Zeitung Heute : In Teufels Küche

Ihre Mitglieder altern, immer mehr treten aus, ein großer Teil ist arbeitslos: Den Kirchen geht das Geld aus – und die Einnahmequelle dazu. Das hoch verschuldete Berliner Bistum ist am schlimmsten dran. Aber auch Diözesen im Westen des Landes müssen umdenken und ernsthaft sparen.

Martin Gehlen

KIRCHEN – WAS SCHÜTZT SIE VOR DER PLEITE?

Wenn es nach der Bibel ginge, wäre alles ganz einfach. Macht euch keine Sorgen, seht nur auf die Raben, sagt Jesus seinen Jüngern. Sie säen nicht und ernten nicht, sie haben keine Speicher und keine Scheune. Denn Gott ernährt sie. Wie viel mehr seid ihr wert als diese Vögel?

Diese Zeiten – sie sind längst vorbei. Die Kirchen heute sind komplexe Unternehmen mit Verwaltungsapparaten, zehntausenden Angestellten, Gotteshäusern, Gemeindezentren, Schulen und Kindergärten. Finanziert wird dies in Deutschland durch ein Kirchensteuersystem, was international seines gleichen sucht. Mehr als acht Milliarden Euro nehmen die evangelische und die katholische Kirche pro Jahr ein und gehören damit zu den reichsten Glaubensgemeinschaften der Welt. Mit mehr als einer Million hauptamtlich Beschäftigter in Caritas und Diakonie, Seelsorge und Kirchenverwaltung sind sie hier zu Lande der zweitgrößte Arbeitgeber. Ihr Immobilienbesitz ist beträchtlich, auch wenn er vielfach nur ideellen Wert hat. Denn der Kölner, Aachener oder Speyerer Dom sind als Weltkulturerbe ebenso unverkäuflich wie die meisten anderen Kirchen.

Doch die Probleme wachsen. Die Etats stagnieren. Die Zahl der Kirchenaustritte ist unverändert hoch. Konjunkturkrise, Arbeitslosigkeit und wachsender Altersdurchschnitt der Kirchenmitglieder kommen hinzu. Allein wegen der vorgezogenen dritten Stufe der Steuerreform rechnen die Kirchen mit etwa acht Prozent weniger Geld. Die fünf nordrhein-westfälischen Diözesen müssen sich zusätzlich mit Kürzungen der Landesregierung im Sozial- und Schulbereich abfinden: Der Eigenanteil für private Schulträger wurde um 1,5 Prozentpunkte auf 7 Prozent erhöht. Noch stärkere Einschnitte in die staatliche Refinanzierung plant der Berliner Finanzsenator Thilo Sarazzin (SPD).

Die Folgen sind drastische Sparmaßnahmen in vielen der 27 katholischen Diözesen und 24 evangelischen Landeskirchen. Die Oberhirten treten in diesen Tagen mit harschen Warnungen vor ihre Gläubigen: „Heulen und Zähneklappern“ sieht der Rottenburg-Stuttgarter Bischof Gebhard Fürst kommen. Hamburgs Erzbischof Werner Thissen erwartet „einen Kollaps, wenn wir nicht schnell und entschieden handeln“. Sein Aachener Kollege Heinrich Mussinghoff fühlt sich schon „in Teufels Küche“ und spricht von der schlechtesten Stimmung, die er je im Bistum Aachen erlebt habe. Selbst altgediente und verwaltungserfahrene Seelsorger wie der Hildesheimer Bischof Josef Homeyer sprechen von der größten Herausforderung für seine Diözese seit Kriegsende. Die meisten evangelischen Landeskirchen – auch wenn bei ihnen im Moment die Wogen nicht ganz so hochgehen – richten sich ein auf einen „geordneten Gleitflug“ nach unten.

Stark zu Buche schlägt in vielen katholischen Bistumshaushalten die im Vorjahr beschlossene Finanzhilfe für das Erzbistum Berlin von 50 Millionen Euro. Im hoch verschuldeten Hauptstadtbistum ist die Situation mit Abstand am dramatischsten. Gestopft werden muss ein Schuldenloch von 148 Millionen Euro, während sich bereits die nächste teure Sonderumlage abzeichnet – der Weltjugendtag 2005 in Köln. Für dieses Megafestival mit 800000 Jugendlichen, dem Papst und 600 Bischöfen müssen die katholischen Bistümer nach internen Schätzungen zusätzlich 120 Millionen Euro aufbringen. Wo dieses Geld herkommen soll, weiß niemand.

Bei den notwendigen Sparplänen geht es meist um zwei Bereiche: Personalkosten und Immobilien. Man streicht Stellen und verhandelt mit den Mitarbeitervertretungen über weniger Weihnachts- und Urlaubsgeld. Pfarreien werden zusammengelegt und Immobilien verkauft. Viele Bistümer haben dazu Experten von McKinsey hinzugezogen. Entscheidend ist, dass die Gläubigen die Kürzungsaktionen nicht als reine Abbruchunternehmen erfahren, sondern auch als Chance zur Neubesinnung. Das Sparen dürfe bei den Diözesen „nicht zu einem Dauerthema werden“, mahnt auch McKinsey-Direktor Thomas von Mitschke-Collande, der die Arbeit seines Unternehmens in den Bistümern koordiniert. Für die Antriebskraft in einer Organisation, „die in erster Linie Mut zusprechen und Hoffnung vermitteln soll“, wäre eine solche Maxime besonders kontraproduktiv.

Die Kirche müsse sich wieder stärker auf ihre Kernkompetenz besinnen, heißt es nun landauf, landab. Nach Ansicht des Wiener Pastoraltheologen Paul M. Zulehner bewegen die Menschen heute vor allem zwei zentrale Themen: die Frage nach der Gerechtigkeit inmitten der Freiheit und die Frage nach der Spiritualität inmitten der Säkularität. Darauf müsse die Kirche mit neuen pastoralen Konzepten eine Antwort suchen. Falsch sei es, nun „raumpflegerisch“ vorzugehen und einfach immer mehr Pfarreien zusammenzulegen. In diesem Fall werde „die Zahl der Seelsorgeeinheiten der Zahl der verfügbaren Priester angeglichen. Das führt zu seelsorglichen Megaräumen“, kritisiert Zulehner. Denn in solchen Großeinheiten verliere die Pastoral ihre Nähe zu den Lebensgeschichten und werde immer betriebsförmiger. Neue, kreative Angebote müssen her, fordert darum der Hohenheimer Theologe Michael Schramm. Denn die Menschen seien heute keineswegs weniger religiös als früher. Als Beispiel nennt Schramm die mancherorts praktizierten „Thomas-Messen“ für Zweifler, die bis zu 1000 Menschen anziehen. Oder wer den sonntäglichen Gottesdienst um 10 Uhr nicht wolle, der komme vielleicht am späten Abend zur „Nachteulen-Messe“.

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