Zeitung Heute : In teuren Schuhen zu den Sternen

Ein genussvoller Lebensstil liegt in vollem Einklang mit unserer Kultur und steht für die Kunst des positiven Denkens

Elisabeth Binder

Niemand braucht eine winzige Handtasche für 1000 Euro. Und natürlich kann man überleben, ohne ein Wochenende im Luxushotel zu verbringen mit Edelsteintherapie und Aromaölmassage. Wer 1200 Euro für ein paar Schuhe ausgibt, ist nicht nur verrückt, sondern begeht geradezu eine Sünde. In diesen Zeiten! Und doch würden ihm gerade die teuren Schuhpaare fast aus den Händen gerissen, berichtet fröhlich der Berliner Louis-Vuitton-Manager Marc Olivier Hette. Und was die limitierten Velvet-Taschen angeht, die im Übrigen bis zu 4500 Euro kosten können, lassen sich seine Kunden auf Wartelisten setzen, um an das Exemplar ihrer Begierde heranzukommen. Ähnlich Verwirrendes ertönt auch aus dem Schwarzwald, wo Hermann Bareiss, Chef des gleichnamigen, vielfach ausgezeichneten und sehr luxuriösen Wohlfühl-Hotels auf die Frage, wie es denn so laufe im Moment, antwortet: „Hervorragend!“ Aber die schlechten Zeiten? „Gerade“, sagt Hermann Bareiss, der Menschen bewundert und zu seinen Gästen zählt, die etwas Außergewöhnliches schaffen. Gerade also, wenn es überall trübe aussieht, wächst der Wunsch, sich verwöhnen zu lassen, sich selbst etwas sehr Besonderes zu gönnen. Dazu gehört freilich nicht nur das umfangreiche Wellness-Programm mit Sprudelbädern und ausgefallenen Behandlungen. Und auch das doppelt besternte Gourmet-Restaurant würde vielleicht noch nicht reichen, eine traumhafte Auslastung zu erzielen. „Die Ansprache, die Begleitung, die menschliche Zuwendung“, das seien die Dinge, die seine Gäste am meisten zu schätzen wissen. „Wer zu uns kommt, tut was für die Gesundheit, die Lebensfreude, die Seele“, sagt Bareiss und meint das bewusst überhaupt nicht esoterisch. Wer sich in Baiersbronn verwöhnen lässt, sucht nicht nur Jakobsmuscheln, sondern vor allem menschliche Nähe, Wärme. Die müssen die Mitarbeiter vermitteln können, und die, sagt der passionierte Hotelier, „muss von Herzen kommen“.

Eine ganz ähnliche Philosophie vertritt der in einer anderen Branche nicht minder erfolgreiche gebürtige Franzose, Marc Olivier Hette. Der französische Luxuskonzern Moet Hennessy Louis Vuitton, für den er arbeitet, legte allein im Krisenjahr 2003 trotz Irak-Krieg beim Betriebsgewinn um neun Prozent auf 2,18 Milliarden Euro zu. Allein in diesem Jahr hat das Unternehmen in Berlin zusätzlich 18 Mitarbeiter für die Geschäfte im KaDeWe und in der Friedrichstraße eingestellt. In der Filiale am Kurfürstendamm arbeiten 13 Mitarbeiter auf 450 Quadratmetern. Sie sprechen alle verschiedene Sprachen und haben eines gemeinsam: Sie fühlen sich wohl bei ihrer Arbeit und strahlen das auch aus. Für Hette ist das ein ganz wichtiger Schlüssel zum Erfolg. Seine Mitarbeiter werden mitunter von Kunden zu Hochzeiten und Geburtstagen eingeladen, weil sich aus Verkaufsgesprächen Beziehungen, manchmal gar Freundschaften entwickelt haben. Hette schreibt auch mal Briefe zu den Geburtstagen seiner Kunden: „Wir wollen ihnen zeigen, dass wir nicht nur an ihrem Geld interessiert sind.“ Sie sollen sich in dem eleganten Kudammgeschäft als Menschen angenommen fühlen. Wie im Schwarzwaldhotel.

Stil und Genuss verbindet man oft mit Luxus. Das lateinische Wort „Luxus“ kennt im Lexikon drei Übersetzungen „Üppige Fruchtbarkeit“, „Pracht“, „Ausschweifung, Liederlichkeit, Schlemmerei“. Im oberflächlich alltäglichen Gebrauch wird Luxus, besonders in schlechten Zeiten und ganz besonders in einer Neidgesellschaft, eher verächtlich im Sinne von nutzloser, also liederlicher Ausschweifung gebraucht. Wie kurz gefasst diese Sichtweise ist, zeigt eine Episode aus der Bibel, in der eine Frau von den frommen Leuten der Verschwendung bezichtigt wird, weil sie ein Alabastergefäß mit kostbarem Öl nicht zugunsten der Armen verkauft hat, sondern es benutzt, um den Messias zu salben, der dieses Tun nicht nur gutheißt, sondern auch vorhersagt, dass die Geschichte immer weiter überliefert werde.

