ gegründet und wirbt seitdem in Rom, Amsterdam und Berlin dafür. Schüler und Studenten sollen durch Meditation ihre Intelligenz steigern und Stress abbauen. In Berlin will die Stiftung nun 200 junge Menschen im Alter von 16 bis 25 Jahren anwerben und mit einem Stipendium versehen, um zwei Jahre lang täglich vier Stunden gemeinsam zu meditieren. Entstehen soll ein „Schutzschild der Harmonie“ für Berlin. Die Folge: unter anderem weniger Verkehrsunfälle und Naturkatastrophen.

Es ist eine eigenartig kurzfristig, fast konspirativ angesetzte Veranstaltung, die intime Pressekonferenz in der Hotelbibliothek und danach dieses knapp 90-minütige Gespräch mit Lynch über „Bewusstsein, Kreativität und das Gehirn“. David Lynch, wilde graue Haare, zerfurchtes Gesicht, gelassene Miene, hält den Protesten routiniert stand: Der gerade 60 Jahre alt gewordene Regisseur meditiert seit 32 Jahren nach den Regeln des Maharishi Mahesh Yogi. 20 Minuten morgens, 20 abends, und schon fallen Stress und Angst von ihm ab: Er tauche in den „Ozean des reinen Bewusstseins“ ein, berichtet er, erklimme die „Leiter der Erkenntnis“, und: „Whoom, you transcend!“ „Glückseligkeit“, „Licht“ und „Schönheit“ sind Vokabeln, die er mantraartig wiederholt. Könnte er nur genügend Menschen überzeugen, die Welt würde glücklicher werden: „Eine Stadt wie Berlin wäre unbesiegbar.“

Seit Lynch der Lehre des Maharishi folgt, habe er mit Produzenten und Schauspielern keine Probleme mehr, sagt er. Kein Stress, nur noch Spaß. Ob die Meditation seine Filme beeinflusst, fragt ein Student. Der alte Mann, der in seinem Film „Straight Story“ auf einem Rasenmäher quer durch Amerika reist, ist das nicht pure Meditation? Aber was ist mit der sadistischen Grausamkeit in „Blue Velvet“, der Gewalt in „Wild at Heart“ und „Lost Highway“? Was mit der deutschen Rockgruppe Rammstein, deren Fan der Regisseur ist und über die er zuletzt eine Dokumentation gedreht hat? Er drehe keine Filme, um zu missionieren, antwortet Lynch: Die Welt sei schlecht, sei die Hölle, werde immer schlimmer, das zeige er.

Auch sein neuer Film, „Inland Empire“, gedreht in Polen und Kalifornien, der auf dem Filmfestival von Cannes gezeigt werden soll, zeigt eine Frau in Not. „Doch man muss nicht selbst leiden, um Leiden zu zeigen.“

Ist David Lynch ein weiterer Fall eines missionierenden Hollywoodstars? Der Schauspieler Tom Cruise zum Beispiel ist als Anhänger der Scientology-Sekte bekannt. Die (religionsunabhängige) transzendentale Meditation, der auch die Beatles anhingen, verspricht mehr Kreativität, Intelligenz, Moral, Frieden, weniger Kriminalität, Krankheiten, und Unwetter. Sie wendet sich besonders an Kinder und Jugendliche und ist 1989 vom Bundesverwaltungsgericht in die Rubrik der Jugendsekten und -religionen eingestuft worden. Sie könne, steht im Urteil, zu „psychischen Schäden und zu einer Persönlichkeitsstörung führen“.

In Berlin tritt die Lynch-Foundation betont seriös auf: ein „weltberühmter“ Quantenphysiker mit Harvard-Diplom, ein Professor der Universität Tübingen, der international bekannte Filmregisseur Lynch und ein seriöser Veranstaltungsort. Titel wie Doktor oder Professor fliegen bei der Pressekonferenz im Adlon durch den Raum, alles sei wissenschaftlich belegbar, Zahlen stehen im Vordergrund: Um 72 Prozent sei die Verbrechensrate in jenen Gegenden zurückgegangen, wo transzendentale Meditation angewendet werde, erklärt Lynch. Um der ganzen Welt Frieden zu bringen, sei die Rechnung einfach: Man braucht nur die Quadratwurzel aus einem Prozent der Bevölkerung zu ziehen und diese Anzahl von Menschen dann zum Meditieren anzuhalten. Das wären, auf Berlins Einwohner umgerechnet, gerade einmal 187 Leute, auf die ganze Welt gerechnet 8000. Lynch sagt: „It’s so easy, it’s so cheap.“ Man sei auf dem besten Weg.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

1 Kommentar

Neuester Kommentar