Zeitung Heute : In Kroatien

von GREGOR DOTZAUER

Wann ihm ein Engel zum ersten Mal zuflüsterte, dass Mitteleuropa als Tragödie enden werde, lässt sich nach all den Engeln, die Delimir Resickis Gedichte bevölkern, gar nicht mehr klären. Sie geben ihm Kluges und Schreckliches ein und am liebsten beides zugleich. „Wenn du Zündhölzer hast / dann ist es leicht / eine Nadel im Heuhaufen zu finden“, raunen sie ihm beispielsweise zu, wobei die Düsternis solcher Zeilen im Tageslicht nur mühsam besteht. Die mitteleuropäische Tragödie, die Resicki beschwört, hat auf den ersten Blick etwas von einem Phantom. Vielleicht reist sie unsichtbar mit dem Bora, dem Jugo oder dem Maestral, den drei großen Winden, die über Kroatien herziehen. Oder sie versteckt sich hinter der Sonne, die zwischen Karst und Küste das ganze Land flutet, bis hinunter in die ertrunkenen Täler der Adria. Jenseits des aufgeputzten Barock, mit dem Zagreb den Besucher blendet, regiert zwar das Elend des Plattenbaus, und jenseits der römischen Ruineneleganz von Pula lauert eine provinzielle Enge, von der man lieber nicht angefallen werden möchte. Doch auch daran ist nichts unausweichlich, solange man in den Parks von Zagreb Zuflucht suchen kann oder in Pula mit einem Stapel Bücher in den Sofas des Kunstcafés Cvajner, einer ehemaligen k.u.k-Bank, versinkt, mit dem Wunsch, bis zum nächsten Sommer nicht mehr aufzustehen.

Wo also soll die Tragödie sein? Kündigt sie sich an in den beiden deutschen Immobilienmaklern, die in der Schlange am Flughafen von Split schamlos beratschlagen, wie sie den Einheimischen am schnellsten ihre Häuser abschwatzen und schon die Eroberung von Weißrussland und der Ukraine planen, weil Kroatien, wie die Glücksritter einander versichern, das Tor ist zum gesamten Osten? Zeigt sie sich in den Russen, die mit Geldkoffern anrücken, um sich, bevor es die Gesetze der Europäischen Union verhindern, noch schnell eine Privatinsel aus dem kroatischen Archipel auszusuchen wie einst Marschall Tito mit Brioni? Offenbart sie sich in den zur bitteren Komödie neigenden Scharmützeln, die Politiker scheinbar unverändert austragen, als herrsche ein knappes Jahrzehnt nach Franjo Tudjmans Tod immer noch die bleiern nationalistische Zeit des ersten postjugoslawischen Präsidenten, während ringsum die Warenwelt in allen kapitalistischen Marken und Farben leuchtet? Einen Moment lang meint man sie spüren, wenn man einen Mietwagen abholt und gefragt zu werden: Wollen Sie damit eigentlich auch nach Bosnien-Herzegowina? Aber was wie Sorge um die Zerstörungswut der Nachbarn klingt, kann ebensogut die Unschuld einer versicherungstechnischen Pflicht sein. In jedem Fall ist es erleichternd, Nein sagen zu können. Na dann, strahlt der Mann hinterm Schalter, ist ja alles kein Problem.

Die Tragödie liegt wahrscheinlich darin, dass alles Entscheidende längst geschehen ist. Wenn man wie Delimir Resicki aus einem Ort stammt, in dem Anfang der 90er Jahre der Bürgerkrieg besonders blutig tobte, wird man sie gerade in ihrer unmittelbaren Abwesenheit erkennen. „Doch darin liegt vielleicht / meine Kraft und mein ewig währender Vorteil“, schreibt der 1960 in Osijek geborene Resicki in seinem deutschsprachigen Lyrikdebüt „Arrhythmie“. „Ich erinnere für immer / an das, was vergangen ist / und ich muss mich nicht / vor den goldenen Kälbern der Zukunft verbeugen / die im Viehwaggon schlafen / auf dem Weg zum neuen Europa / und seinen alten Schlachthöfen / die in Disco-Clubs umgewandelt wurden.“

Der Weg ins neue Europa ist für Kroatien indes noch weit. Das Land erfüllt momentan nicht einmal ein Zehntel der Brüsseler Kriterien – auch wenn die touristische Blüte, die Kroatien erlebt, das Versprechen einer gloriosen Zukunft schon einzulösen scheint. Ein Fünftel des Bruttoinlandsprodukts ist ihr zu verdanken.Mit rund zehn Millionen ausländischen Urlaubern bewegen sich in den Sommermonaten schon doppelt soviele Menschen durch das Land wie Einheimische, und die Zahlen steigen.

