Zeitung Heute : In Neues hineinknien

Wie eine Theaterwissenschaftlerin zum Beratungsgeschäft kam

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Kati Gruner gehört nicht zu denen, die spätestens seit dem Abiturball verbissen auf eine Wirtschaftskarriere hingearbeitet haben. Ihre Berufswünsche waren Musicaltänzerin, Theaterdramaturgin oder auch Auslandskorrespondentin. Dass sie als Geisteswissenschaftlerin einmal Strategieberaterin sein würde, hätte sie vor einigen Jahren selbst nicht gedacht. Heute sagt die 27Jährige zu ihrem Berufseinstieg im Berliner Büro der Boston Consulting Group (BCG): „Als Theaterwissenschaftlerin bin ich zwar Exotin, aber keine Ausnahme. Rund die Hälfte meiner Kollegen hat nicht BWL studiert."

Nach dem Abitur absolvierte Gruner erst einmal eine Ausbildung zur Bühnentänzerin und tourte mit der Musicalkompanie von „Phantom der Oper“ durch Deutschland. Doch die Bühne wurde ihr zu klein. Also studierte sie in Mainz und Wien Theaterwissenschaften. Ein Uni-Aushang brachte Gruner auf die Idee, in die Beratungsbranche hineinzuschnuppern. Wenig später absolvierte sie bei BCG ein Praktikum. Ihr erster Fall: eine Fusion in der Industriegüterbranche. Obwohl Gruner damals noch nicht wusste, wie man die Cash-Flow-Rendite errechnet, „waren es häufig gerade Katis unvoreingenommene Vorschläge, die den Nagel auf den Kopf trafen“, erinnert sich ihr damaliger Projektleiter. Im Gegenzug schaute sich Gruner viel von erfahrenen Kollegen ab: „Die Beratungsteams sind interdisziplinär zusammengesetzt. So ergänzt und inspiriert man sich gegenseitig.“

Wie alle „Newies“ bei BCG absolvierte Gruner vor ihrem ersten Projekt als „Associate“ ein mehrwöchiges Einstiegstraining, das BWL-Grundlagen und die Arbeitsmethodiken und Werte von BCG vermittelt. Seither arbeitet sie vier Tage die Woche beim Kunden – irgendwo in Deutschland oder Europa, zurzeit bei einem Sportartikelhersteller. Nur freitags ist sie im Berliner Büro: „Übernachtungen im Hotel, mehrere Flüge wöchentlich – damit muss man sich arrangieren.“

Auch die Arbeitszeiten haben es in sich: „Das ganze Team feilt schon mal bis Mitternacht an einer wichtigen Präsentation, da schaut keiner auf die Uhr, wann endlich Feierabend ist.“ Ihre Freunde aus der Kulturszene schütteln noch immer ein wenig ungläubig den Kopf, aber: „So viel in so kurzer Zeit kann ich sonst nirgendwo lernen. Es reizt mich einfach, mich immer wieder aufs Neue in Themen reinzuknien, von denen ich gestern noch so gut wie nichts wusste.“ rch

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