Zeitung Heute : In Kölle ist die Hölle los

Robert Ide

Auf Pilgerfahrt mit den Fans, die die Kunst der Inszenierung feiernRobert Ide

Der Macher vom Rhein sitzt entspannt auf seinem Drehstuhl und zieht am Zigarillo. Unruhig bewegen sich nur seine Augen, die an einem Fernseher haften. Auf dem Bildschirm läuft "Big Brother", Deutschlands umstrittenste Fernsehshow. Rainer Laux ist der Produzent, und er verkündet stolz: "Das ist mein Spiel." Es ist Ostersonntag, 16 Uhr. Auf dem Spielplatz von Laux treffen die ersten Schaulustigen ein. Mit bunt bemalten T-Shirts und Plakaten erobern mehrere Hundert Teenager das Studiogelände inmitten eines grauen Industriegebiets vor den Toren von Köln. Mit Housebeats aus den Autos und Gejohle aus den Kehlen besetzen die Kids einen leeren Parkplatz, der an einen zweieinhalb Meter hohen Stacheldrahtzaun grenzt. Hinter der Absperrung sitzen sieben Menschen - jene Kandidaten, die 100 Tage in einem von Kameras überwachten Container aushalten sollen und von denen am Sonntag wieder einer das Haus verlassen sollte. Beim Abschirmen der Hauptpersonen vom Fußvolk ist deutsche Gründlichkeit nicht zu übersehen. Es gibt 130 Security-Ordner, Sichtblenden vor dem Container und sogar ein Pförtnerhaus. Der 17-jährige Adrian aus Ketsch bei Mannheim findet es "einfach geil hier". Gemeinsam mit vier Freunden ist er 300 Kilometer mit dem Auto gefahren, um sich vom einsetzenden Regen durchweichen zu lassen. Alle paar Minuten klingelt sein Mobiltelefon. Die Anrufer können dann von Adrian erfahren, dass "in Kölle die Hölle los ist". Zu diesem Zeitpunkt besteht die Hölle aus einem Platz mit drei Bierbuden, acht Dixi-Toiletten und einer wachsenden Menge telefonierender Jugendlicher. Lautstark tun die Fans ihre Forderungen kund. "Manu raus" und "Manu in den Zoo", heißt es in Sprechchören. Auch Zlatko, seit seinem Rauswurf aus dem TV-Gefängnis gefeierter Kultstar, ist inzwischen eingetroffen. Er steigt aus einem silbernen Mercedes und spielt ein wenig Fußball - "weil ich einfach Lust dazu habe". Weitergehende Fragen will er nur über sein Management beantworten lassen. Die Hälfte seiner Werbeeinnahmen geht an die holländische Produktionsfirma "Endemol", die "Big Brother" weltweit vermarktet. "Zlatko ist ein ehrlicher Charakter", sagt die 16-jährige Katja voller Achtung. Die Schülerin aus der Eifel hat sich mit Kajalstift den Namen ihres Idols auf die Stirn gemalt. "Ich wünsche mir, so stark zu sein wie er", sagt Katja, "und nicht so oberflächlich wie die Manu". Ihre Freundinnen Eva und Denise pflichten bei.

Laux sitzt derweil in seinem karg möblierten Büro und sonnt sich im Erfolg der Sendung. "Bei diesem Format kann man nichts falsch machen", lacht der Produzent, "denn alle Hausbewohner sind authentisch". Trotzdem sei jeder ersetzbar. "Das Drehbuch schreibt der Alltag, nicht wir", meint Laux. Aber was macht dann die Redaktion von "Big Brother" den ganzen Tag? Die Fernsehstrategen wollen diese Frage nicht gern beantworten. Nur mit Widerwillen gewähren sie Einblick in die Räume, an deren Wänden Wochenaufgaben und Speisepläne der Bewohner hängen. Redakteure dürfen nichts sagen, außer dass sie in einem "tollen Team" arbeiten. Das trifft sich täglich um neun Uhr zur Konferenz, um die Tages- und Nachtprotokolle von "Big Brother" auszuwerten. Die Berichte werden in der Regel von der Internet-Redaktion angefertigt, die an vier Bildschirmen das Geschehen im Haus live beobachtet und notiert, welche Szenen für die allabendliche Zusammenfassung sendefähig sind. Petra Moncef arbeitet in der vierköpfigen Gruppe und schreibt Artikel für die Homepage von "Big Brother" - derzeit die meistgelesene Internet-Seite Europas. Die 47-Jährige hatte zuvor Romane lektoriert und Filmankündigungen für den RTL-Videotext geschrieben.

