In Putins Russland : Der Gefangene

Der erste russische Präsident dankte ihm, der zweite warf ihn ins Gefängnis. Dort sitzt Michail Chodorkowski schon lange. „Für nichts und wieder nichts“, sagt sein Vater, der zu ihm reist, wann immer er kann.

Stephan Hille
Warten. Was das bedeutet, wissen die Eltern Marina und Boris Chodorkowski nur zu gut.
Warten. Was das bedeutet, wissen die Eltern Marina und Boris Chodorkowski nur zu gut.Foto: IMAGO

Der Vater hat sich einen guten Anzug angezogen und eine Krawatte umgebunden. Er ist wackelig auf den Beinen. Parkinson. Und nun kommt Boris Chodorkowski kaum vorwärts in den Gängen des Lyzeum Podmoskovni, einem ehemaligen Landgut, rund 60 Kilometer vor Moskau. Immer wieder werfen sich ihm Schüler und Schülerinnen in Uniform an den Hals. Der 79-Jährige streichelt Kinderköpfe, drückt Hände. Fragt, wie es geht. Die Kinder geben artig Antwort. Erwachsene warten geduldig, um ihm Blumen und Geschenke zu überreichen. Boris Chodorkowski lacht heute viel, ein seltenes Bild.

Für Schüler, Lehrer, vor allem aber für ihn, Boris Moisejewitsch Chodorkowski, ist das ein besonderer Tag. Bunte Girlanden und Luftballons schmücken das riesige Schulhaus. Nur der Gründer des Waisenhauses kann nicht erscheinen. Es ist sein Sohn, Michail Chodorkowski. Der Schulfeiertag fällt fast auf den Tag genau auf das Datum seiner Verhaftung vor neun Jahren.

Nun ist der Vater in seinem Büro im Waisenhaus angekommen und kann sich endlich wieder eine Zigarette anzünden. Boris Chodorkowski raucht viel. Er erzählt, wie das alles angefangen hat damals vor 18 Jahren, als sein Sohn ihn bat, sich um das neue Waisenhaus zu kümmern. Der Vater dachte im Traum nicht daran, schließlich hatte er als Ingenieur einen leitenden Posten in einer Moskauer Maschinenfabrik. Sein Sohn musste ihn überreden und fand seinen wunden Punkt.

Erinnere dich an deine eigene Jugend, habe ihm Michail damals gesagt. Boris Chodorkowski wuchs in Moskau selbst als Halbwaise auf. Der Vater war im Krieg gestorben. Die Mutter arbeitete in einer Fabrik. Boris und seine vier Jahre jüngere Schwester lebten in einer Kommunalka, in der sich mehrere Familien eine Wohnung teilten. Auf Müllkippen suchte er nach Essensresten, bettelte in den Straßen. Keine schöne Erinnerung. „Damit hat er mich ,gekauft’“, erzählt Chodorkowski und zieht an seiner Zigarette.

Bereut hat er das nicht einen Tag, sagt der alte Mann. 180 Waisenkinder aus allen Regionen Russlands leben und lernen hier. Auf einem Schulplakat steht: „Pflicht, Ehre, Vaterland“. Aber die Schule nennt sich auch „Demokratische Republik Lyzeum“, eine Andeutung, dass man sich als Insel in einem autoritär regierten Russland versteht. „Mir ist wichtig, dass wir unserem Land dienen, indem wir den Kindern hier eine gute Ausbildung geben“, sagt Chodorkowski und drückt seine Zigarette aus.

Gern würde er sich noch eine anstecken, doch der Direktor steht ungeduldig in der Tür: „Boris Moisejewitsch, die Kinder warten ...“ Schwerfällig erhebt er sich. Warten. Der Alte weiß, was das bedeutet.

Neun Monate zuvor fegt ein eisiger Wind über den Bahnsteig des Leningradskij Voksal. Von hier, dem Leningrader Bahnhof, fahren die Züge in den hohen Norden Russlands. In der hintersten Ecke der riesigen Wartehalle stehen Boris Chodorkowski und seine Frau Marina Filipowna Chodorkowskaja. Die Köpfe unter schweren Fellmützen sind sie auf dem Weg zu ihrem Sohn. Und sie sind viel zu früh. Die beiden stehen über eine Stunde in der Ecke der Wartehalle. „Wir stehen immer hier“, murmelt Boris Chodorkowski.

