Zeitung Heute : In Ruinen

Die Angst vor einem Bankrott wächst nicht nur im eigenen Land, und die Jungen protestieren. Wohin führt das?

Gerd Höhler[Athen] Katja Reimann[Berlin]
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Grafik: Fabian Bartel

Das Land steht kurz vor der Pleite. Die Aktien stürzen ab und die Kreditwürdigkeit Griechenlands wird nach unten korrigiert. Hilfen von der EU könnten nötig werden. Und ein Jahr nach dem Todesschuss auf den 15-jährigen Alexandros Grigoropoulos, der zu landesweiten Demonstrationen und Krawallen führte, liefern sich nun seit Tagen wieder Polizei und junge Griechen Straßenschlachten. Einziger Lichtblick der vergangenen Tage war die Qualifikation für die Fußball-Weltmeisterschaft.

Wie ist die wirtschaftliche Lage?

Miserabel. Der Athener Finanzminister Giorgos Papakonstantinou muss in diesen Tagen versuchen, die nervösen Finanzmärkte zu beruhigen und Sorgen zu zerstreuen. Vor allem jene, dass Griechenland vor dem Staatsbankrott steht. „Es gibt absolut kein solches Risiko – wir sind nicht das nächste Island“, versicherte Papakonstantinou am Mittwoch. Doch die Zahlen sind erdrückend. Fast 13 Prozent Haushaltsdefizit, im nächsten Jahr wahrscheinlich 125 Prozent Staatsverschuldung, jeweils bezogen aufs Bruttoinlandsprodukt, dazu die notorisch unzuverlässigen griechischen Statistiken – die Partner sind mit ihrer Geduld am Ende. Die EU drängt den chronischen Defizitsünder Griechenland, endlich die seit Jahren angemahnte Haushaltskonsolidierung und die lange überfälligen Reformen umzusetzen.

2010 werde ein problematisches Jahr, müsse aber „kein unmögliches Jahr“ werden, versicherte Papakonstantinou und verweist auf die bereits beschlossenen Maßnahmen: Einstellungsstopp im öffentlichen Dienst, Ausgabenkürzungen um zehn Prozent, Kampf gegen die Steuerhinterziehung. Im Januar will er der EU ein überarbeitetes Stabilitätsprogramm vorlegen.

An der „Operation Vertrauen“ beteiligte sich am Mittwoch auch Ministerpräsident Giorgos Papandreou. In einer vom Staatsfernsehen live übertragenen Kabinettssitzung sagte der Premier, die Regierung werde alles tun, um die Finanzprobleme zu meistern, denn die „gefährden die Souveränität des Landes“. Das hörte sich sehr danach an, als wolle Papandreou seine Landsleute auf schmerzhafte Einschnitte einstimmen. Dass es für Griechenland nur einen Weg aus der Schuldenfalle gibt, hatte Jean-Claude Trichet, der Chef der Europäischen Zentralbank, bereits am Montag skizziert: Die Lage Griechenlands verlange „sehr schwierige, sehr mutige aber absolut notwendige Maßnahmen“. Die Finanzmärkte scheinen allerdings noch nicht davon überzeugt zu sein, dass die Athener Regierung diesen unpopulären Weg wirklich gehen will. Die Kurse der griechischen Bonds gaben am Mittwoch weiter nach, auch die Athener Börse setzte ihre Talfahrt fort. Griechenland hatte wegen seiner finanziellen Lage den Status eines sicheren Schuldners verloren.

Wie ist die politische Situation?

