Zeitung Heute : In Moabit wird derzeit ein Film über Beatles-Fans in den 80er Jahren gedreht

Michael Brunner

Sommer 1980 in einer deutschen Kleinstadt: Tobias, Till und Helmut bleiben in den Sommerferien daheim. Statt mit Mathematikaufgaben Schulaufsatz und Sport beschäftigen sie sich mit ihrer Lieblingsband, den Beatles. Wieviele Songs hat George Harrison geschrieben, solange die Vier aus Liverpool beisammen waren? Es waren 17. Für die drei Schuljungen ist es ein Kinderspiel, das herauszufinden. So wissen sie auch, dass Ringo Starr, der lange unterschätzte Drummer mit dem spröden Gesang, immerhin sechs Titel für die Beatles geschrieben hat.

Die Jungen besitzen zwar fast alle Platten, verbringen aber dennoch viel Zeit im Plattenladen. Dort hört Tobias vom Plattenhändler die unglaubliche Geschichte: Paul McCartney soll bereits 1966 bei einem Autounfall ums Leben gekommen sein. Damit die Band weiter bestehen konnte, wurde Paul durch ein Double ersetzt: Billy Shears lief dem Management in Hamburg über den Weg und fiel durch seine Ähnlichkeit auf.

Tobias, Till und Helmut sind elektrisiert und beginnen mit der Spurensuche. Sie hören Platten rückwärts und fragen sich, ob John Lennons Stimme im Hintergrund nun wirklich "I buried Paul - Ich beerdigte Paul" nuschelt. Mit der Lupe suchen die Drei wie Detektive die Cover von "Abbey Road" und "Sgt. Pepper" nach Hinweisen ab. Und natürlich finden sich Einzelheiten, mit denen sich die "Paul ist tot"-Theorie untermauern läßt. Zum Beispiel der weiße VW-Käfer, der auf dem Cover von "Abbey Road" zu sehen ist. Das Auto soll bei Pauls Unfall eine Rolle gespielt haben. Tobias glaubt sogar, den Hausmeister seiner Schule auf einem Plattencover entdeckt zu haben. Der Hausmeister wird beschattet, allerdings ohne Erfolg.

Mittwoch nachmittag in der Ufnaustraße in Moabit: Vor dem einzigen Tabakladen in der kleinen Straße stehen riesige Scheinwerfer. "Ruhe bitte, wir drehen", ruft ein junger Mann und das Gewusel von Filmleuten und Passanten erstarrt. Gedreht wird der Film "Cranberry Sauce", der im Herbst des Jahres 2000 in der ZDF-Reihe "Das Kleine Fernsehspiel" ausgestrahlt werden soll. Für Regisseur Hendrik Handloegten ist "Cranberry Sauce" - die Geschichte von Paul McCartneys Unfalltod und den drei Jungen aus Deutschland - der Abschluss seines Studiums an der Filmhochschule. Den Tobias spielt Sebastian Schmidke, ein blitzgescheiter Junge aus Friedrichshain, der gerade 14 Jahre alt geworden ist. Sebastian, der ab September die die 9.Klasse im "John-Lennon-Gymnasium" besuchen wird, hat sich beim Casting gegen Dutzende von Bewerbern durchgesetzt. "Er kam rein und wir waren sofort begeistert", sagt Produktionsleiter Tom Sternitzke. Sebastian ist bei der ganzen Crew beliebt und wird Basti gerufen. An diesem Nachmittag wird im Takaladen eine kurze Szene gedreht. Sebastians Partnerin ist Ingrid Steeger, die am Vorabend mit der Bahn aus Hamburg gekommen ist. Steeger, in Film und Fernsehen eine feste Größe, kennt Moabit genau, denn sie ist dort geboren und aufgewachsen. Nach dem Drehtermin will sie ihre Mutter um die Ecke besuchen, am nächsten Morgen soll es nach einem Abstecher ins KaDeWe zurück nach Hamburg gehen. "Die Geschichte ist originell", sagt Ingrid Steeger, die mit den Beatles aufgewachsen ist. Warum sie mitspielt? "Um dem Regisseur bei der Imagepflge zu helfen", sagt die 52-Jährige und nestelt an ihrer Schürze. "So was trage ich sonst nie."

Sebastian kennt Ingrid Steegers Fernsehauftritte nicht aus eigener Erfahrung. Von der Maskenbildnerin hat er gehört, dass "Ingrid Steeger früher bei Klimbim mitgespielt hat". Sebastian steht nicht zum ersten Mal vor der Kamera, er hatte bereits eine Rolle in einer Ärzteserie für einen Privatsender. Für seinen Auftritt erhält der junge Darsteller eine fünfstellige Gage. Verjubeln will er das Geld nicht. "Ich werde das Geld sparen, damit ich später Sprachreisen machen kann", sagt Sebastian und wirkt dabei viel umsichtiger und klüger, als es 14-Jährige gemeinhin sind. Die Beatles kennt Sebastian durchaus, aber er schätzt die amerikanische Punkrock-Band "Green Day" und die irische Harfenistin Laureena McKennitt weitaus mehr. Ist Paul McCartney wirklich tot? Wurde er tatsächlich durch einen Unbekannten von der Straße ersetzt? Sebastian ist ein Profi und verrät es nicht.

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