• In Indien fahren jährlich mehr als vier Milliarden Menschen mit der Bahn. Das Streckennetz ist enorm, das Ergattern der Tickets oft ermüdend

Zeitung Heute : In Indien fahren jährlich mehr als vier Milliarden Menschen mit der Bahn. Das Streckennetz ist enorm, das Ergattern der Tickets oft ermüdend

Martin Thau

Ob man zum ersten Mal hinfährt oder nach Indien zurückkehrt, der Subkontinent öffnet sich einem überhaupt erst per Bahn. Organisierte Touren schirmen den Besucher ab; in öffentlichen Fernbussen erlebt man zweifellos mehr als jeder Tourist, fängt aber auch an, Land und Leute zu hassen, einfach weil es einem zuviel wird. Der Zug dagegen garantiert einen Sitz- und Schlafplatz, zugängliche Toiletten und Mitreisende so verschieden wie der Subkontinent. Man kann sich unterwegs die Beine vertreten und bereist derweil ein Streckennetz, das bis zu drei Tagesreisen voneinander entfernte Bahnhöfe verbinden.

Indien verfügt nach China über die meisten Schienenkilometer der Welt, reichlich genutzt von mehr als vier Milliarden Passagieren im Jahr. Bahnfahrten sind außerordentlich populär, die Sitze auch der untersten Klasse schon Tage im Voraus gebucht. Das Problem, auch für Inder, ist nicht so sehr der - für Europäer lächerlich geringe - Fahrpreis, sondern das Ergattern einer Platzkarte, ohne die man oft gar nicht erst an Bord gelassen wird. Wie im Luftverkehr werden die Reservierungen landesweit per Computer geregelt; auf den Bahnhöfen steht man dazu in endlosen Schlangen vor kleinen Schalterluken. Es sei denn, man hat einen Indrail Pass.

Der Indrail Pass ist eine Netzkarte, die nur von Ausländern erworben werden kann. Ihren etwas höheren Preis macht der Zugriff auf ein spezielles Platzkartenkontingent wett. Es wird durch eigene Schalter, am effizientesten vom International Tourist Bureau im Bahnhof von Neu-Delhi verwaltet. Nur dort kann man für wirklich jede Route reservieren. Es ist möglich und nicht immer aussichtslos, mit dem Indrail Pass auch ohne Reservierung Plätze zu finden. Wer dagegen sicher gehen will, dass er zum Beispiel eine Koje für die Nacht hat, bucht lieber im Voraus. Die Indische Eisenbahn nimmt in der Regel Reservierungen nur ab 48 Stunden vor Abfahrt entgegen; der Besitzer eines Indrail Passes kann dagegen sehr viel früher - bis zu einem halben Jahr - im voraus reservieren und sich dadurch selbst Platzkarten populärster Strecken sichern, die bei üblichen Fristen nicht selten überhaupt nur auf dem Schwarzmarkt zu bekommen sind.

Man kann den Indrail Pass außerhalb Indiens bei den Generalverkaufsagenturen der Indischen Eisenbahnen erwerben, aber auch im Land auf den großen Bahnhöfen, am besten wiederum im International Tourist Bureau, Neu-Delhi Hauptbahnhof, von wo aus das Indrail Pass-System gesteuert wird. Der Preis liegt zwischen 30 Mark für einen Tag Zweiter Klasse bis zirka 1600 Mark für 90 Tage Erster Klasse, hängt also davon ab, wie lange und mit welcher Annehmlichkeit man reisen möchte.

Die Indischen Eisenbahnen unterscheiden zwischen "AC" (Air-conditioned) und nicht klimatisierten Klassen, deren weitere Einteilung auf den ersten Blick verwirrt; man muss sie aber ganz durchschauen, um einen entsprechenden Indrail Pass erwerben zu können.

Die klimatisierten "AC"-Klassen heißen "1A", "2A", "3A" und "CC". "1A" steht für "First ACC" und bedeutet geräumige Abteile mit für die Nacht höchstens vier Schlafgelegenheiten. Es ist die luxuriöseste Klasse, die Indian Railways anzubieten hat. "2A" steht für "AC Two-Tier": zum Gang hin von einem Vorhang abgetrennte Abteile mit je vier Kunstlederliegen. "3A" entspricht "2A", nur dass sich sechs Liegen in jeder Abteilung befinden. "CC" steht für "Chair Car", klimatisierte Waggons mit Kunstleder-"Flugzeug"sitzen, die hauptsächlich tagsüber eingesetzt werden.

Nicht klimatisiert sind "FC", "SL" und "2S". "FC" steht für "First Class" und bedeutet geräumige Abteile mit Türen. "SL" steht für "Sleeper Class": nach allen Seiten offene Liegeabteile. "2S" schließlich heißt "Second Sitting": Waggons mit Kunstlederpritschen.