In der goldenen Zeit, sagt Resicki, war Mitteleuropa ein geistiger Raum, in dem es möglich war, den anderen zu achten. Heute bleibe einem nur noch die Melancholie über eine für immer verlorene Gelegenheit. Er ist Gast des „Sa(n)jam knjige“ in Pula, eines alljährlich im Dezember von der Buchhändlerin Magdalena Vodopija in den Räumen einer alten Marinebibliothek ausgerichteten Buchmesse mit angeschlossenem Literaturfestival. Der Name spielt mit den Wörtern Messe und Traum, und ein Traum wird hier tatsächlich acht Tage lang gelebt. Denn hier findet sich unter kroatischer Ägide noch einmal eine mitteleuropäische Internationale zusammen, die sich ihre kulturelle Offenheit nicht nehmen lassen will und deshalb auch den Bosniaken Dzevad Karahasan einlädt oder den aus dem serbischen Novi Sad stammenden Ungarn László Végel.

Resicki, heißt es oft, sehe aus wie ein Psychiater aus Horrorfilmen. Er ist aber auch sich selbst gegenüber nicht zimperlich. Ich bin nicht jung und schön, sondern dick, hässlich und traurig, sagt er. Seine Erzählungen beschreibt er als die eines aus Polen nach Kroatien eingewanderten Bruno Schulz, der Pornofilme dreht und dabei David Lynch trifft. Seine Poesie ist nicht weniger synthesewütig. Die Brücken von Budapest sind ihm so vertraut wie die Laternen von Warschau und die Schwalben der Baranja, jener flachen, morastigen Gegend, die sich rings um seine slawonische Heimat erstreckt. Wenn man den Assoziationsraum seiner Gedichte abstecken will, muss man nur die entsprechenden Widmungen und Anspielungen sammeln. Sie umfassen Trakl und Rilke, Gustav Meyrink und Raymond Carver, Buddy Holly und Andrej Tarkowski, den Slowenen Srecko Kosovel und Roland Barthes – zuviel von allem, doch in einer bildkräftigen, formal unverkünstelten Gedankenlyrik dann doch überzeugend zusammengeführt. Resicki schreibt mit einer Art kontrollierter Maßlosigkeit, die man vielleicht entwickeln muss, wenn man als junger Mensch zuviel Pogo getanzt, zuviel Krieg erlebt und zuviel Freud, Lacan und Zizek gelesen hat: letzteres ein Zug, den er mit seinen Freunden von der Zeitschrift „Quorum“ teilt, die die Postmoderne in die kroatische Literatur brachten und bis heute nicht losgeworden sind. Solange ihr ein neuer Realismus gegenübersteht, der sich allzusehr in eine soziale Wirklichkeit verstrickt, die eher dem Journalismus gehört, werden sie ihn auch gar nicht loswerden wollen.

1990, kurz vor Ausbruch des Krieges, erschien Resickis erster Lyrikband „Die die Darling“. Den Umschlag zierte eine Fotografie von August Schreitmüllers Skulptur „Güte“, die vom Rathaus über das zerbombte Dresden im Zweiten Weltkrieg schaut und zu dessen Sinnbild wurde. Mit dem Foto und den Gedichten wurde Resicki zum Propheten der Balkankatastrophe, die das Land sehr unterschiedlich traf. Der Krieg hat Vukovar zerstört, Dubrovnik in schwere Mitleidenschaft gezogen und Zagreb nur wenige Tage lang gestreift. Doch der Verleger und Publizist Nenad Popovi´c hat recht, wenn er in seiner Anthologie „Kein Gott in Susedgrad“ erklärt: „Die kroatische Literatur der Gegenwart ist noch heute ohne den Krieg 1990 bis 1995 nicht denkbar. Wie konnte man schreiben, wenn man im Rundfunk und Fernsehen täglich die nahende Apokalypse verfolgte?“ Er berichtet von Sinisa Glavasevi´c, einem jungen Redakteur von Radio Vukovar, der erschütternde Texte aus seiner eingekesselten Stadt sendete, bevor er seine letzte Aufgabe darin fand, den Kindern von Vukovar am Mikrofon vorzulesen. Als die Serben in die Stadt eindrangen, führten sie ihn und seinen Tontechniker ab und erschossen beide.Wenig später wurde in Dubrovnik der Dichter Milan Milisi´c, ein Serbe aus Kroatien, von einem Granatsplitter tödlich verletzt. „So stand der Tod von zwei Dichtern am Anfang der zeitgenössischen kroatischen Literatur“, resümiert Popo-