In der Stammkneipe des derzeit beliebtesten Kandidaten Jürgen - "Beim Guido im Backstein" in Köln-Pesch - zweifeln einige Gäste an der Authentizität des Spiels. "Die Redaktion steuert die Sache durch die Auswahl der Bewohner", sagt Yavuz, der jahrelang mit Jürgen Fußball gespielt hat. "Die neue Kandidatin Sabrina ist doch nur drin, weil der dominanten Kerstin das Wasser abgegraben werden soll." Jürgens Bruder Michael ist überzeugt, dass sich auch die Bewohner selbst inszenieren. "Der Jürgen ist eigentlich ein wenig ruppiger. Aber der nimmt sich zurück, weil er weiß, dass das ankommt".

Also alles nur Show? Wer gegen Abend auf dem TV-Gelände herumläuft, kann Indizien dafür finden. Die Sicherheitsleute beginnen, Plakate einzusammeln, auf denen "Manu, du Schlampe" steht. Stattdessen werden unmittelbar vor dem Hauseingang "Manu-Fans" postiert. Die Stimmung droht zu eskalieren, als Hunderte Schaulustige die Dächer von umliegenden Häusern besteigen, um das Spektakel besser verfolgen zu können. Im Talkshow-Studio bleibt es dagegen ruhig. Manuelas Mutter sagt immerhin, dass sie die Sendung seit den Hasstiraden gegen ihre Tochter "nicht mehr lustig" findet. Deutliche Worte hatte bereits Manuelas Freund gefunden, der RTL 2 öffentlich angegriffen hatte. Inzwischen soll es einen handfesten Familienkrach darum geben.

Percy Hoven, Moderator der Talkshow, bewertet die Sendung weniger emotional. Ihn fasziniert, dass sich "Big Brother" als erste TV-Show "zu den Prinzipien unserer Gesellschaft bekennt, den Prinzipien einer knallharten Wettbewerbsgesellschaft". Kurz vor 22 Uhr ist es soweit. Hoven verkündet das Ergebnis der Ted-Abstimmung (Manu muss raus) und nimmt die Entscheidung aus dem Haus entgegen (Kerstin geht mit). Als die Freundinnen kurze Zeit später im Studio eintreffen, fließen Tränen bei den Angehörigen. Manuela und Kerstin sagen in die Kamera, wie glücklich sie sich fühlen. Kurz darauf ist die Show zu Ende.

Hinter den Kulissen gibt es einen Empfang, auf dem der Komiker Wigald Boning leise über den zunehmenden Kommerz im deutschen Fernsehen nachdenkt. Danach sagt er noch zwei Werbesprüche für einen Radiosender in ein Mikrofon. Die Fans gehen derweil nach Hause oder fahren in die Innenstadt zur "Zlatko-Party" in der Diskothek "Palladium". Als sie gegen Mitternacht dort ankommen, ist der Club geschlossen. Zlatko hat nur eine Stunde lang Platten aufgelegt, danach waren die Bilder im Kasten und der Spaß vorbei. Auf dem Industriegelände in Hürth wird derweil der Parkplatz von Bierbechern befreit. Es regnet in Strömen. Vom Studio 1 weht noch etwas Musik über das verwaiste Gelände. Dort geben Manuela und Kerstin unermüdlich Autogramme. Auf die Frage, ob sie sich als Verliererin sehe, schaut Manu empört hoch und sagt mit fester Stimme: "Natürlich fühle ich mich als Gewinnerin." Im übrigen wolle sie jetzt ihre Ruhe haben. Dann geht sie zum Tisch, an dem ihre Freunde sitzen, und umarmt jeden einzelnen mit einem Hauch Theatralik. Um sie herum stehen drei Kamerateams und sechs Fotografen. Manu versucht zu strahlen. Verliererinnen im Fernsehen müssen das.

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