Seit rund zwei Monaten regiert Premierminister Papandreou von der sozialistischen Partei Pasok das Land. Er kommt aus einer der beiden großen griechischen Politikerdynastien, die in Griechenland schon seit Jahrzehnten abwechselnd an der Macht sind. Auch sein Vater und Großvater waren Premierminister. Die zweite große Politikerfamilie sind die Karamanlis – sie stellten den vorherigen Premierminister, Kostas Karamanlis, der mit seiner konservativen Partei Nea Dimokratia abgewählt wurde. Papandreou soll nun die Probleme lösen, die das Land schon seit Jahren belasten. Er will sich um das marode Bildungssystem kümmern und die Korruption im Land bekämpfen. Letzteres versprach allerdings auch Karamanlis schon – und hinterließ mit seiner Abwahl den größten Schuldenberg, den das Land je hatte. Auf Papandreou ruhen nun große Hoffnungen. Die neue Regierung hat zudem angekündigt, Krawallen künftig mit einer Null-Toleranz-Politik zu begegnen.

Trotzdem gab es wieder Proteste. Warum?

An der Lage im Land hat sich seit den Demonstrationen vor einem Jahr nichts geändert. Die Probleme, gegen die im Dezember 2008 viele Schüler, Studenten und andere junge Griechen demonstrierten, sind noch immer relevant und ungelöst. Das griechische Bildungssystem ist rückständig. Wer eine staatliche Schule besucht, wird mittags meist zusätzlich von privaten Lehrern unterrichtet, weil das in der Schule vermittelte Wissen oft nicht einmal reicht, um wichtige Prüfungen zu bestehen. Etwa 750 Millionen Euro im Jahr geben griechische Eltern für diesen Privatunterricht aus. Das schreibt der Journalist Nikos Malkoutzis in seinem Blog. Wer es sich leisten kann, verlässt zumindest fürs Studium das Land: Laut OECD studieren derzeit 51 138 Griechen an ausländischen Hochschulen. Etwa 86 000 beginnen jährlich ein Studium in der Heimat. Doch selbst nach Beendigung der Schule oder der Universität haben junge Griechen im eigenen Land schlechte Chancen auf einen Job, von einer gut bezahlten Arbeit ganz zu schweigen. Nirgendwo in der EU sind so viele 16- bis 25-Jährige arbeitslos wie in Griechenland. Wer Arbeit findet, erhält meist den staatlich festgesetzten Mindestlohn von 715,65 Euro. „Generation 700“ nennt sich daher eine Gruppe junger Griechen, die im Internet auf einer Plattform bloggen. „Wir sind die stille Mehrheit junger Griechen zwischen 25 und 35, die überarbeitet, verschuldet und verunsichert sind“, schreiben sie dort. Eine Perspektive haben sie nicht.

Wofür steht Griechenland heute?

Nie war er dort – und trotzdem sehnte sich Goethe nach Griechenland. „Das Land der Griechen mit der Seele suchend“, so steht seine Iphigenie am Ufer auf Tauris. Und das versuchte auch die deutsche Klassik in Bild und Wort. Rund 200 Jahre später schreibt Nikos Dimou, ein griechischer Philosoph und Gesellschaftskritiker, ein Buch über das „Unglück, Grieche zu sein“. Welche Nation auch immer von den antiken Griechen abstammt, sie müsse sich automatisch miserabel fühlen, meint Dimou. Es sei denn, sie könne ihre Urväter vergessen. Oder noch besser sein. Die glorreiche Vergangenheit, so gern sie zitiert und auf sie verwiesen wird, sie dient nicht mehr recht als Identifikationsfläche. Doch Alternativen gibt es nicht. Im 21. Jahrhundert hat Griechenland ein Identitätsproblem. Wer oder was das Land ist, die Frage ist nicht zu beantworten – auch weil die Griechen darauf selbst keine Entgegnung haben. Auch die allgegenwärtige Korruption beschädigt den Zusammenhalt im Land. Wer in Griechenland beruflich vorankommen will, schafft dies nur über Beziehungen. Ein paar Geldscheine öffnen Türen, verhelfen zum Beispiel auch zu einer zügigen Behandlung beim Arzt.

Wie es anders sein könnte, zeigte sich 2004, als die Olympischen Spiele im Land stattfanden – und von den Griechen als gemeinsam zu meisterndes Projekt begriffen wurden. Fünf Jahre später ist Olympia vergessen. Und die Teilnahme an der Fußball-WM hilft auch nicht richtig.

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