Zeitung Heute : In Mecklenburg bald ohne Führerschein unterwegs

Winfried Wagner

Für Hans Breitenmoser ist es ein Problem, für Eva Irina Mühleck eine Chance. An diesem Wochenende beginnt die Saison auf der größten zusammenhängenden Seenplatte Europas - das Wasserstraßen-System von Berlin, über die Havel, die Müritz und die Müritz-Elde-Wasserstraße bis nach Hamburg. Erstmals sollen große Teile der mehr als 300 Kilometer langen Wasserstraßen von Hobby-Kapitänen auch ohne Führerschein befahren werden können.

"Das ist sehr gefährlich, wir haben im Bundesministerium interveniert", sagt Breitenmoser, Chef eines Kreuzfahrtunternehmens. "Jetzt können viele erstmals auch ganz privat schippern", freut sich dagegen Geschäftsfrau Mühleck, die bei dem nach eigenen Angaben größten deutschen Hausbootcharterer - der Kuhnle Tours GmbH - arbeitet.

Wie die genauen Bestimmungen für die Freizeitkapitäne lauten, kann jeder schon seit Januar im Internet nachlesen. Offen ist bisher aber ein konkreter Termin, von wann an sie gelten sollen. Selbst in den Wasser- und Schifffahrtsverwaltungen heißt es, das werde in Berlin entschieden. "Wir haben wegen der schon eingegangenen Buchungswünsche erst einmal eine Vorabgenehmigung beantragt", sagt Mühleck.

Das Unternehmen Kuhnle, dessen mecklenburgischer Stützpunkt in Rechlin liegt, verfüge allein an der Seenplatte über rund 100 Boote, die im Vorjahr von etwa 8000 Kunden genutzt wurden. Von der neuen Regelung erhoffe man sich vor allem neues Charterpublikum, mit dem ersten Hoch werde dabei zu Ostern gerechnet. Dann könnten, so die unverbindliche Information aus dem Berliner Verkehrsministerium, auch die neuen Regelungen in Kraft gesetzt worden sein.

Seit Januar protestiert auch die Fahrgastschifffahrt gegen das zunächst auf drei Jahre befristete Pilotprojekt des Bundesverkehrsministeriums, das für große Teile der Mecklenburgischen Seenplatte, die Gewässer in der Uckermarck um Lychen und Templin und an der Saar gelten soll. Auch die Einschränkungen - so darf die Müritz als größter deutscher Binnensee ebenso nicht ohne Führerschein befahren werden wie die Schweriner Seen - stellen die Branche nicht zufrieden. Auch für den Plauer See sind Beschränkungen geplant.

Für Breitenmoser geht die Regelung für die oft schmalen Kanäle und Wasserstraßen zu weit. "Wir wollen auf die Gefahren hinweisen, bevor etwas passiert", sagt der Geschäftsführer, dessen Kreuzfahrtschiffe ebenfalls wieder zwischen Berlin und Schwerin unterwegs sind - zum Teil fast ausgebucht. Um die Gefahren gewissermaßen zu umschippern, hat das Ministerium die Länge der Boote, die ohne Führerschein gefahren werden können auf 13 Meter, die Geschwindigkeit auf zwölf Kilometer in der Stunde und die Besatzung auf maximal zehn Personen begrenzt.

Doch nicht nur die Fahrgastschifffahrt sieht in der Regelung Probleme. Auch bei der Wasserschutzpolizei gibt es starke Zweifel, ob die Zeit denn schon reif sei für solche Freizügigkeit. Schon bisher habe es massive Probleme vor allem mit jugendlichen Hobby-Kapitänen gegeben, die ihre Fünf-PS-Boote gerade in den Kanälen oft haarscharf an Unfällen vorbeigesteuert hätten. Die Verantwortung, die mit der neuen Regelung auf alle Beteiligten zukommt - darüber besteht offenbar Einigkeit - ist groß. So hat der Gesetzgeber dem Charter- Unternehmen eine "gründliche Einweisung" ins Stammbuch geschrieben und das Alter der Hobby-Kapitäne auf mindestens 16 Jahre festgesetzt.

"Wir werden das genauestens kontrollieren", heißt es offiziell bei der Wasserschutzpolizei. Von wann an bleibt unklar. Denn seit Januar heißt es im "Elektronischen Wasserstraßen Informationssystem" - kurz Elwis -: Die Neufassung der Verordnung wird rechtzeitig zur Wassersportsaison 2000 in Kraft gesetzt. Fürs Erste werde sie eben Ausnahmeregelungen beantragen, sagt Eva Irina Mühleck.

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