Zeitung Heute : In Verbindung mit dem Tod

Osama bin Laden ist am Leben und gut versteckt. Aber das ist nur eine schlechte Nachricht. Die Geheimdienste haben noch mehr Grund zur Sorge. Sie sagen: Die weltweit vernetzten Terroristen können auch ohne ihren Anführer agieren. Es kann jederzeit etwas passieren. Auch bei uns.

Frank Jansen

Es kommt selten vor, dass sich Geheimdienstler öffentlich und dann noch derart deutlich in ihrem Fachjargon äußern. „Der 11. September war ein ,Big-Anschlag’“, sagt Hans-Josef Beth, Leiter der Abteilung Internationaler Terrorismus beim Bundesnachrichtendienst, „was wir jetzt befürchten, ist ,Big-Big’“.

DIE WARNUNGEN

In seinem Vortrag am Dienstagabend im Berliner Roten Rathaus, zu dem die Deutsche Atlantische Gesellschaft einlud, schont Beth die Zuhörer nicht. Es sei möglich, dass Al-Qaida-Leute eine Terroraktion mit biologischen oder chemischen Massenvernichtungswaffen vorbereiten – und das Ziel könne durchaus auch Deutschland sein. Auch ein Angriff auf ein Atomkraftwerk sei nicht auszuschließen. Denn die Bundesrepublik gelte wegen ihres Engagements in Afghanistan als „Lakai der Amerikaner“. Beth: „Wir setzen alle Kräfte ein, dass wir die Gefahr rechtzeitig erfassen können.“ Mit der Drohung, die Osama bin Ladens Stellvertreter Ayman al Zawahiri Anfang Oktober ausstieß, hat sich für die Sicherheitsbehörden der Wettlauf mit der Zeit noch verschärft.

Der Al-Qaida-Vize hatte in einem Interview von einer „Botschaft“ junger Gotteskrieger an Deutschland und Frankreich gesprochen. Gemeint waren die Anschläge auf Djerba und gegen den französischen Tanker „Limburg“, in den vor der Küste Jemens ein Sprengstoff-Boot raste. Was al Zawahiri dann hinzufügte, hat bei den Behörden höchsten Alarm ausgelöst: „Sollte aber die Dosis nicht ausreichend gewesen sein, so sind wir bereit – natürlich mit Hilfe Allahs – die Dosis zu erhöhen.“ BND-Experte Beth zählt auf, was den Terroristen vermutlich für eine höhere „Dosis“ zur Verfügung steht.

DIE WAFFEN

Im Bereich der biologischen Giftstoffe muss mit Botulinus-Toxin (15 000fach giftiger als der giftigste chemische Kampfstoff), Ricin (besondere Gefahr bei Verbreitung über Trinkwasser) und Anthrax (fünf Tote bei mysteriöser Anschlagsserie in den USA) gerechnet werden. Dass sich Al Qaida auch Ebola- oder Pockenerreger verschafft haben könnte, hält der BND hingegen für unwahrscheinlich. Bei den chemischen Kampfstoffen werden unter anderem Phosphin (geruchlos, hochentzündlich), Schwefelwasserstoff (ebenfalls hochentzündlich), Sarin (1995 von der Aum-Sekte beim Anschlag auf die Tokioter U-Bahn eingesetzt, zwölf Tote und mehr als 5500 Verletzte) sowie Soman (noch aggressiver als Sarin) genannt.

Wahrscheinlich habe sich Al Qaida auch Nuklearabfall besorgen können, der vermischt mit Sprengstoff als „schmutzige Bombe“ eingesetzt werden kann, sagt Beth. Er hat allerdings auch eine Antwort auf die Frage, warum islamistische Terroristen bislang „nur“ konventionelle Mittel wie Sprengstoff und Flüssiggas eingesetzt haben. „Man will es krachen, dampfen, explodieren sehen“, sagt Beth, „am besten bei großen Gebäuden.“ Noch setze Al Qaida auf „kraftvolles Kaputtmachen“, kombiniert mit dem Tod von Märtyrern. Andererseits beobachtet der BND im Terrornetz verschlüsselt geführte Debatten über Giftstoffe. Außerdem gibt es ein konkretes Rachemotiv: In Tschetschenien kam der von Al Qaida geschickte, jordanische Kommandeur Ibn ul Chattab im April 2002 bei einem Giftattentat ums Leben. Für den Mord ist nach Ansicht von Experten der russische Geheimdienst FSB verantwortlich. Jedenfalls schließt der BND nicht aus, die Terroristen hätten nun einen Grund mehr, die Schwelle zum Einsatz giftiger Kampfstoffe zu überschreiten.

DIE KONTAKTE

Von Ibn ul Chattab führt die Spur zu einem Mann, den Beth als einen der mutmaßlichen Planer kommender Anschläge in Europa beschreibt. Der Jordanier Abu Mosab al Zarqawi, auch als Ahmad Fadeek al Khalalilah bekannt und ehemaliger Studienkollege Chattabs, zähle zu den rund 30 Führungsfiguren um Osama bin Laden herum. Zarqawi schleust vom Mittleren und Nahen Osten aus Kämpfer nach Europa. „Das ist ein ganz wichtiger Mann“, sagt Beth, „den muss man sich merken.“ Al Zarqawi stehe in Kontakt zu Gruppen islamistischer Terroristen in der Bundesrepublik. „Er wurde um Rat gebeten, ob auch in Deutschland Anschläge verübt werden sollen“, berichtet Beth. Über al Zarqawis Antwort schweigt sich der BND-Mann aus. Doch gerade die bundesdeutschen Behörden wissen, mit wem sie es zu tun haben.

Im April ließ Generalbundesanwalt Kay Nehm die Wohnungen von einem Dutzend Islamisten der Gruppe „Al Tawhid“ durchsuchen. Die Ermittler entdeckten gefälschte Pässe und konnten Verbindungen bis nach Iran und Afghanistan recherchieren. Als „operativer Führer“ von Al Tawhid entpuppte sich Al-Qaida-Mann al Zarqawi. Damals schleuste er von Iran aus Gotteskämpfer nach Europa. Inzwischen hat ihn der BND auch im Irak und Libanon geortet. Im autonom-kurdischen Nordirak hat sich die Gruppe „Ansar al Islam“ ein Gebiet erkämpft. Dort sammeln sich Al-Qaida-Kämpfer und experimentieren nach Erkenntnissen des BND mit Giftstoffen. Laut Beth spielt al Zarqawi in Nordirak „eine spezielle Rolle“.

DIE VERSTECKE

Der ganz große Terrorchef scheint hingegen sein Refugium nicht zu verlassen. Osama bin Laden halte sich weiterhin im pakistanisch-afghanischen Grenzgebiet auf, sagt Beth. Er bewege sich „sehr geschickt“. Außerdem sei die Unterstützung durch die Paschtunenstämme so stark, „dass wir damit rechnen müssen, ihn über Jahre nicht zu finden“. Allerdings werde es in Zukunft nicht mehr so wichtig sein, ob bin Laden noch Al Qaida leitet. Beth verweist auf das autonome Agieren vieler Gruppen und auf das Eigenleben des Netzwerks. Anschläge seien unabhängig von bin Laden überall und jederzeit möglich. Besondere Gefahren sieht der BND in Europa, Amerika, Ostafrika und Südostasien. Und in Afghanistan. Beth bleibt deutlich: „Wir rechnen mit größeren Anschlägen in den Städten – noch im November.“ Denn Al Qaida wolle, „dass das Leben für die Internationale Schutztruppe unerträglich wird“.

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