vi´c. Das prägt, selbst wo es nicht unmittelbar thematisch wird, alle wichtigen Autoren der letzten Jahre. Es handelt sich nicht zwangsläufig um Trümmerliteratur, aber um eine über Trümmer hinwegsehende Literatur, und es gilt für Ivana Sajko („Rio Bar“) wie für Edo Popovi´c („Kalda“), der sich als Kroatiens bester Kriegsreporter einen Namen machte.

Miljenko Jergovi´c, 1965 in Sarajevo geboren und in Zagreb zu Hause, ist der bedeutendste Erzähler seiner Generation. Wie Resicki ist er mit westlicher Popkultur in einer Aufbruchszeit aufgewachsen, die durch den Krieg brutal beendet wurde. Ein Star von seinen journalistischen Anfängen an, der, wenn er sich denn blicken lässt, von seinen Fans auf der Straße angehalten wird. Und ein Einzelgänger, der von dem Gastlandauftritt in Leipzig nichts wissen will. Auch von der heimischen Schriftstellerszene hält er sich fern, nachdem er aus allen Verbänden ausgetreten ist. „Die Sache ist simpel und überhaupt nicht dramatisch“, erklärt er per E-Mail. „Ich brauche keinen Schriftstellerverein, weder für meine politische noch für meine gesellschaftliche Bestätigung, wobei gerade in postkommunistischen Ländern solche Verbände immer noch dazu dienen.“ Sein Prosadebüt „Sarajevo Marlboro“ (1994), ein Kaleidoskop von kurzen Szenen aus der belagerten Stadt, gilt bis heute als Paukenschlag in der kroatischen Literatur, obwohl Jergovi´c als gebürtiger Bosnier mindestens eine doppelte Identität für sich beansprucht.

„Der Grundunterschied ist der, dass die bosnische Identität ein Kompositum ist, die kroatische Identität aber monolithisch. Allein dadurch, dass ich in Bosnien aufgewachsen bin und dort geformt wurde, bin ich auf eine bestimmte Weise auch ein Kompositum. Obwohl ich als bosnischer Kroate geboren wurde, bin ich auch ein bosnischer Serbe und ein bosnischer Muslim. Diese Tatsache empfinde ich als Segen, denn sie ist literarisch ausgesprochen fruchtbar. Zugleich ist sie aber auch der Auslöser für zahlreiche gesellschaftliche Missverständnisse, die ich in Kroatien erlebe. Was gut für die Literatur ist, erweist sich oft als schädlich für das Leben.“

Im Gegensatz zu anderen bekannten Schriftstellern wie Slavenka Drakuli´c, Dubravka Ugresi´c oder dem gleichfalls aus Sarajevo stammenden Igor Stiks („Die Archive der Nacht“), die von Chauvinisten oder Neidern gerne als Verräter gebrandmarkt werden, hat er sein Land aber nie verlassen. „Ich sage nicht, dass mich die kanadischen Wälder oder die finnischen Seen nicht interessieren, aber sie sind nicht meine Welt. Erstens bin ich nur schwer in Gang zu setzen, ich bin träge und ziehe nicht gerne um. Zweitens befindet sich hier die Welt, über die ich schreibe und der mein ursprüngliches Interesse gilt.“ Der internationale Ruf, den er sich von Zagreb aus erarbeitet hat, gibt ihm Recht, auch wenn er im deutschsprachigen Raum längst nicht den Erfolg genießt, der ihm spätestens seit „Mama Leone“ (1999) gebührt. „Filmwunder ereignen sich meist in Amerika, literarische sind überall möglich. Um einen Film zu machen, muss einem jemand sehr viel Geld geben. Einen Roman kann jeder schreiben.“