Nicht jede Linie führt jede Klasse, insbesondere "1A: First ACC" verkehrt nur auf den Hauptstrecken. In der Regel besteht ein Zug, der nicht selten bis zu 30 Wagen lang ist, zu 90 Prozent aus, meist völlig überfüllten, "SL: Sleeper Class"-Waggons. Dann gibt es vielleicht zwei "A3: AC Three-Tier", einen "A2: AC Two-Tier" und - gelegentlich - einen "1A: First ACC". Die nicht klimatisierte "FC: First Class" wird manchmal anstelle von "A2" oder "A3" verwendet. Fährt der Zug nur tagsüber, ersetzt der klimatisierte "CC: Chair Car" die seiner Klasse entsprechenden Liegewagen "A2" oder "A3".

Aus dieser Eisenbahnversion des Kastensystems leiten sich drei Sorten von Indrail Pässen ab, die ihrerseits mehrere Klassen zusammenfassen. Die orangefarbene Ausgabe der Netzkarte berechtigt zur nicht-klimatisierten Reise zweiter Klasse ("Sleeper Class" oder "Second Sitting") und ist etwas für Hartgesottene, denen es nichts ausmacht, mit angekettetem Koffer auf einer Pritsche zu nächtigen. Sie kostet dafür nur zirka 200 Mark für 30 Tage unbegrenzte Bahnfahrt. Die grüne Ausgabe des Indrail Passes berechtigt zur Reise in der nicht klimatisierten "First Class" sowie im "AC Two-Tier" oder - tagsüber - "Chair Car". Sie kostet umgerechnet etwa 600 Mark (für 30 Tage) und wird normalerweise Touristen empfohlen. Es gibt dann noch den weißen Indrail Pass, der zur "1A"-Reise ("First ACC") berechtigt; da er aber nur auf denjenigen Teilen des Streckenetzes verwendet werden kann, wo die ihm gemäßen Waggons verkehren (zwischen bestimmten Großstädten), wird einem in der Regel davon abgeraten, ihn für ausgedehnte Netzreisen zu erwerben. Der "Luxus", den einem Weiß einhandelt, rechtfertigt darüber hinaus kaum den fast doppelten Preis, der einem dafür noch einmal abverlangt wird. Im Grunde hat man nur etwas mehr Platz, braunen Teppichboden und eine Schiebetür vorm Abteil. Nicht wenige Indrail Pass-Nutzer erwerben daher Grün als Basis und zahlen, wo sich die Gelegenheit bietet, für "First ACC" ein Aufgeld.

Bezieht man die "Farben" des Indrail Passes auf die Bevölkerungsschichten, mit denen sie einen an Bord zusammenbringen, dann drückt Orange unterdurchschnittlich bis schlecht Gestellte, aber auch aufstrebende Jüngere, etwa Studenten, aus, Grün gutgestellte bis wohlhabende Familien und Weiß die Reichen. Wobei "reich" in Indien aufgrund seiner sozialistisch-planwirtschaftlichen Vergangenheit eher "gehobener Staatsdienst" als etwa "Unternehmer" bedeutet; letztere findet man hingegen, zusammen mit Freiberuflern und anderen, die besser Englisch sprechen, im "grünen" Bereich von "AC Two-Tier", "First Class" oder "Chair Car", wo sich der mitteleuropäische Reisende, der etwas von Land und Leuten mitbekommen möchte, daher am ehesten zurechtfindet.

Für den normalen indischen Schalterbeamten ist "AC Two-Tier" das Non-plus-ultra. Er versteht gar nicht, wie ausländische Reisende oft die nicht klimatisierte "First Class" vorziehen können. Der Grund: Die "FC"-Abteile mit ihren offenen Fenstern versiegeln einen nicht gegen Geräusche und Gerüche des vorbeiziehenden Landes; auch sind sie geräumiger. In den über 40 Grad heißen Vor-Monsunmonaten wird es allerdings auch der ausländische Reisende nur noch in den klimatisierten Waggons "Two-Tier" oder "Chair Car" aushalten.



Karten: Die für den deutschsprachigen Raum zuständige Generalverkaufsagentur der Indischen Eisenbahnen ist Asra-Orient, Kaiserstraße 50, 60329 Frankfurt am Main, Telefon 069 / 25 30 98, die Telefaxnummer: 069 / 23 20 45. Deren Unterlagen enthalten neben der "Indrail-Pass-Reiseanmeldung" auch Informationen in Deutsch zu anderen interessanten Angeboten der Indischen Eisenbahnen, zum Beispiel dem "Palast auf Rädern".

Mit dem Indrail Pass, heißt es bei Asra-Orient, kann man sich im indischen Eisenbahnnetz frei bewegen. Dies entspricht der Wahrheit; es empfiehlt sich trotzdem, spätestens vor Ort Platzkarten zu reservieren, am besten im International Tourist Bureau, Neu-Delhi Hauptbahnhof, wo man dann aber auch gleich den Indrail Pass erwerben kann. Ihn in Europa anzuschaffen, macht nur Sinn, wenn man damit die Chance nutzt, frühzeitig Reservierungen vorzunehmen. Dazu muss man die Nummer des gewünschten Zuges sowie das Abfahrtsdatum auf der Indrail-Pass-Reiseanmeldung vermerken. Die Züge stehen mit allen nötigen Angaben in dem Kursbuch "Trains at a Glance" der Indischen Eisenbahnen, das für ungefähr zehn Mark bei der Asra-Orient erworben werden kann, "solange der Vorrat reicht", also nicht auf jeden Fall. Die Kursbücher sind auch in Indien oft vergriffen.

