Zeitung Heute : In Versetzungsgefahr

Amory Burchard

Der UN-Sonderberichterstatter Vernor Munoz hat eine erste Bilanz seines Besuchs in Deutschland gezogen. Was müsste geschehen, um die von ihm benannten Mängel zu beheben?


In Deutschland gebe es einen starken Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und Bildungserfolg. Dieses Ergebnis der Pisa-Studie habe sich bei seinem zehntägigen Besuch bestätigt, sagte gestern Vernor Munoz, UN-Sonderberichterstatter für das Recht auf Bildung. Zum Abschluss seiner zehntägigen Reise durch deutsche Kindergärten und Schulen und nach zahlreichen Treffen mit Bildungspolitikern und -forschern, mit Menschenrechts- und Migrantengruppen schilderte Munoz in Anwesenheit von Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) und dem Vizepräsidenten der Kultusministerkonferenz und Berliner Schulsenator, Klaus Böger (SPD), seine Eindrücke – und gab Empfehlungen. „Die Armen sind auch bildungsfern“, betonte Munoz. Soziale Ungleichheit spiegele sich in den Bildungschancen wieder.

Dass die Schüler nach der Grundschule – in den meisten Ländern nach vier Jahren – in verschiedene Schularten aufgeteilt werden, habe „negative Konsequenzen für Kinder, die ohnehin schon soziale Probleme haben“, sagte der Sonderberichterstatter. Durch die Trennung im Alter von zehn Jahren werde „nicht das volle Potenzial der Schüler ausgeschöpft“. Das System der frühen Aufteilung richte sich somit „gegen das höhere Interesse des Kindes“ – und widerspreche der UN-Menschenrechtskonvention. Migranten und Kinder aus armen Familien seien an der Hauptschule überrepräsentiert; die Hälfte der Migranten fände nach dem Abschluss keinen Ausbildungsplatz.

Munoz’ Empfehlung, die Trennung solle später stattfinden, stellte Bundesbildungsministerin Schavan ein anderes Modell entgegen: Die Entscheidung für den Besuch der Haupt- oder Realschule oder des Gymnasiums dürfe „keine Entscheidung über den Schulabschluss“ sein. Künftig solle jede Hauptschule auch den mittleren Bildungsabschluss ermöglichen. Und eine zusätzliche Berufsausbildung müsse auch den Weg zum Hochschulstudium öffnen. Klaus Böger dagegen sieht in Munoz’ Kritik Anlass, „die Frage der Schulstrukturen erneut zu diskutieren“, gibt aber zu bedenken, dass die sechsjährige Grundschule in Berlin auch nicht frei von Problemen sei. Die Linkspartei will mit der Forderung nach Modell-Einheitsschulen bis zur 10. Klasse in den Berliner Wahlkampf gehen.

Kritik übte Munoz auch am föderalen System. Der Bund verliere gegenüber den Ländern immer mehr Kompetenzen und könnte bald nicht mehr dazu in der Lage sein, die Gleichheit der Bildungschancen zu gewährleisten. Schon heute habe die unterschiedlichen Schulformen negative Folgen für die Mobilität. Schavan will sich dafür einsetzen, dass die Länder „gemeinsame strategische Ziele vereinbaren“ um Risikogruppen besser zu fördern. Auch durch die Bildungsstandards werde Deutschland zukünftig bei Pisa zu den erfolgreichen föderalen Systemen gehören.

Für nicht akzeptabel hält es Munoz, dass Kinder aus Flüchtlingsfamilien, von Asylbewerbern und so genannten Illegalen auf Druck der Bundesregierung in etlichen Ländern nach dem 16. Lebensjahr nicht mehr die Schule besuchen oder eine Berufsausbildung machen könnten. Böger kündigte dazu für Anfang März eine Erklärung der Kultusminister an. Die KMK wolle die Bundesregierung auffordern, ihre Vorbehalte aufzugeben.

Positiv bewertet Munoz, dass Deutschland auf den Pisa-Schock mit einer Welle von Reformen reagiert. Aber offenbar nicht konsequent genug: Wer die vorschulische Bildung ausbauen wolle, um benachteiligten Kindern zu helfen, müsse auch dafür sorgen, dass sie kostenlos sei.

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