Dabei hat er erst in den letzten Jahren mit dem „Walnusshaus“ zu epischen Formaten gefunden, auch in Verehrung für eine Figur, als deren Nachfahre er zuweilen beschrieben wird. „Im 20. Jahrhundert gibt es zwei wirklich große kroatische Schriftsteller. Der erste ist Miroslav Krleza und der zweite Ivo Andri´c. Andri´c ist ein Bosnier, gehört aber mit seinem literarischen Werk und Schicksal der bosnischen, serbischen und auch der kroatischen Literatur an. Doch das Hauptthema seiner Literatur ist Bosnien.“ Zur Lektüre empfiehlt er überraschenderweise nicht die „Brücke über die Drina“, die Andri´c 1961 den Nobelpreis einbrachte, sondern den weniger bekannten Roman „Wesire und Konsuln“, einer Chronik von Andri´cs Geburtsstadt Travnik. Unter den Zeitgenossen liegt ihm Boris Dežulovic mit „Christkind“ am Herzen – ein noch unübersetzter Zeitreiseroman, dessen Protagonist sich ins oberösterreichische Braunau begibt, um den achtjährigen Hitler zu ermorden.

Jergovi´cs multiethnische Identität wirkt um so fremder, als die Kroaten heute mehr denn je eine gezielte, auf Abgrenzung bedachte Sprachpolitik betreiben, während sich die Serben eher durch eine Rückkehr zur kyrillischen Schrift abschotten. Das Bemühen, sich von einem als erzwungene Kunstsprache empfundenen Serbokroatisch abzusetzen, scheint dabei nur zum Teil politisch motiviert. Schon Miroslav Krleza, ein glühender Kommunist und Titoist, tat sich als Unterzeichner einer „Deklaration über die Bezeichnung und Stellung der kroatischen Schriftsprache“ hervor, die 1967 Teil des „Kroatischen Frühlings“ war, in dessen Rahmen kroatische Intellektuelle ein Stück Autonomie gegenüber der Regierung in Belgrad herzustellen versuchten. Wo aber berühren sich ethnisches und politisches Bewusstsein? Jergovi´cs Schreiben Turzismen vorzuwerfen, wie es Kritiker getan haben, zeugt jedenfalls von einer Bornierheit, die es schwermacht, Kroatiens faschistische Ustascha-Vergangenheit zu vergessen, die offenbar immer wieder einmal aufblitzt.

Besuch beim Zagreber DHK, Kroatiens ältestem Schriftstellerverband. Uns gibt es seit 1900, erklärt in makellosem Deutsch der Germanistikprofessor Ante Stama´c, der kulturpolitisch immer noch gerne das Wort führt, obwohl er sein Präsidentenamt an Stjepan Cui´c abgetreten hat. Seit 1900! Und wie eng unsere Beziehungen zur deutschen Literatur waren: Walter Höllerer, der Dichter, Wissenschaftler und gute Geist des Literarischen Colloquiums am Berliner Wannsee, oder H.C. Artmann, der Wiener Sprachartist: Sie alle waren unsere Gäste! Und heute die alljährlichen Zagreber Literaturgespräche, die den Blick längst wieder über unsere Grenzen hinausrichten! Und die serbische Dramatikerin Biljana Srbljanovi´c, die hier schon am Theater gastiert hat! Nicht nur der Stolz auf die Tradition lässt ihn all das betonen. Es ist auch der Ärger, dass mit dem HDP unter Velimir Viskovi´c seit dem Herbst 2002 ein Störenfried aufgetaucht ist, der von sich behauptet, der modernere, weltläufigere und liberalere Schriftstellerverband zu sein und das mit einer postmodernen Phraseologie auch wirkungsvoll bedient. Selbst die diplomatischsten Fragen zum damaligen Zerwürfnis führen aber ins Leere. Lassen Sie uns nicht über die Vergangenheit reden, sagt er auf einmal, schauen wir lieber in die Zukunft!

Die hochherrschaftlichen Räume des DHK auf dem zentralen Ban-Jelaci´c-Platz, der die Unter- von der Oberstadt trennt, beherbergen mit dem Klub Knjizevnika auch eines der feinsten Zagreber Restaurants. Doch was ein wunderbarer Ort des Debattierens sein könnte, ist für die meisten Schriftsteller trotz Ermäßigung auf die Kartenpreise unerschwinglich. Deshalb tafelt hier in einer Umgebung, die nach westeuropäischen Maßstäben nicht einmal übertrieben luxuriös ist, eher die einheimische Wirtschaft. Eine Heimstätte des Geistes ist der Klub auch sonst nur bedingt. Wer am Kopf des Speisesaals, wo Bücherregale mit Folianten bis zur Decke ragen, nach der Gesamtausgabe von Antun Mihanovi´c greift, dem Dichter der kroatischen Nationalhymne, hat plötzlich Attrappen in der Hand.

