Zeitung Heute : In Unfrieden

Die Konfliktlinie verläuft zwischen Arm und Reich.

Karin Schädler
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Es gibt einen Mikrokosmos, an dem man gut beobachten kann, wie sich die künftigen Konflikte in der Welt abspielen könnten. Es sind die „Gated Communities“ in Südamerika, kleine reiche Wohngebiete, die umzäunt sind und bewacht werden, weil um sie herum Armut herrscht. „Es ist ein Spannungsverhältnis, wenn der Lebensstil immer weiter auseinander driftet, so dass die einen rein wollen, und die anderen sich verbarrikadieren müssen, um das Erreichte nicht zu teilen“, sagt Parto Teherani-Krönner, Agrar- und Entwicklungssoziologin an der HU. An den Grenzen Europas kann man dieses Spannungsverhältnis bereits beobachten: Flüchtlinge wollen rein, die europäische Grenzagentur Frontex hindert sie daran.

Tatsächlich spricht Teherani-Krönner, wenn sie nach dem größten Konfliktpotenzial der Zukunft gefragt wird, von einem ungerechten Zugang zu Ressourcen. So werden nicht den Hauptverursachern von Klimaschäden Ressourcen genommen, sondern Menschen in ärmeren Ländern, die zum Beispiel mit Überschwemmungen zu kämpfen haben. „Ernährung ist der Schlüssel zu Friedensfragen weltweit. Doch jede siebte Person auf dieser Welt hungert“, sagt Teherani-Krönner. Seit der Kolonialzeit habe es immer wieder Aufstände gegeben, die mit der Versorgung an Grundnahrungsmitteln in Zusammenhang standen. Auch als der „Arabische Frühling“ 2011 begann, erreichten die Lebensmittelpreise einen Höchststand.

Eine nachhaltige Lösung für das Konfliktpotenzial durch ungerechte Ressourcenverteilung besteht laut Teherani-Krönner in einer fairen Wirtschafts- und Umweltpolitik. So seien subventionierte Produkte aus der EU ein Grund dafür, dass viele afrikanische Kleinbauern ihre Produkte nicht loswerden. Das zu verhindern, ließe sich politisch steuern.

Die Chancen stehen gut, vermehrt politische Lösungen auf der internationalen Ebene vereinbaren zu können. Staaten schließen immer mehr internationale Verträge ab, an die sie sich auch halten, und schließen sich in internationalen Organisationen zusammen. „Verrechtlichung ist eine zunehmende Tendenz“, sagt der Philosoph Volker Gerhardt und fügt hinzu: „Ohne die Vereinten Nationen wird in Zukunft gar nichts gehen.“ Selbst die USA könnten es sich nicht leisten, ohne Zustimmung der UN zu handeln. „Ein Alleingang wie der Irakkrieg ist zwar mit Machtmitteln möglich, aber politisch und moralisch ist man dann geliefert.“ Es sei gut vorstellbar, dass in Zukunft immer mehr Aufgaben auf internationale Organisationen verlagert werden. Mit dieser und anderen Fragen wird sich das Forschungsprojekt „Prinzipien und Perspektiven der Demokratie“ an der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften beschäftigen, an dem HU-Wissenschaftler beteiligt sind.

Auch wenn die Weltgemeinschaft tendenziell auf dem Weg ist, eine internationale Friedensordnung zu schaffen, ist diese stark gefährdet. „Eine Gefahr wird weiterhin sein, dass starke Staaten ihre Nachbarn überfallen. Oder dass durch Kriegstreiberei von Herrschaftskonflikten im eigenen Land abgelenkt werden soll“, sagt Gerhardt. Doch auch fehlende soziale Gerechtigkeit, Minderheitenrechte und eine Unterdrückung der politischen Opposition gefährden den Frieden. Karin Schädler

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