Zeitung Heute : In vertrauter Runde

Die Nato hat den Kalten Krieg gewonnen – wofür das alte Bündnis heute noch gut ist

Albrecht Meier

Heute vor 50 Jahren ist die Bundesrepublik der Nato beigetreten. Wie ist das Verhältnis Deutschlands zum Nordatlantischen Pakt?

Lord Ismay hat es vor einem halben Jahrhundert auf den Punkt gebracht. Den Zweck der Nato beschrieb der erste Generalsekretär des Militärbündnisses so: „To keep the Americans in, the Russians out and the Germans down.“ Nach dem Zweiten Weltkrieg sollten die Amerikaner in Europa gehalten werden, die Russen draußen und die Deutschen – unten. Der Krieg war gerade vier Jahre vorbei, als die Nato als Bollwerk gegen den Kommunismus gegründet wurde. Noch einmal sechs Jahre später, im Mai 1955, trat die Bundesrepublik dem Bündnis bei. Im Rückblick auf die vergangenen 50 Jahre zeigt sich allerdings: Ein Schattendasein hat Deutschland in der Nato nie geführt – weder die junge Bundesrepublik, noch das wiedervereinigte Land.

Der Kalte Krieg war bereits voll im Gange, als die Bundesrepublik dem Militärbündnis beitrat. Damit rückte Bonn unter Bundeskanzler Konrad Adenauer (CDU) noch näher an den Westen heran. Gleichzeitig vertiefte sich aber die militärische Kluft auf dem europäischen Kontinent: Wenige Tage nach dem Nato-Beitritt der Bundesrepublik wurde die DDR Mitglied des Warschauer Paktes – auf deutschem Boden standen sich damit deutsche Soldaten gegenüber.

Die Krisenszenarien der Nato aus den Jahren des Kalten Krieges sind inzwischen Geschichte. Bis weit in die 80er Jahre war die Angst vor einem großen Territorialkrieg auf deutschem Boden allerdings sehr real: Einen möglichen Angriff des Warschauer Paktes erwartete das von den Amerikanern geführte Miltärbündnis in der Gegend von Fulda – einem militärisch bedeutsamen Streifen, den die US-Armee „Fulda Gap“ taufte. In diese Zeit gehört auch die Debatte um die Nachrüstung der Nato, die der damalige Kanzler Helmut Schmidt (SPD) 1977 angestoßen hatte. Um den neuen sowjetischen SS-20-Langstreckenraketen etwas entgegenzusetzen, fasste die Nato zwei Jahre später einen so genannten Doppelbeschluss. Er sah vor, das Militärbündnis in Westeuropa mit Nuklearwaffen nachzurüsten, gleichzeitig aber mit Moskau Abrüstungsverhandlungen zu führen. In der Bundesrepublik machte sich die Nato damit auch Feinde – Hunderttausende protestierten gegen die Mittelstreckenraketen des westlichen Bündnisses.

Das Verhältnis Deutschlands zur Nato ist aber nicht nur vom ehemaligen Frontstaat-Status der Bundesrepublik geprägt. Noch bevor die Mauer fiel, wurde mit dem ehemaligen Verteidigungsminister Manfred Wörner 1988 ein Deutscher Generalsekretär der Allianz. In Moskau blühte gerade die Perestroijka – und Wörner begann, das Bündnis auf die Zeit nach dem Kalten Krieg vorzubereiten. Seine Gedankenspiele sind inzwischen Wirklichkeit: Die Nato hat den Kalten Krieg gewonnen und sich weit nach Osten auf das ehemalige Gebiet des Warschauer Paktes ausgedehnt. 26 Mitgliedstaaten zählt das Bündnis heute.

Mit dem Fall der Mauer hatte die Nato aber auch ein handfestes Problem: Welche Rolle soll das Bündnis weltweit überhaupt noch spielen? Weltweite Krisenprävention, Friedenserhaltung, robuste Einsätze, Kampf gegen den Terror? Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) bereicherte die Debatte bei der Münchner Sicherheitskonferenz im vergangenen Februar um den Vorschlag, die Nato verstärkt als Forum für den politischen Dialog zu nutzen.

Der Vorschlag ging zunächst einmal an die Adresse der USA. In Berlin und anderen europäischen Hauptstädten wird schließlich genau registriert, dass die USA seit dem Ende des Kalten Krieges dazu übergangen sind, das Militärbündnis zu vernachlässigen. Die USA, so lautet der Vorwurf, würden die Militärallianz beim weltweiten Einsatz ihrer Truppen lediglich als „tool box“ gebrauchen – also als Werkzeugkasten, in den man beliebig hineingreifen kann. Oder eben nicht. Als im März 2003 der Irakkrieg begann, spielte die Nato keine Rolle. Stattdessen offenbarte das Bündnis einen tiefen Riss zwischen Kriegsbefürwortern und -gegnern.

Immerhin zeigte sich Außenminister Joschka Fischer (Grüne) bei einem informellen Treffen der Nato-Außenminister in der litauischen Hauptstadt Vilnius im vergangenen Monat überzeugt, dass der politische Dialog zwischen Europa und den USA wieder in Gang gekommen ist. Auf lange Sicht ist aber immer noch offen, ob die Nato tatsächlich zu einem Gremium verstärkter transatlantischer Konsultationen wird – und ob nicht Bundeskanzler Schröder und Frankreichs Präsident Chirac doch auf eine verstärkte Rolle der Europäischen Union setzen.

Im Schatten der großen Strategie-Debatten hat die Bundeswehr indes einen groß angelegten Umbau durchgemacht. Bundeswehrsoldaten sind heute in Krisenregionen auf drei Kontinenten stationiert. Allein im Kosovo und in Afghanistan kann die Nato auf 4580 deutsche Soldaten zurückgreifen. Hindukusch statt „Fulda Gap“ – ziemlich viel Veränderung in 50 Jahren. Fotos: promo (2), R/D (2)

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