Die Vorstellung, man könne sich die Literatur eines Landes von einem Verband ausgehend erschließen, mutet vielleicht absurd an. Für kroatische Schriftsteller ist sie etwas Selbstverständliches. Die Mitgliedschaft dient, neben regelmäßigen Veröffentlichungen, dem Nachweis einer hauptberuflichen Tätigkeit. Nur so kommt man in den Genuss einer 20-prozentigen Steuerminderung und erhält das Recht, staatliche Stipendien zu beantragen. Die Verbände organisieren wesentlich das literarische Leben und bilden es in Zeitschriften ab - in Übersetzung auch für das Ausland. Was für den DHK auf diesem Gebiet die seit 1966 erscheinende Zeitschrift „Most“ (Brücke) ist, heißt beim HDP „Relations“. Beide entwerfen mit Klassikerdossiers, Essays und aktueller Literatur buchdick und im Großformat ein umfassendes Bild.

Die Spaltung der Verbände soll auf einen Rechtsruck des DHK unter Ante Stama´c zurückgehen. 2001 sagten Nenad Popovi´cs Verlag Durieux und die angesehene linksliberale Wochenzeitung „Feral Tribune“ aus Split ihre Teilnahme am Kroatischen Gemeinschaftsstand auf der Frankfurter Buchmesse ab, um dagegen zu protestieren, dass Stama´c, den sie einen nationalistischen Scharfmacher nannten, einen Vortrag hielt. Man würde ihm das, freundlich und blitzgescheit, wie er wirkt, so nicht ansehen. Auch seine Verdienste als Germanist und Kulturvermittler stehen außer Frage. Erst vor wenigen Jahren hat Stama´c Goethes „Faust“ ins Kroatische neu übersetzt – und zwar beide Teile. Aber man ahnt etwas von seiner pathetisch-patriotischen Veranlagung, wenn man sein unter dem Titel „In der Stunde höchster Not“ 1997 bei Bastei-Lübbe auch auf Deutsch erschienenes Buch über „Kroatische Lyrik im Krieg“ zur Hand nimmt. Er hat es zusammen mit dem amtierenden konservativen Ministerpräsidenten Ivo Sanader, einem über Jean Anouilh promovierten Romanisten und zeitweiligen Theaterintendanten, herausgegeben.

Die Nähe von Geist und Macht irritiert nicht nur bei Stama´c. Im Fall von Ivo Sanader, dem nachgesagt wird, er habe seine Partei, die HDZ, mit harter Hand vom Tudjman treuen Haufen in eine einigermaßen liberale Volkspartei verwandelt, scheint sie sogar die beste Voraussetzung seiner Karriere gewesen zu sein. Sie mag ein Relikt des sozialistischen Gesellschaftswesens sein. Ganz sicher gedeiht sie aber auf dem Boden eines Landes, in dem zumindest im Kulturbereich jeder jeden kennt und staatliche Subventionen aufwiegen müssen, was der heimische Markt an wirtschaftlich autonomen Existenzen nicht hergibt. Seid Serdarevi´c, der agile, auf den westlichen Markt drängende Verleger von Fraktura, kalkuliert seine Bücher (nicht nur bei ihm beträgt die Erstauflage 1000 – 1500 Stück) deshalb mit maximal zehn Prozent Druckbeihilfe. Er will handlungsfähig bleiben, auch wenn ihm die öffentliche Gunst entzogen wird. Wohin das so segensreich wirkende Modell geführt hat, ist jeden Tag aufs Neue zu sehen: Kontrolle und Liebedienerei, Korruption auf dem kleinen Dienstweg, gepaart mit Schlitzohrigkeit und der Kunst des Ränkeschmiedens.

Auf sie versteht sich auch der konservative Kulturminister Bozo Biskupi´c: ein kleiner, runder Mann, dessen Charme nur mit dem Gift konkurriert, das er versprühen kann. Er hat sich überzeugen lassen, den Gastlandauftritt Kroatiens auf der Leipziger Buchmesse zu finanzieren. Die vaterlandslosen Gesellen, die ihn ausrichten, sind ihm aber nicht geheuer. Wollen Sie sich nicht noch ein Stück weiter links von mir setzen, fragt er Alida Bremer, die federführende Organisatorin des Schwerpunkts beim spätnachmittäglichen Empfang im Ministerium. Während seine deutschen Besucher, von Biskupi´c in ihrer Landessprache umgarnt, noch an ihrem Fruchtsaft nippen, ahnen sie nicht, dass sich im Dverce, dem Stadtpalais in der Oberstadt, die Zagreber Presse in Erwartung der Deutschen vergeblich die Beine in den Bauch steht. Biskupi´c hat in letzter Minute seinen Empfang anberaumt, um das Aufeinandertreffen zu torpedieren. So funktionieren die Spielchen.

