Zeitung Heute : In weiter Ferne so nah

Auch schlechte Zeiten sind für Logistikunternehmen gute Zeiten. Bis 2025 brummt das Geschäft auf jeden Fall – so oder so

Lutz Steinbrück Reinhart Bünger

Logistiker haben immer gut zu lachen. Sie finden leicht einen Arbeitsplatz, profitieren in Boomzeiten vom Wachstum. Doch auch in Rezessionszeiten scheinen sie auf Sonnenseite der Wirtschaft zu arbeiten: Durch Service und Effizienzsteigerungen können sie für ihre Kunden verlorenen Boden wieder gutmachen. Trotzdem ist es immer gut, heute schon zu wissen, was morgen kommt. Am heutigen Mittwoch werden auf dem 25. Deutschen Logistik-Kongress in Berlin deshalb zwei Studien vorgestellt, die dem Tagesspiegel vorab vorlagen.

Mit der alle zwei Jahre durchgeführten Studie „Trends und Strategien in der Logistik“ nimmt die Bundesvereinigung Logistik (BVL) die nächsten fünf bis acht Jahre ins Visier. In der Studie äußern sich internationale Branchenkenner zu Branchentrends – es geht um zunehmendes Outsourcing und die Bewertung des Logistik-Standortes Deutschland. An der Studie beteiligten sich 1200 Unternehmen aus China, USA und Europa. Das Supply Chain Management Institute (SMI) wagt hingegen in seiner Untersuchung Prognosen: „Future of Logistics 2025: Global Scenarios“, so lautet der Titel der Studie, die die kommenden 17 Jahre fest im Blick hat. „Wir sehen unsere Studie als Ergänzung zu den ,Trends und Strategien in der Logistik‘ der BVL, indem wir statt eines kurz- und mittelfristigen Zeitraumes die Szenarien für eine längerfristige Entwicklung untersuchen“, erklärt der für die Studie mitverantwortliche Ökonom Heiko von der Gracht (SMI). Aus seiner Sicht denkt die Branche zu kurzfristig: „Logistik-Unternehmen planen meist über drei bis fünf Jahre. Langfristige Strategien sind im Gegensatz zu anderen Wirtschaftszweigen unüblich“, sagt er. Wenn überhaupt, würden sich Global Player wie die Deutsche Post oder Deutsche Bahn Schenker damit befassen, während kleine und mittelständische Firmen vor Investitionen zurückschreckten. Er findet, dass die Logistik Potenziale verschenkt und sich in Zeiten eines anhaltenden Booms stärker mit langfristigen Perspektiven beschäftigen sollte.

Von der Gracht leitet das „Center for Future Studies in Logistics and Supply Chain Management“ am SMI in Wiesbaden, das der European Business School angegliedert ist. Seine Dissertation handelt von der Zukunft der Logistik und bildete die Basis für die im Frühjahr veröffentlichte SMI-Studie „Zukunft der Logistik-Dienstleistungsbranche in Deutschland 2025“. Dazu wurden fünfzig deutsche Logistik-Experten mit globalen Zukunftsthesen konfrontiert, um sich zu deren Auswirkungen auf die Branche in Deutschland zu äußern. Die neue SMI-Studie knüpft an diese Untersuchung an: Auch hier nehmen Fachleute zu globalen Szenarien des Jahres 2025 Stellung. Allerdings hat sich das Spektrum auf internationale Experten aus Wissenschaft, Politik und Wirtschaft erweitert. „Wir haben 65 Experten aus neun für die globale Logistik wichtigen Ländern zu zwanzig globalen Zukunftsthesen und deren Folgen für die Logistik befragt“, erläutert von der Gracht. Mit dabei: Christian Ketels (Harvard Business School), Steven A. Melnyk (Michigan State University) und Anil K. Gupta (Indian Institute of Management Ahmedabad).

Im Rahmen der Thesen werden mögliche wirtschaftliche Entwicklungen, politische Veränderungen, technologische Innovationen und sozio-kulturelle Tendenzen thematisiert. Gedacht ist die Studie als Hilfe für Logistik-Firmen, um sich besser auf die Zukunft einzustellen und Strategien zu entwickeln. „Wir wollen ihnen Zukunftskompetenz an die Hand geben, damit sie gegen Überraschungen gefeit sind“, sagt von der Gracht. Eine Mehrheit der Experten war sich einig, dass die Energiekrise bis 2025 ein ungelöstes globales Problem bleiben wird – unter anderem wegen der Bevölkerungsexplosion und Lobby-Arbeit von Energieunternehmen, die angeblich einer umfassenden Lösung entgegenstehen. Für die Logistik bedeute dies steigende Treibstoffkosten sowie eine bereichsweise Deglobalisierung. „Wenn immer mehr Äpfel vom Bodensee statt aus Kapstadt kommen“, so von der Gracht, „bedeutet das eine Umstrukturierung des Transports hin zu schnelleren Verbindungen von Beschaffung und Distribution.“

Zentral wird laut SMI-Studie der Bereich Wasser-Logistik. In Zeiten der Verknappung sehen die Experten eine Wasserkrise auf uns zukommen, die in Krisengebieten zu Verteilungskämpfen führt. Die Logistik wird zur Hochsicherheitsbranche: Sie hat dann die Aufgabe, mit gepanzerten Sprudellastern für einen sicheren Wasser-Transport zu sorgen. Krisen-Szenarien werden als Chance begriffen. „Dabei geht es nicht nur um Hilfslieferungen, sondern auch darum, welchen ethischen Beitrag die Logistik für die globalisierte Gesellschaft leisten kann“, sagt von der Gracht. Logistik-Unternehmen, die sich im Zuge der Corporate Social Responsibility im Kampf gegen Malaria oder Aids engagieren – dieser Ansatz sei weitgehend neu.

Sind also auch schlechte Zeiten immer gute Zeiten für die Logistiker? „Der weltweite reine Transport hängt natürlich vom Weltwirtschaftswachstum ab“, sagt Frank Straube, Leiter des Bereichs Logistik an der TU Berlin und stellvertretender Bundesvorsitzender der BVL zu seiner Studie. „In Rezessionszeiten können wir beobachten, dass Unternehmen eher mehr outsourcen, da sie gezwungen sind, zu rationalisieren. Das läuft gegenläufig zur geringeren Geschäftsentwicklung im reinen Seetransportbereich.“

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