Im Grunde basiert unsere ganze Kultur auf dem Streben nach Luxus. Um physisch zu überleben, hätten sich die Menschen nie aus ihren Höhlen herauszubewegen brauchen. Die Tugend des Mitleids mit den Armen adelt sie immerhin vor anderen Lebewesen. Aber das Streben nach Höherem, der Blick auf die Sterne, getrieben von Inspirationen und Visionen basieren auf der Sehnsucht nach dem, was eigentlich nicht nötig ist. In der materiellen Ausprägung kann das schön verbrachte Zeit sein in einer lichtdurchfluteten Whirlwanne im Schwarzwald oder in einem Paar sündhaft teurer Schuhe auf dem Kudamm. Wer sagt, dass nicht derjenige, der sich gut fühlt, auch ein besserer Mensch werden kann. Einer, der das Außergewöhnliche nicht nur konsumierend erstrebt, sondern auch in seinen Leistungen. Es sind keineswegs nur die alten Reichen, die sich Luxus leisten.

Zu Hettes Lieblingskunden zählen Frauen, die zwei oder drei Jahre sparen für ein exquisites Teil, das sie dann mit besonderem Stolz spazieren führen. Wahre Luxusartikel kommen ja nicht aufgemotzt daher, so dass man sie sich schnell leid sieht. Sie sehen eher so aus, dass man sie über Generationen vererben kann. Und Luxus ist knapp, das ist ein wichtiger Bestandteil. Last-Minute-Pauschalen wird man im „Bareiss“ schwerlich bekommen, das beliebte Schwarzwaldhotel ist eigentlich fast immer ausgebucht. Man wird auch niemals ein echtes Louis-Vuitton-Stück als Schnäppchen bekommen. „Es gibt keine Sonderangebote, keine Rabatte, keinen Schlussverkauf“, sagt Hette. „Das ist unser wichtigstes Erfolgsrezept, denn es bedeutet, dass jedes Teil im Wert eher steigt.“ So wie die Umsätze des französischen Luxuskonzerns.

Über Luxus ist in der Geschichte und in der Philosophie viel gestritten worden. Hans Magnus Enzensberger erwähnte 1996 in einem „Spiegel“-Essay zu dem Thema die Biologen des 19. Jahrhunderts. Denen fiel auf, dass die Verschwendung nicht nur in der menschlichen Gesellschaft, sondern auch in der Natur eine überwältigende Rolle spielt. Dort konstatiert er auch, dass die Advokaten der Askese nicht unter den Armen zu finden sind, sondern unter ihren selbst ernannten radikalen Anwälten wie Robespierre, Lenin, Mao und Pol Pot. Den Luxus der Zukunft sah er unter anderem in dem Luxusgut Zeit, des Weiteren in „Ruhe“ und „Aufmerksamkeit“. Also auch in den Dingen, die Menschen in einem luxuriösen Spa-Hotel suchen.

Menschliche Zuwendung gehört in Zeiten ständig zunehmender Personalsparmaßnahmen zu den knappsten und also höchsten Luxusgütern. Dort, wo sie echt wirkt, ist womöglich gar nicht mehr zu unterscheiden, ob es wirklich um die Tasche geht, um ein seidig sich anfühlendes Hotelbett oder eben doch, wie Hermann Bareiss sagt, um die Seele. Wer in schlechten und also harten Zeiten mithalten will, muss pragmatisch denken. Ein Leben mit Stil, die Fähigkeit und Bereitschaft zum Genuss gelten heute auch als notwendige Bestandteile einer Lebensphilosophie, die auf positivem Denken aufbaut. Sich etwas Besonderes zu gönnen, um den Alltag aufzuhellen, ist also nicht unbedingt verschwenderisch, sondern offenbart eine Orientierung an Nachhaltigkeit. Schöne Erinnerungen, erfüllte Träume bleiben für immer, vertiefen das Gefühl, wirklich gelebt zu haben. Vielleicht handelt es sich bei dem Wochenende im Schwarzwald, bei der kleinen Pochette für 1000 Euro um die eigentlich nützlichen Investitionen. Außergewöhnliche, auch außergewöhnlich teure Gegenstände, erinnern, wo sie nicht in Massen und achtlos benutzt werden, ihren Besitzer immer wieder daran, dass er ein besonderes Leben lebt. Und etwas Besonderes daraus machen sollte.

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