Zeitung Heute : In Reinform

Fürs Recycling muss exakt getrennt werden

Andreas Loos

Am Anfang war das Bakelit: der erste vollsynthetische Kunststoff. In Erkner bei Berlin startete der Chemiker Leo Baekeland 1910 die Massenproduktion. Heute kennt die Industrie rund 5000 verschiedene Kunststoff-Arten, darunter das populäre Polyamid (Nylon) oder Polyethylen (PE). Viele Kunststoffe lassen sich auch noch mischen, ABS zum Beispiel – der Stoff, aus dem die Gehäuse vieler elektrischer Geräte sind – ist ein Mix aus Acrylnitril, Butadien und Styrol.

So unterschiedlich diese Stoffe sind – sie haben alle eines gemeinsam: Kunststoffe bestehen aus langen Molekülen. Und die lassen sich durch Wärme oft wieder beweglich machen: Aus der PET-Flasche kann so wieder eine PET-Flasche werden. Das Material muss nicht als Zumischung für ein neues Produkt dienen, was Experten „Downcycling“ nennen. „Unserer Meinung nach findet zu viel Downcycling statt. Man müsste mehr Recycling mit geschlossenen Wertstoffketten machen“, findet Andreas Mäurer, Leiter der Abteilung Kunststoff-Recycling am Fraunhofer-Institut für Verfahrenstechnik und Verpackung (IVV).

Dazu benötigt man die Kunststoffe aber in Reinform. Die Probleme beginnen erst, wenn Produkte vermischt und beschmutzt wurden: Im so genannten „Post-Consumer-Bereich“. Dazu gehören zum Beispiel Bauschutt, der mit zwei Dritteln den größten Teil des Mülls in Deutschland ausmacht, aber auch Verpackungsmüll oder elektronische Geräte, die nach der neuen Elektronikschrottverordnung WEEE der EU (Directive on Waste Electrical and Electronic Equipment) künftig separat gesammelt werden müssen.

„Für jeden Abfall gilt: Erst kommt der Aufschluss, dann die Sortierung. Das ist im Prinzip genau wie bei Erz, das aus der Grube kommt“, sagt der TU-Verfahrenstechniker Jan Rosenkranz. Das heißt: Der Müll muss erst in seine Einzelteile zerlegt werden, bevor man die Wertstoffe herausklauben kann.

Ein gelber Sack ist da vergleichsweise einfach aufzuschließen: In Sortierfabriken wird er mit Hilfe von Metallzangen einfach aufgerissen – und schon kann die Sortierung beginnen. Die läuft heute halb- bis vollautomatisch ab. „Man trennt zunächst Folien von den hartschaligen Objekten, meistens mit Windsichtung“, erklärt Müllexperte Mäurer. Aus dem Rest werden die Metallteile elektromagnetisch herausgefischt: Eisendeckel und -teile durch Magnete, andere Metallteile durch Wirbelstromscheider, die das Metall mit Hilfe von Magnetfeldern bremsen. Nach demselben Verfahren werden auch im Glasmüll die Deckel aus den Scherben sortiert – daher ist es kein Problem, Verschlüsse zusammen mit dem Glas in den Container zu werfen.

Danach kann der Müll zum Beispiel per Förderband an einem Sensor vorbeigezogen werden, der mit Hilfe von Infrarotlicht die einzelnen Kunststoffsorten unterscheidet. Gleich hinter dem Sensor ist eine Reihe von Luftdüsen angebracht, die die Plastikflaschen und -teile je nach Diagnose vom Band pusten. Doch die Kunststoffe können verschmutzt sein oder bedruckt – und das mindert unter Umständen die Qualität des Recyklats.

Speziell für PET hat das Fraunhofer-Institut daher einen neuen Weg erforscht – schließlich wird PET nicht nur für Getränkeflaschen eingesetzt, sondern für viele andere Verpackungen, von Tablettenhüllen bis zu Eierschachteln. In einer Pilotanlage des Instituts wurde der Stoff mit Hilfe von Salzwasser in großen Becken vom Polystyrol und anderem Kunststoff-Abfall abgetrennt: Die weniger dichten Kunststoffe schwimmen auf, PET sinkt zusammen mit anderen schweren Stoffen ab.

Anschließend lösen die Forscher den Stoff mit einem ungefährlichen und biologisch abbaubaren Lösungsmittel auf und filtern die anderen Kunststoffe weg. Vorteil: Eine solche PET-Lösung lässt sich nicht nur hervorragend reinigen, sie belastet den Kunststoff auch nicht wie andere Verfahren. „So kommen wir zu glasklarem PET, aus dem man neue Flaschen herstellen kann“, sagt Andreas Mäurer. „Und wenn man den Energieeinsatz für ein solches Recyclingverfahren mit dem Energieaufwand für Neuware vergleicht, dann ist das Recycling mindestens um den Faktor fünf günstiger.“

Doch noch hat das Fraunhofer Institut keinen Investor für sein Verfahren gefunden. Einer der Gründe: Das Flaschenpfand für Getränkeflaschen. Es hat den PET-Anteil im Gelben Sack schlagartig sinken lassen. „So lange die Zukunft des Kunststoffrecyclings in Deutschland ungewiss ist, investiert hier im Moment keiner in eine industrielle Umsetzung unseres Verfahrens“, bedauert Mäurer. Immerhin: Andere Länder Europas haben durchaus schon Interesse an dem Verfahren gezeigt.

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