Zeitung Heute : In homöopathischen Dosen

Rainer Woratschka

Heilpflanzen sind in Deutschland sehr beliebt, doch Hersteller von Naturmedizin haben zuletzt Umsatzverluste von bis zu 80 Prozent erlitten. Wie kam es dazu?

Seit der Gesundheitsreform 2004 erstatten die Krankenkassen ihren Mitgliedern nur noch Medikamente, die rezeptpflichtig sind. Alle anderen – und das sind fast alle pflanzlichen, homöopathischen und anthroposophischen Mittel – müssen seither aus eigener Tasche bezahlt werden. Die Naturarznei-Branche war gegen die Neuerung Sturm gelaufen. Aus gutem Grund, wie sich nun zeigt: Arnika, Baldrian und Co. werden zu Ladenhütern, manche Firmen erlitten nach Angaben des Deutschen Grünen Kreuzes (DKG) Umsatzverluste von bis zu 80 Prozent. Einige der vornehmlich kleineren Hersteller stünden „kurz davor, den Laden dichtzumachen“, sagt Ingolf Dürr, der Sprecher der Sektion Naturmedizin.

Ohne das Gesetz, mit dem sich Rot- Grün Einsparungen von einer Milliarde Euro erhoffte, wäre es kaum zu diesem Trendwechsel gekommen. Im Gegenteil: Naturheilmittel erfreuten sich wachsender Beliebtheit. Im Jahr 2002 gaben 73 Prozent der West- und 64 Prozent der Ostdeutschen in einer Umfrage an, pflanzliche Arznei zu verwenden. Noch Ende 2004 ermittelte Emnid, dass 80 Prozent Naturheilmittel chemischer Arznei vorziehen. 88 Prozent sind überzeugt, dass sie Beschwerden lindert, 82 Prozent, dass sie auch heilt. Fast jeder Zweite nennt als Vorteil geringe Nebenwirkungen.

Doch seit es nur noch die chemische Keule auf Rezept gibt, ist die Einsicht vielfach zum Lippenbekenntnis geworden. Zwar berichtet die Apothekerkammer nach dem massiven Umsatzeinbruch vor einem Jahr bereits wieder von Zuwächsen, vom Stand vor 2004 sei man aber noch weit entfernt. Im Jahr 2003 verkauften die Apotheken rezeptfreie Mittel für 6,8 Milliarden Euro, der Anteil pflanzlicher Arznei lag bei knapp einem Drittel. Außerdem befürchten die Hersteller bei ihren Kunden auch einen negativen psychologischen Effekt. Motto: Was der Arzt nicht verordnet und die Kasse nicht bezahlt, kann nicht besonders wirksam sein.

Dabei bemisst sich die Verschreibungspflicht von Medikamenten nicht an deren Wirksamkeit, sondern an der Gefährlichkeit möglicher Nebenwirkungen. Hier könnte sich die Politik verrechnet haben. Denn bei aller Sparbegeisterung: Die Folgeschäden durch vermehrt eingesetzte Chemiehämmer könnten die Krankenkassen langfristig teurer kommen als die Erstattung vergleichsweise preiswerter Naturheilmittel.

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