Zeitung Heute : in Kinshasa K.o.

Muhammad Ali und George Foreman boxten hier einst den Kampf des Jahrhunderts. Daran erinnern sich in der Hauptstadt des Kongos nur noch die Alten. Die Jungen trainieren in den Stadion-Katakomben für eine ungewisse Zukunft

Text: Judith Reker Fotos: Bernd hartung

Sonntags früh, bevor die Sonne ihre tropische Gewalt entlädt, übernehmen junge Männer in Kapuzenshirts den Boulevard Lumumba. Immer gegen die Fahrtrichtung federn sie am grünen Mittelstreifen entlang. Schlagen mit bandagierten Händen Geraden und Haken gegen Schatten, tänzeln vorbei an Autowracks, die auf dem Grün verrosten.

Die mehrspurige Straße führt vom internationalen Flughafen am Stadtrand bis zum alten Flugfeld N’dolo mitten in Kinshasas Einfache-Leute-Gegend. N’dolo ist das designierte Hauptquartier der EU-Mission, die unter Beteiligung der Bundeswehr die für Juli geplanten Wahlen sichern soll. Zwischen diesen Enden schneidet der Boulevard durch das geduckte Hüttenmeer des Armenviertels Masina. Dessen höchste Erhebungen sind Treppen am Straßenrand, Stufen, die ins Nichts führen. Man weiß nicht, existierten die Fußgängerbrücken jemals, zu denen sie führen sollten? Oder werden sie noch kommen, sind die Treppen zementierte Sprungschanzen in eine bessere Zukunft?

Letzteres ist unwahrscheinlich. Denn schnell fällt auf, was an dieser Stadt nicht stimmt. In der Sieben- oder Acht-Millionen-Stadt, Afrikas viertgrößter, wird nirgendwo gebaut. Kein Vertrauen in die Zukunft. Auch deshalb wohl bevölkern unzählige Verkäufer die Stadt. Statt in den festen Strukturen eines Geschäfts bieten sie ihre Waren in mobilen Tante-Emma-Läden feil. Sie stehen am Straßenrand und haben alles, von Matratzen bis zu Gesamtausgaben französischer Klassiker. Hier wird nichts aufgebaut, und was schon steht, verfällt. Deshalb wiegt die Erinnerung an das, was einmal war, schwerer als anderswo.

Auf dem Weg stadteinwärts streift der Boulevard Lumumba um Haaresbreite den Ort, auf den am 30. Oktober 1974 Millionen Augenpaare aus aller Welt gerichtet waren. Im Stadion Tata Raphaël prallten Muhammad Ali und George Foreman aufeinander, im Kampf des Jahrhunderts, im „Rumble in the Jungle“, im ersten und einzigen Schwergewichts-Weltmeistertitelkampf in Afrika.

Dass der Kampf in Kinshasa stattfand, lag vor allem an der Großzügigkeit des Gastgebers, des kongolesischen Präsidenten Mobutu. Während das Land sich im freien Fall in den Bankrott befand, spendierte er das Rekordpreisgeld von zehn Millionen US-Dollar. Aber es ging nicht nur ums Geld. Die Vorstellung, dass zwei schwarze amerikanische Boxer im Herzen Afrikas eine Meisterschaft austragen, löste auf beiden Seiten Gefühle afrikanischer Verbundenheit aus.

Für Ali und Foreman war Afrika der verklärte Mutterkontinent, aus dem ihre Vorfahren gewaltsam verschleppt wurden. „Ich bin zurück nach Hause gekommen, um hier mit meinem Bruder zu kämpfen“, sagte Ali bei seiner Ankunft. Und für ältere Kongolesen wie den 71-jährigen Gabriel Mamba Poyo, der damals die kongolesische Flagge ins Stadion trug, ist selbstverständlich: „Alis und Foremans Vorfahren kamen aus dem Kongo.“

Gastgeber Mobutu hatte eine ganz spezielle Variante des Panafrikanismus erfunden, die „Authenticité“. Seine vermeintliche Rückbesinnung auf authentische afrikanische Werte schlug sich zuerst in einer Flut von Umbenennungen nieder. Aus Joseph-Désiré Mobutu wurde darum Mobutu Sese Seko Kuku Ngbendu Wa Za Banga. Kongo hieß fortan Zaire, Léopoldville verwandelte sich in Kinshasa.