Wenn man den Indrail Pass per Kreditkarte über die britische Generalverkaufsagentur erwirbt, kann man auf das Geschick Dr. Dandpanis, eines ehemaligen Angestellten der Indischen Eisenbahnen, zurückgreifen, der in zuverlässigem Telexkontakt mit dem International Tourist Bureau, Neu-Delhi Hauptbahnhof, steht: S.D. Enterprises Ltd. - 103, Wembley Park Drive, GB-Wembley Middlesex HA9 8HG; telefonisch unter der Nummer: 00 44 / 181 / 903 34 11, Faxnummer: 00 44 / 181 / 903 03 92, E-Mail-Adresse: dandpani@dircon.co.uk

Fahrpläne: Dr. Dandpanis Expertenteam schlägt einem auf Anfrage Fahrpläne vor oder stimmt sie auf die Vorlieben eines Antragsstellers ab. In letzterem Fall sind Angaben nötig, welche Reiseziele man in welchem Zeitraum verbinden möchte. Es wird einem dann ein genauer Fahrplan zugeschickt, der solange den Vorstellungen des Auftraggebers angepasst wird, bis dieser zufrieden ist. Der abgesegnete Plan wird nach Neu-Delhi durchgegeben, und man kann sich nach Ankunft in Indien dort im International Tourist Bureau sämtliche Platzkarten auf einmal abholen. Dies ist nirgendwo sonst in Indien möglich, erspart einem unendlich viel Warterei, Nerven und ist mit keinerlei zusätzlichen Kosten, nur dem Erwerb des Indrail Passes über S.D. Enterprises, verbunden.

Klassen: Wenn man keine weiteren Angaben macht, wird in der Regel "AC Two-Tier" in Nachtzügen vorgeschlagen und gebucht. Wer lieber tagsüber reist, sollte eigens darauf hinweisen. Auch falls er dann die nicht klimatisierte "First Class" vorzieht, weil er mehr durchs offene Fenster mitbekommen möchte. "First Class" wird leider zusehends durch "AC Two-Tier" beziehungsweise "Chair Car" ersetzt; der Wunsch danach kann also nicht immer erfüllt, sollte aber, wo er besteht, auf jeden Fall betont werden. Ein Fahrplan kann dann unter seiner größtmöglichen Berücksichtigung zustande kommen.

Ziele: Die Reiseziele in Indien sind Legion; einige von ihnen aber beziehen besonders reizvolle Bahnfahrten in "Spielzeugzügen" ein, nämlich die Hügelfrischen Matheran (bei Bombay), Ooty (in den Nilagiri-Bergen) sowie die Himalaya-Bergstationen Shimla und Darjeeling. Der Nilagiri Mountain Railway kam unter anderem in dem David-Lean-Film Reise nach Indien vor. Leider wird seine Strecke - wie auch die des Darjeeling Toy Trains - immer wieder von Erdrutschen in Folge des Monsuns verschüttet und ist dann meistens erst ab Februar/März wieder befahrbar. Die anderen beiden Strecken kennen solche Probleme nicht.

Literatur: Wer Indien auf eigene Faust bereist, braucht einen in allen Schlichen bewanderten Reiseführer. Der Klassiker ist nach wie vor India des Lonley Planet-Verlags. Das Buch hat bei aller Gründlichkeit den Nachteil, aus fast jedem Touristen-Rucksack zu gucken. Man fühlt sich bei seiner öffentlichen Handhabung früher oder später gebrandmarkt. Seine deutsche Übersetzung (Indien-Handbuch, 1212 Seiten bei G.E. Walther) hat - im Gegensatz zur französischen oder italienischen - wenigstens einen anderen (unauffälligeren) Einband, hinkt aber meistens eine Auflage hinterher, so dass mancher Hotel- oder Restaurant-Tip überholt ist.

Wesentlich handlicher bei gleicher Informationsfülle ist dank dünnen "Gesangbuch"-papiers das lila India Handbook von Robert und Roma Bradnok (Footprint Handbooks). Schließlich hat Royston Ellis mit India by Rail (Bradt Publications) auf 260 Seiten noch den letzten Tip zum Eisenbahnfahren in Indien zusammengetragen, etwa dass man immer eine vernickelte Kette mit Zahlenschloss bei sich haben sollte.

Wer noch nie in Indien war, mag zuvor Rainer Kracks Kulturschock Indien (Reise Know-How Verlag Peter Rump) lesen, um nicht aus allen Wolken zu fallen. Englische Bücher können zu deutschen Preisen bei darauf spezialisierten Versandbuchhandlungen wie Missing-Link, Westerstraße 114-116, 28199 Bremen oder amazon.de GmbH, Junkerstraße 7, 93055 Regensburg oder Mail Order Kaiser GmbH, Aachener Straße 11, 80804 München bestellt werden.

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