Zeitung Heute : In Labor und Kantine

Bei „Unicat“ überwinden Sozial- und Naturwissenschaftler die Grenzen ihrer Fächer.

Susanne Hörr
Die Sprache des anderen verstehen. Nina Baur und Peter Hildebrandt kommen aus scheinbar gegensätzlichen Fachgebieten. Am Exzellenzcluster „Unicat“ arbeiten sie zusammen. Foto: TUB/Dahl
Die Sprache des anderen verstehen. Nina Baur und Peter Hildebrandt kommen aus scheinbar gegensätzlichen Fachgebieten. Am...

Sie sind zwei Wissenschaftler der TU Berlin, die sich unter gewöhnlichen Umständen wohl nicht über den Weg laufen würden. Nina Baur forscht auf der einen Seite des Grabens, der die Sozial- und Geisteswissenschaften von den Naturwissenschaften trennt, Peter Hildebrandt auf der anderen. Er ist Professor für Physikalische Chemie, sie Professorin für Methoden der empirischen Sozialforschung. Vor vier Jahren aber haben sich ihre Wege zufällig gekreuzt.

Heute sitzen sie gemeinsam in Hildebrandts Büro vor einer Tafel mit chemischen Formeln und sprechen über ihre Zusammenarbeit in dem Exzellenzcluster „Unicat“, in dem rund 250 Wissenschaftler arbeiten. Professoren und Doktoranden aus Fachrichtungen wie Chemie, Biologie, Physik und Ingenieurwissenschaften wollen darin gemeinsam in der Katalyseforschung vorankommen.

Dass die Grenzen nicht nur zwischen homogener, heterogener und biologischer Katalyse liegen, sondern die Probleme bei viel banaleren Dingen anfangen, wurde Hildebrandt, dem stellvertretenden Sprecher des Clusters, schon vor vier Jahren bewusst: „Die einzelnen Disziplinen sprechen verschiedene Sprachen, und sie haben unterschiedliche Kulturen. Das hat auch Konsequenzen für die Integration des wissenschaftlichen Nachwuchses“, sagt Hildebrandt. So kam er auf die Idee, die Soziologin mit ins Boot zu holen. Er wandte sich mit dem diffusen Gefühl an Nina Baur, dass man in dem riesigen Netzwerk die Kommunikation und die Karrierechancen der Einzelnen verbessern könne.

„Vieles läuft implizit als Routine ab. Manchmal treten Konflikte auf und keiner weiß genau warum. Eine Sache, die die Soziologie leisten kann, ist es, diese Dinge wieder explizit zu machen“, sagt Baur, die mit ihrer Forschung vor allem Deutungsangebote liefert, von denen die Forscher des Clusters Maßnahmen ableiten können. Mit qualitativen Interviews, standardisierten Befragungen und Laborbeobachtungen erforscht das Team der Soziologin die blinden Flecken des Netzwerks: wie die Vernetzung funktioniert, warum Biologen anders Karriere machen als Ingenieure oder wie Mitarbeiter Cluster und eigenes Fach vereinen können.

Überraschend für Hildebrandt war, dass junge Forscherinnen längst nicht in dem Maße in Entscheidungen einbezogen werden wie ihre männlichen Kollegen – und das, obwohl das Cluster aktive Frauenförderung betreibt. Baur und ihre Kollegen fanden heraus, dass die Probleme paradoxerweise ein Ergebnis der Frauenförderungspolitik waren: „Das Cluster hat sehr viele Maßnahmen ergriffen, um Frauen anzuwerben, aber in manchen Fällen wurde zu wenig für die Integration der Wissenschaftlerinnen unternommen.“

Auch banale Gründe behindern die aktive Einbindung von Frauen in Kooperationsprojekte. So beobachteten die Soziologen das Mittagessen einer Arbeitsgruppe und stellten fest, dass Männer darüber Kontakte knüpfen, die später karriererelevant werden. Frauen hingegen blieben außen vor, da sie es bevorzugen, in kleineren Gruppen essen zu gehen.

Hildebrandt sieht ein großes Potenzial in der Kooperation von Natur- und Ingenieurwissenschaften mit den Sozialwissenschaften: „Die Erkenntnisse, die wir hier gewinnen, können auch in andere Excellenzcluster einfließen. Forschungsnetzwerke wird es immer geben.“

Auch Baur ist davon überzeugt, dass die Ergebnisse nicht nur für die Soziologie und Unicat interessant sind, sondern auch der TU Berlin als Ganzes helfen können: „Wir haben hier ideale Möglichkeiten, technische Wissenschaften und andere Disziplinen in Kontakt zu bringen. Das ist an anderen Universitäten nicht unbedingt der Fall.“ Diese Stärke hat ihren Ursprung in der Nachkriegszeit, als sich die Universität eine humanistische Orientierung gab und mit dem Germanisten Walter Höllerer jemanden fand, der das Zusammenwirken der Disziplinen harmonisierte. Diese Tradition lassen Nina Baur und Peter Hildebrandt mit ihrer Forschung wieder aufleben. Im Labor und in der Kantine. Susanne Hörr

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