Dann nahm er sich die Kleidung vor. Frauen mussten die Miniröcke der 70er Jahre durch lange Wickeltücher ersetzen. Bei den Männern schaffte Mobutu die Krawatten ab, er kreierte „le Safari“, erinnert sich Mamba. Le Safari, das war ein eigenwilliger Anzug im Mao-Stil. „Aber damals, als Ali kam, haben wir alle ausgesehen wie James Brown. Perücke von Mama, spitze Schuhe und Hosen mit Schlag.“

Mamba, früher selbst Boxer, Kampfname „Jupiter“, besucht hin und wieder im Stadion seinen Freund, den Verwalter. Dann stehen sie beieinander, zwei alte Männer, und reden von früher. Der ruhige, schwere Mamba blickt aus dunkelblauen Augen hinunter zum Verwalter Rogers Wawa Binga. Er hört lächelnd zu, wenn Wawa, 1,57 Meter Dynamit in blauen Plastikschlappen, sich wieder einmal aufregt. „45 Minuten hat der Kampf gedauert, und wir haben verloren. Mobutu hat das Stadion umgebracht“, schnarrt der Verwalter. Angriffslustig zeigt er auf die leeren Parkplätze vor dem Stadion, deretwegen 1974 die Fußballfelder planiert wurden. „Jetzt haben die jungen Leute nichts mehr, wo sie sich treffen können.“ Nach den Parkplätzen führt Wawa Besucher gern in die schimmligen, nach Urin riechenden Katakomben. „Lasst uns zusammen weinen!“, sagt er und stapft im Dunkeln voran.

Foremans Seite steht vollkommen unter Wasser. Nur der kleine Raum, in dem er sich damals umzog, dient heute einer Gemeinde „Neues Jerusalem“ als spartanischer Kirchenraum. Auch Alis Seite ist heruntergekommen. Aber immerhin, hier hat der kongolesische Boxverband einen Sandsack aufgehängt und trainiert den Nachwuchs. Der 24-jährige Mwamba Yax zum Beispiel kam aus der 800 Kilometer entfernten Stadt Kananga, um in der Nationalmannschaft zu trainieren. Verdienen kann er nichts mit seinem Sport, er wohnt deshalb in den Katakomben. Ebenso wie eine ganze Familie von Flüchtlingen aus dem Osten des Landes.

Yax ebenso wie Wivine, eine junge Boxerin, die gerade zum Training kommt, genauso wie die Schattenboxer, die man sonntagmorgens auf dem Boulevard Lumumba trifft – wer sie nach dem „Kampf des Jahrhunderts“ fragt, erhält die Antwort: „Ja, klar, Muhammad Ali. Hab ich im Fernsehen gesehen.“ Von den großen Hoffnungen, dass das Ereignis wenigstens dem kongolesischen Sport einen Aufschwung bescheren würde, wissen sie nichts mehr.

Draußen, nur die Straße hinunter, landet man auf der Place de la Victoire, dem Zentrum von Kinshasas legendärem Rotlichtviertel Matongé. Am Tag liegt es so unscheinbar da wie alle anderen. Der Geruch von fettgebackenen Krapfen strömt durch die Straßen. Die Frauen hinter den Pfannen sitzen auf niedrigen Schemeln. Heute tragen sie freiwillig die gemusterten Wickeltücher, die Mobutu ihnen einst aufzwang. Geldwechsler an Klapptischen verschwinden hinter ziegelsteingroßen Stapeln kongolesischer Francs. Westafrikaner in bunten Boubous schlendern zwischen flachen Häusern entlang. Erst nachts merkt man, dass sich in Matongé eine Bar an die nächste reiht. Doch das Nachtleben ist nur noch ein Abglanz der 70er und 80er. Armut und regelmäßige Stromausfälle dämpfen ausgelassene Nächte. Heute sitzen Männer und Frauen beim Schein von Petroleumlampen im Stillen. Früher war Matongé das brummende Zentrum der kongolesischen Musik. Kongos bekanntester Musiker, Papa Wemba, wurde hier geboren.