Seit Oktober 2003 reisen die Eltern ihrem Sohn hinterher, um ihn für ein paar Stunden sehen zu können. Offiziell wurde der Oligarch und Gründer des Jukos-Konzers wegen Steuerhinterziehung und Betruges verurteilt. Vor einem Jahr kam eine hochkarätige Kommission russischer und internationaler Rechtsexperten zu dem Ergebnis, dass ein zweiter Prozess 2009 von zahlreichen Verstößen gegen russisches Recht begleitet war. Aber dies blieb ohne Folgen. Er sei in Haft „für nichts und wieder nichts“, so sagt das sein Vater.

Erst Anfang Oktober hatte Präsident Wladimir Putin im russischen Fernsehen eine Begnadigung Michail Chodorkowskis nicht ausgeschlossen, für den Fall, dass der Verurteilte einen entsprechenden Antrag stellen würde. Damit müsste er allerdings seine Schuld eingestehen. Undenkbar.

Im Herbst 2016 müsste Chodorkowski freikommen. Nicht ausgeschlossen, dass ein dritter Prozess das verhindern wird. Der Staatsfeind Nr. 1 meldet sich regelmäßig aus dem Gefängnis mit scharfen Analysen zur politischen Lage von Putins Russland. Wladimir Putin fürchtet offenbar jede Opposition. Der Kreml treibt sein autoritäres Regime weiter voran. Zwei Jahre Lagerhaft für zwei Aktivistinnen von Pussy Riot. Anderen Oppositionellen drohen derzeit Gerichtsverfahren und Haft.

Boris Chodorkowski mag all das nicht mehr kommentieren. Knapp die Hälfte seiner Haft verbrachte sein Sohn in Lagern in Sibirien. Jetzt heißt das Ziel der Eltern Segescha, Strafkolonie Nr. 7, in Karelien, auf halber Strecke zwischen Moskau und Murmansk am arktischen Meer. Knapp 24 Stunden dauert die Zugfahrt.

Die Anspannung der beiden ist deutlich spürbar. Kaum im Zug, hilft Marina Chodorkowskaja ihrem Mann aus den schweren Schuhen. Der Zug rollt an, und Boris Chodorkowski stapft umgezogen im Trainingsanzug zum Ende des Waggons. Vor dem Übergang zum nächsten ist die Raucherzone. Boris Chodorkowski zündet sich eine Zigarette an. „Haben Sie Kinder?“, fragt er herausfordernd und etwas streng. Schwerer Tabakdunst breitet sich aus. „Kinder sind das Wichtigste im Leben“, sagt er. Seines, 49 Jahre alt, sitzt im Gefängnis.

Die Wut darüber und der Schmerz fressen ihn auf. Er sieht schlecht aus. Die Krankheit lässt seinen Kopf ein wenig wackeln. Es sieht so aus, als würde Boris Chodorkowski unaufhörlich beben. „Ich vermisse meinen Sohn“, sagt er. „Schon neun Jahre.“

Am nächsten Morgen ziehen endlose verschneite Wälder am Abteilfenster vorbei. Hin und wieder ein kleines Dorf oder auch nur ein paar Holzhütten. Marina Chodorkowskaja schaut hinaus. Ihr Mann liest Zeitung. Man könnte meinen, die beiden machten einen Ausflug. Ihren Mann nennt Marina liebevoll Borja.

„Borja, ich frage mich, wovon die Leute hier leben.“ Ohne von seiner Zeitung aufzublicken, knurrt er von gegenüber: „Von den Gefängnissen.“ Die Antwort würzt er mit einem verächtlichen Schnalzen. Seine Frau seufzt. Ja, die Landschaft hier ruhe auf Knochen.