Die andere Geschichte von der Spaltung des Schriftstellerverbands geht übrigens so, dass der gescheite Herr Stama´c den nicht weniger gescheiten Herrn Viskovi´c als Mazedonier beschimpft haben soll, was auf der Skala der kroatischen Beleidigungen weit oberhalb von Jude oder Zigeuner rangiert. Worauf der in seiner Ehre gekränkte Herr Viskovi´c eben einen zweiten Schriftstellerverband gründen und sich zu dessen Präsident wählen ließ und dabei beträchtliche Gefolgschaft fand. Die Details der persönlichen Auseinandersetzung sind nicht verbürgt. Doch selbst wenn man die Umstände genauer in Erfahrung bringen könnte, bliebe das Ganze typisch für den Umgang miteinander. Zwischendurch platzt einem Akteur in einer Art Lagerkoller mehr oder weniger öffentlich der Kragen. Das Gros der Konflikte jedoch wird wird hinter dem Rücken des anderen ausgetragen. Selbst einige der als besonders liberal geltenden Akteure kriegen den Mund immer nicht immer auf. Wirklich grün sind hier einander nur die wenigsten. Da besitzt es eine gewisse Logik, dass die meisten Schriftsteller mittlerweile prophylaktisch Mitglied beider Verbände sind.

Am Ausgang des DHK liegt eine ziemlich mitgenommene Broschüre mit Übersetzungen des Dichters Drago Ivanisevi´c. Darin findet sich auch das Gedicht „Spiele vom europäischen Maskenball“: „Man muss zunächst das Messer gut schleifen, / das kann man am besten am Halse des Bruders, dann muss man ein Glas Wein oder Schnaps austrinken, / auf den Krieg prosten oder auch nicht, / darauf kommt es nicht an, / dann muss man vorsichtig die Mutter abstechen, /sie rücklings hinlegen und sich rücklings danebenlegen, / und (seinen) Kopf an ihren Busen lehnen, / dann, vorsichtig, um die Gelenke nicht zu verletzen, / alle (seine) Nägel langsam aus den Nagelbetten ziehen, / dann einige Gläser Wein oder Schnaps trinken / und den Tränen freien Lauf lassen, die Mutter beweinen / lange, lange sich ausweinen, / dann muss man mit den angespitzten Fingern / Blut und Tränen vermischen / und viele Längsstreifen über das Hemd ziehen / (das Hemd kann weiß, schwarz oder bunt sein) / der Rest wird dann leicht gehen.“ Es stammt nicht etwa aus den letzten Jahren. Ivanisevi´c, 1907 in Triest geboren, ist seit über einem Vierteljahrhundert tot. Es stammt aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs.

Neuerscheinungen (Auswahl):

Die Horen (229). Fabula rasa oder Zagreb liegt am Meer. Die kroatische Literatur der letzten 25 Jahre.

240 Seiten, 14 €.

Delimir Resicki: Arrhythmie. Gedichte. Zweisprachige Ausgabe. Aus dem Kroatischen von Alida Bremer.

Edition Korrespondenzen, Wien 2008. 190 S., 19,90 €.

Nenad Popovi´c (Hg.): Kein Gott in Susedgrad. Neue Literatur aus Kroatien. Schöffling & Co,

Frankfurt a. M. 2008. 300 S., , 19,90 €.

Edo Popovi´c: Kalda.Roman. Aus dem Kroatischen von Alida Bremer. Mit Audio-CD. Voland & Quist,

Dresden 2008. 288 Seiten, 21,90 €.

Miljenko Jergovi´c: Mama Leone. Erzählung.

Aus dem Kroatischen von Klaus Detlef Olof. Wieser Verlag, Klagenfurt 2008. 250 Seiten, 19,80 €.

(Neuausgabe innerhalb der Kroatischen Bibliothek mit vielen modernen Klassikern.

Weitere Informationen: www.crobuch.de

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

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