Matongé bildete in den 80er Jahren auch das Zentrum der Sapeurs, und Papa Wemba war ihr König. Die Sapeurs, das waren die schrillsten Exzentriker Kinshasas, ihr Erkennungsmerkmal: Designerklamotten, das Etikett musste deutlich zu sehen sein, zum Beweis der Echtheit. Echt waren die Kleider meistens – und in Belgien geklaut. Benannt nach dem Akronym SAPE – Société des Ambianceurs et des Personnes Elégantes, Gesellschaft von Personen mit Ambiente und Eleganz – waren die Sapeurs die sichtbarsten Gegner von Mobutus Zwang zur „Authentizität“.

Die Sapeurs sind eine aussterbende Gattung, doch manchmal trifft man noch einen Vertreter. Den jungen Mann am Flughafen etwa, der mit Dandykappe auf einem verwachsenen Bein herumsteht und sein Hemd zur Schau trägt. Auf dem eng anliegenden Shirt prangt in fetten Lettern „Dolce & Gabbana“. Im Nacken schlenkert ein großes Etikett, da steht es noch einmal in goldenen Buchstaben.

Vielleicht, weil sie durch Mobutu darin geübt wurden, neue Namen auf Altbekanntes anzuwenden, sind die Bewohner Kinshasas so virtuos im Umbenennen. Und mit den neuen Namen geht nicht selten die Umwertung ins Gegenteil einher. So wurde aus dem Kosenamen für Kinshasa „Kin-la-Belle“, Kin die Schöne, bald „Kin-la-Poubelle“, Kin der Mülleimer. Ein großer Kunstmarkt vor dem Bahnhof ist allgemein bekannt als „marché des voleurs“, Markt der Diebe. Doch fragt man die Händler, woher dieser Name stammt, sagen sie, irgendein Bösewicht habe sich mutwillig verhört, der Markt heiße in Wirklichkeit „marché des valeurs“, Markt der Werte.

Kunstmarkt und Bahnhof liegen im nördlichen Teil der Stadt. Es ist das feine, ehemals weiße Kinshasa. Hier, im historischen Zentrum der Stadt, stehen die wenigen Hochhäuser Kinshasas, außerdem Verwaltungsgebäude, Botschaften und Villen. Einige eröffnen den Blick auf den braunen Kongo-Fluss.

Das historische Zentrum Kinshasas, sagt der Anthropologe Filip de Boeck, ist für die meisten Einwohner nicht mehr von Bedeutung. Sie leben nicht dort, sondern im Süden, in teilweise weit entfernten Satellitenstädten. Und Arbeit, Arbeit gibt es sowieso nicht. So wird die Peripherie zum neuen Zentrum, und die Begriffe verschwimmen.

In der Peripherie verwischt sich auch die Grenze zwischen Stadt und Land. Wer etwa den Boulevard Lumumba kurz vor dem internationalen Flughafen verlässt und einige 100 Meter in die Siedlungen hineinwandert, findet sich plötzlich zwischen Hainen und Feldern, wo Gemüse angebaut wird. De Boeck bezeichnet die Verländlichung Kinshasas als „Post-Urbanismus“.

Muhammad Ali, der selbst erklärte „wissenschaftliche Boxer“, schrieb in seinen Memoiren, er habe für den Kampf in Kinshasa einen geheimen Plan gehabt. Öffentlich sang er in jedes Mikrofon seine angebliche Strategie: „I’m gonna dance.“ Die post-urbanen Überlebenskämpfer Kinshasas haben keinen Geheimplan. Auf dem harten Pflaster des Boulevard Lumumba tänzeln sie, manche barfuß, einem ungewissen Ausgang entgegen.

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