Zeitung Heute : In neuem Takt

Musikpiraten schädigen im Internet die Plattenfirmen – und die Umsätze brechen ein. Auf der Messe starten sie eine Gegenoffensive. Ihre Hoffnung ist das neue Onlineportal Phonoline – und der Umzug nach Berlin.

Henrik Mortsiefer Sabine Beikler

POPKOMM – DIE MUSIKINDUSTRIE VERSUCHT EINEN NEUSTART

Von Henrik Mortsiefer

und Sabine Beikler

Die deutsche Musikwirtschaft bereitet sich auf einen Neustart vor. Einen Termin gibt es schon: Am heutigen Donnerstag um 10 Uhr auf der Musikmesse Popkomm. In den Kölner Messehallen werden die deutschen Präsidenten der fünf weltgrößten Plattenkonzerne gemeinsam mit der Deutschen Telekom ein Projekt vorstellen, das der Branche aus ihrer bisher schlimmsten Krise helfen soll: Phonoline.

Hinter dem Zauberwort verbirgt sich eigentlich nicht viel mehr als eine Software. Sie soll das technologische Fundament der ersten legalen Internet-Musikplattform in Deutschland legen. Phonoline ist als Konkurrenz zu den vielen illegalen Tauschbörsen gedacht, die der Musikindustrie seit Jahren das Geschäft verderben. Millionen friedliche Musik-Piraten, die sich Daten aus dem Netz herunterladen und auf CDs brennen oder auf MP3-Playern speichern, haben die Umsätze der Plattenkonzerne auf eine Talfahrt geschickt. Innerhalb von vier Jahren hat die Branche 40 Prozent ihrer Erlöse verloren.

Kurz vor der Popkomm gelang es den Chefs endlich, den beinharten Kampf um Marktanteile für einen Moment zu unterbrechen und nach jahrelangem Hin und Her den Startschuss für Phonoline zu geben. „Das wird die weltweit erste Online-Plattform, auf der sich die gesamte Musikwirtschaft eines Landes zusammenschließt“, feiert Hartmut Spiesecke, Sprecher des Verbands der phonographischen Wirtschaft, das Projekt. Ob Phonoline jemals funktioniert, steht freilich in den Sternen. Die Verträge mit den großen Musikhändlern, die den Dienst auf ihren Internetseiten anbieten sollen, müssen noch unterschrieben werden. Was Phonoline die Nutzer am Ende kosten wird, ist offen.

Doch es geht um ein Aufbruchsignal. Denn die Branche, die sich auf der Popkomm zu ihrem glamourösen Krisengipfel trifft, braucht gute Nachrichten. Der Phonoverband wird an diesem Donnerstag eine traurige Halbjahresbilanz ziehen. Um 17 Prozent, so heißt es, sind die CD-Verkäufe seit Jahresanfang gesunken. 2002 betrug das Minus schon zehn Prozent. Im Jahr zuvor sah es nicht besser aus. BMG-Chef Thomas Stein erwartet, dass der Audiomarkt im laufenden Jahr noch einmal um ein Fünftel einbrechen wird. Die Musik-Piraten leisten ganze Arbeit: 2002 wurden in Deutschland 259 Millionen CDs mit Musik aus dem Netz gebrannt – offiziell verkauft wurden nur 166 Millionen.

Minusgeschäft für Köln

Die Popkomm als einer der weltweit wichtigsten Branchentreffs bekommt die Krise zu spüren. Im vergangenen Jahr kamen rund 14500 Fachbesucher – 14 Prozent weniger als 2001. Die Zahl der Aussteller ging um fünf Prozent auf 797 zurück. Der Abwärtstrend ist auch in diesem Jahr spürbar. 618 Labels haben sich angemeldet, 249 deutsche und 369 ausländische Unternehmen – gut 60 Prozent aller Aussteller. Um die Messe auch für das musikinteressierte Fußvolk attraktiv zu machen, öffnet sich die Popkomm in diesem Jahr erstmals – neben dem Fachpublikum – auch privaten Besuchern. Doch die Flaute lässt sich nicht leugnen. Kölns Messechef Jochen Witt bezeichnete die Veranstaltung, die 15 Jahre nach ihrer Gründung immer nur ein Minus abwirft, als „betriebswirtschaftlich irrelevant“ für sein Unternehmen.

Das hört man bei der Messegesellschaft in Berlin nicht gern. Zieht doch der Popkomm-Zirkus im kommenden Jahr an die Spree um. Unter dem Funkturm soll die Musikmesse „frischen Wind“ bekommen, wie Dieter Gorny hofft. Der Geschäftsführer der Viva Media AG, die seit Juni über eine Tochterfirma Träger der Popkomm ist, folgte dem Ruf der großen Musikkonzerne, die wie Universal, Sony oder die Niederlassungen von BMG und EMI in Berlin residieren und die Popkomm gerne vor ihrer Haustür veranstalten würden. „Die Labels waren die Antreiber“, sagt der Berliner Messechef Raimund Hosch, der die Popkomm 2004 federführend veranstalten wird.

Neben den großen Unternehmen sind inzwischen rund 400 kleinere und mittlere Labels in Berlin angemeldet, von denen nach Schätzungen der Wirtschaftsverwaltung 150 aktiv auf dem Markt auftreten und zirka 30 auf der Popkomm in Köln ausstellen. Von einer „Berliner Dominanz“ auf der Popkomm kann also keine Rede sein, obwohl PDS-Wirtschaftssenator Harald Wolf die Medien- und Musikbranche als einen der wichtigsten Pfeiler für die Entwicklung der Stadt einschätzt.

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