Zeitung Heute : In Quarantäne gehen

Wie ein Vater Berlin erleben kann

Stephan Wiehler

WAS MACHEN WIR HEUTE?

Foto: Marion Schweitzer

Es hat mich schon wieder erwischt. Ich liege mit Fieber im Bett und schwitze den grippalen Infekt meiner Tochter aus. Und Emma? Danke der Nachfrage, ihr geht es schon wieder gut. Sie spielt nebenan und quietscht vor Vergnügen.

Beim ersten Mal, vor vier Wochen, hatte Emma meine Frau Francesca und mich mit einer Magen-Darm-Geschichte niedergestreckt. Erst hat die Kleine uns drei Nächte lang den Schlaf geraubt, und dann, als sie gerade auf dem Weg der Besserung war, traf es uns – logisch, geschwächt wie wir waren. Wir hatten Freunde zum Abendessen eingeladen, Francesca hatte eine Pilzsuppe gekocht. Danach sollte es noch gebratenen Kabeljau geben und eine Mousse au Chocolat, aber wir kamen nur bis zur Suppe. Zuerst verließ Francesca den Tisch, danach war ich an der Reihe und verabschiedete mich mit Schüttelfrost ins Bett. Am Ende war auch unseren Freunden der Appetit vergangen.

Dieses Mal war Emma ausgerechnet an jenem Wochenende krank geworden, als ihre beiden Omas zu Besuch gekommen waren, um ihren ersten Geburtstag mit ihr nachzufeiern. Emma bekam hohes Fieber, das sich auch mit Zäpfchen kaum senken ließ. Sie verweigerte die Nahrungsaufnahme und verschlief die Omas. Beinahe wenigstens, die Geschenke konnte sie noch in Empfang nehmen, und auch das Papier hat sie noch runtergerissen. Dann war aber Schluss. Muss ihr wirklich schlecht gegangen sein.

Am Montag habe ich also Emma warm eingepackt, um sie zum Doktor um die Ecke zu bringen. Die Kleine brüllte, während die Ärztin ihr das Stethoskop auf Brust und Rücken drückte. „Nichts zu hören“, sagte sie, was mich bei Emmas markdurchdringendem Schreien nicht weiter wunderte. „Bronchien und Lunge sind frei.“ Wahrscheinlich braucht eine erfahrene Ärztin dazu gar kein Stethoskop. Möglicherweise hörte sie so etwas schon aus dem Schreien heraus. Jedenfalls sollten wir uns mal keine Sorgen machen, auch wenn sie mal ein paar Tage nichts isst, Kleinkinder haben das schnell wieder drauf.

Beinahe wäre ich auch beruhigt gewesen. Aber dann sagte sie noch etwas: „Bei Kindern zwischen ein und zwei Jahren löst häufig ein Infekt den anderen ab.“ Da ging mir der erste kalte Schauer über den Rücken. Ein Infekt nach dem anderen. Mir war sofort klar, dass ich auch diesmal wieder ein Opfer von Emmas biologischem Abwehrkrieg werden würde.

Auf dem Heimweg hatte Emma schon wieder genug Kraft gesammelt, um sich im Kinderwagen vom Sicherheitsgurt zu befreien und aus dem wärmenden Schafsfell zu krabbeln, während ich schon mal anfing zu zittern. In der Apotheke an der Ecke löste ich Emmas Rezept für die Nasentropfen ein und kaufte mir vorsorglich Vitamin C, ein Erkältungsmittel und Hustensaft. So fiebere ich Weihnachten entgegen.

Wer das Bett hüten muss und ein gutes Buch lesen will, kann die Fernausleihe der Berliner Stadtbibliothek nutzen. Informationen im Internet unter www.zlb.de/kunden_service/fernleihe oder unter Tel. 90226-401

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