Zeitung Heute : „In wenigen Jahren sind Vergleiche normal“

Interview: Qualitätsprüfer Volker D. Mohr über Leistungsmessung im Krankenhaus

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Jeder Patient ist anders. Er reagiert auf Therapien oder Medikamente individuell, er ist körperlich unterschiedlich belastbar oder seine Leiden werden durch Begleiterkrankungen verstärkt. Ist unter diesen Voraussetzungen die Qualität der medizinischen Behandlung im Krankenhaus überhaupt messbar?

Ja, wenn zwei Voraussetzungen erfüllt sind. Erstens müssen Ziele für die Qualität der Krankenhausbehandlung festgelegt werden. Zweitens müssen Werkzeuge zur Verfügung stehen, die messen, in welchem Umfang diese Ziele erreicht werden. Bei der BQS haben wir solche Messwerkzeuge erarbeitet, die einen fairen Vergleich der Krankenhäuser untereinander ermöglichen, weil sie die Besonderheiten jedes einzelnen Patienten – sein Alter und Geschlecht, seine Begleiterkrankungen und seine Krankengeschichte – berücksichtigen.

Die BQS hat für das Jahr 2004 die Ergebnisse für 19 Klinikbehandlungen in mehr als 210 Qualitätsindikatoren, definierten Merkmalen also, erfasst - ein für Laien unübersichtliches System. In anderen Ländern, wie den USA, wo öffentliche Rankings von Kliniken seit Jahren üblich sind, setzt man stattdessen auf so einfache Daten wie die Sterblichkeit im Krankenhaus. Warum ist das BQS-System besser?

Ob es besser ist, müssen die Nutzer entscheiden. Unser System ist anders, denn das Ziel einer medizinischen Behandlung ist mehr als nur die Vermeidung von Todesfällen. Wir betrachten den gesamten stationären Behandlungsablauf. Etwa, ob zu Beginn der Behandlung die richtigen Entscheidungen getroffen wurden. Und wir stellen dar, welches Ergebnis am Ende der Therapie steht. Also zum Beispiel, wie häufig nach Gelenkoperationen eine gute Beweglichkeit erzielt wird. Dieses System ist aus unserer Sicht fairer gegenüber den Krankenhäusern als das bloße Zählen von Todesfällen, das weder den komplizierten Behandlungsprozess noch die vielfältigen Wünsche der Patienten an die Behandlung widerspiegelt.

Die Daten werden von den Krankenhäusern selbst erfasst. Wie kontrollieren Sie, dass dabei nicht „geschummelt“ wird?

Uns ist bewusst, dass die Selbstauskunft eine offene Flanke für die Qualität der Daten sein könnte. Deshalb wurden mehrere Kontrollen in das System eingebaut: So prüft die Software schon bei der Eingabe der Daten im Krankenhaus die Angaben automatisch auf ihre Plausibilität. In einer zweiten Stufe suchen wir mit statistischen Verfahren nach Ergebnissen, die so außergewöhnlich gut sind, dass sie Aufmerksamkeit erregen. Wir fragen in den Krankenhäusern nach, wie diese außergewöhnlichen Ergebnisse zustande gekommen sind. In einer dritten Stufe wird ab dem Jahr 2006 zusätzlich stichprobenartig vor Ort in den Krankenhäusern verglichen, ob die gemeldeten Daten mit den jeweiligen Patientenakten übereinstimmen. 2005 haben wir diese Stichprobenprüfung in drei Bundesländern erprobt. Das Ergebnis: 96 Prozent der geprüften BQS-Daten aus dem Jahr 2004 stimmten mit den Angaben der Patientenakte überein. Und die verbleibenden vier Prozent wichen jeweils zur Hälfte zugunsten und zulasten der Krankenhäuser ab. Das heißt, dass es keine Hinweise auf eine bewusste Manipulation der Daten gab. Das spricht für die Belastbarkeit der BQS-Daten.

Immer öfter wird die Veröffentlichung der bisher geheim gehaltenen BQS-Ergebnisse verlangt. Eignen sich diese Werte für einen öffentlichen Klinikvergleich?

Krankenhäuser versorgen sehr unterschiedlich zusammengesetzte Patientenklientel: Krankenhäuser der Maximalversorgung behandeln häufig kompliziertere Fälle als Krankenhäuser der Grundversorgung und könnten deshalb auf den ersten Blick auch schlechtere Ergebnisse erzielen. Dennoch ist ein fairer Vergleich möglich. 80 Prozent der Ergebnisangaben mit BQS-Indikatoren berücksichtigen rechnerisch die unterschiedlichen Risikoklassen der Patienten durch die so genannte Risikoadjustierung oder dadurch, dass sie so angelegt sind, dass sie durch die verschiedene Zusammensetzung der Patientengruppen nicht beeinflusst sind.

Sollten schlechte Qualitäts-Ergebnisse zu Sanktionen gegen Kliniken oder Operateure führen?

Das ist eine politische Entscheidung. Aber ich glaube, dass in der Versorgung von Patienten Mindeststandards erfüllt werden müssen. Und solche Mindeststandards werden zum Beispiel mit den BQS-Qualitätsindikatoren definiert.

Können Sie sich vorstellen, dass die BQS-Ergebnisse eines Tages von allen Kliniken offen gelegt werden?

Ich kann mir gut vorstellen, dass eines Tages alle Kliniken ihre Daten veröffentlichen. Das wird das Resultat einer natürlichen Entwicklung sein, denn das öffentliche Interesse an diesen Ergebnissen ist groß. Schon 2005 haben rund ein Fünftel der deutschen Krankenhäuser freiwillig BQS-Ergebnisse in ihren Qualitätsberichten veröffentlicht und damit eine Sogwirkung ausgelöst. Das Fenster ist geöffnet und wird sich nicht mehr schließen lassen.

Volker D. Mohr (47) ist Facharzt für Chirurgie und Geschäftsführer der Bundesgeschäftsstelle Qualitätssicherung (BQS) mit Sitz in Düsseldorf.

Das Interview führte Ingo Bach.

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