Zeitung Heute : „In Menschen investieren“

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Bis 2015 soll die Zahl der Armen weltweit halbiert werden. In Afrika nimmt die Armut indes zu. Was sind die Ursachen dafür, Frau Maathai?

Eins der größten Probleme ist die extreme Verschuldung der afrikanischen Staaten. Kenia muss 40 Prozent seines Staatseinkommens in den Schuldendienst stecken. Dabei würde das Geld dringend an anderer Stelle gebraucht. Zwar versuchen wir nun erstmals, Kindern einen kostenlosen Schulbesuch zu ermöglichen, aber eine kostenlose Basisgesundheitsversorgung können wir uns nicht leisten. Deshalb denke ich, dass es eine Entschuldung geben sollte und faire Handelsbedingungen. Außerdem sollten die reichen Länder ihr Versprechen halten und 0,7 Prozent des Inlandseinkommens für Entwicklungshilfe zur Verfügung zu stellen.

Sind die reichen Länder verantwortlich?

Das ist nur eine Seite der Medaille. Die afrikanischen Regierungen müssen endlich aufwachen, und ihre Politik an den Bedürfnissen ihrer Bevölkerungen ausrichten. Wir müssen in die Menschen investieren, vor allem in die Ausbildung – und zwar über die Schulbildung hinaus. Es reicht nicht, den Leuten nur Lesen und Schreiben beizubringen. Und auch der verantwortungsvolle Umgang mit unseren eigenen Einnahmen und den Mitteln aus dem Ausland muss zu den Prioritäten der Regierungen gehören.

Warum ist dies bisher nicht der Fall?

Wir sind lange sehr schlecht regiert worden in Afrika. Wenn wir unsere Kinder zum Kämpfen schicken, statt in die Schule, können wir nicht den Rest der Welt dafür verantwortlich machen. Und es gab und gibt massive Korruption. Allerdings muss man auch sehen: Man tanzt nie allein Tango, und nun frage ich Sie, wer hat mit Kongos Diktator Mobutu Tango getanzt? Afrikas Führer wurden nicht selten von außen korrumpiert.

Wie können die Menschen in Afrika ihre Regierungen disziplinieren?

Leider ist die Zivilgesellschaft in den meisten afrikanischen Ländern noch schwach. Deshalb gibt es wenig Druck von unten auf die Regierungen. Wo eine starke Zivilgesellschaft existiert, sind allerdings deutliche Fortschritte gemacht worden – es ist kein Zufall, dass in Kenia eine Diktatur durch eine demokratisch gewählte Regierung ersetzt wurde. Wir werden in der Afrikanischen Union nun ein Gremium aufbauen, in dem Nichtregierungsorganisationen Regierungen beraten.

Kann mehr Geld überhaupt helfen?

Ja, wir brauchen auch mehr Geld. Selbst wenn wir unsere eigenen Mittel und die bisherige Entwicklungshilfe effizienter einsetzen, reicht das nicht, um die Armut zu bekämpfen. Ein Beispiel: In meinem Wahlkreis gibt es drei Grundschulen, für die die Regierung bezahlt. Zusätzlich habe ich von dem Geld, das mir zur Verfügung steht, und aus privaten Mitteln Kindern einen Zuschuss gezahlt. Dennoch blieben am Ende 300 Kinder, die wir nicht zur Schule schicken konnten.

Der Antikorruptions-Beauftragte ihrer Regierung ist zurückgetreten, weil er nicht mehr an einen Erfolg glaubt. Hat er Recht?

Die Regierung bemüht sich. Es ist schwierig, Korruption so nachzuweisen, dass man die Täter auch vor Gericht bringen kann. Schließlich hinterlassen sie nicht überall Spuren. Außerdem besteht unsere Regierung aus einer breiten Koalition von Parteien, die den Korruptionsvorwurf auch in der politischen Auseinandersetzung gegeneinander einsetzen – oft ohne Beweise liefern zu können.

Präsident Kibaki hat Ihnen nach der Verleihung des Nobelpreises mehr Kompetenzen versprochen. Hat er Wort gehalten?

Das ist nicht passiert. Ich spiele weiter meine Rolle als Vizeumweltministerin.

Die frühere Umweltaktivistin Wangari Maathai (65) ist heute Vizeumweltministerin in Kenia. 2004 wurde ihr der Friedensnobelpreis verliehen. Das Gespräch führten Dagmar Dehmer und Ulrike Scheffer.

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