Wie an vielen entlegenen Orten des russischen Reichs herrschte auch in Karelien jahrzehntelang der Gulag. Stalin ließ hier ein Heer von Zwangsarbeitern den Weißmeerkanal bauen, der Moskau mit dem Meer im Norden verbindet. Tausende verloren ihr Leben. Um ihren Sohn zu sehen, fahren die Eltern durch ehemaliges Gulag-Land, stundenlang.

Boris Chodorkowski zieht es wieder in die Raucherzone. Die Scheibe der Waggontür ist zugefroren, ein dreckiges Grau. Manchmal, so sagt er, wünsche er sich, sein Sohn wäre ein ganz normaler Mensch geworden. Und doch ist der Vater stolz auf den Sohn und dessen Werk: Jukos, einst der größte russische Erdölkonzern. Schon als Fünfjähriger wollte Michail Fabrikdirektor werden. „Er konnte schon immer gut führen“, erzählt der Vater, „ob auf der Baustelle, im Komsomol oder bei Jukos.“

Der erste russische Präsident, Boris Jelzin, hatte Michail Chodorkowski mit einer Urkunde für seinen Einsatz gedankt. Der zweite Präsident, Wladimir Putin, ließ ihn ins Gefängnis werfen, weil er sich offensichtlich nicht an den Oligarchenpakt hielt: Reichtum für Gefolgschaft hieß Putins Deal. Und wieder sagt der Vater diesen Satz: „Neun Jahre. Für nichts und wieder nichts.“

Nicht einmal mehr umarmen darf er seinen Sohn beim Besuch in der Strafkolonie. Berührt hat er ihn das letzte Mal vor drei Jahren. Oder waren es vier? Boris Chodorkowski kann sich nicht mehr genau erinnern. Es war jedenfalls in Tschita, im Gefängnis in Sibirien, wo der Sohn einen Teil der Strafe absaß. Die Eltern durften mit ihrem Sohn im Gefängnis an einem Tisch sitzen.

In Segescha, wo Chodorkowski jetzt sitzt, geht das nicht. In der Kolonie Nr. 7 sind Angehörige und Häftling durch eine dicke Glasscheibe getrennt. Im Besucherraum reiche der Platz nicht einmal dafür aus, dass die Eltern auf zwei Stühlen nebeneinander vor dem Glas sitzen könnten, sagt Boris Chodorkowski. Wer von den beiden den Telefonhörer hält, um mit dem Sohn sprechen zu können, sitzt vorn. Der andere muss sich dahinterquetschen. Während Boris Chodorkowski die Situation beschreibt, steigt wieder Wut in ihm hoch. „Das ist doch Sadismus.“

Es stinkt zum Himmel, als der Zug in Segescha ankommt. Das Zellulose-Kombinat verströmt seinen fauligen Eierdunst je nach Wind über die ganze Stadt. Warten und Ausruhen im Hotel bis zum vierstündigen Familientreffen. Die Eltern auf der einen Seite, der Sohn auf der anderen Seite der Fensterscheibe. Sie reisen am nächsten Morgen ab. Aufgewühlt und erschöpft. Sagen möchten sie nichts mehr. Aber er darf nicht aufhören zu reden.

Als Boris Chodorkowski auf dem Schulfest in die Aula des Waiseninternats tritt, brandet ihm Applaus entgegen. Er verliest eine kurze Grußbotschaft seines Sohnes. Wieder Applaus. „Die Kinder helfen mir, mich abzulenken“, hatte der Alte zuvor in den Qualm seiner Zigarette hinein gesagt.

Zwei Stunden dauern Konzert, Festakt und Danksagungen an Schulleitung und an den abwesenden Schulgründer. Ein Offizier der russischen Grenztruppen bedankt sich hochoffiziell und voller Rührung dafür, dass im Laufe der Jahre bereits 62 Kinder von im Dienst gefallenen Soldaten im Internat Aufnahme fanden. Boris Chodorkowski nickt ihm aus der ersten Reihe zu.

Müde vom Händeschütteln sitzt Chodorkowski schließlich wieder in seinem verrauchten Büro. Ob er seinen Sohn noch zu Lebzeiten in Freiheit sehen wird? „Ich weiß es nicht“, sagt er. „Fragen Sie Putin!“

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