Zeitung Heute : Independence Day

Lars von Törne

Mit viel Kultur will die deutsch-amerikanische Initiative „Vote 44“ US-Bürgern aus Berlin Lust aufs Wählen in ihrem Heimatland machen. Und sie macht eine eindeutige Empfehlung

Als junger Mann kämpfte er in Vietnam. Nach dem Krieg engagierte er sich in der amerikanischen Friedensbewegung. Und jetzt arbeitet er dafür, eine zweite Amtszeit von George W. Bush zu verhindern. Nein, nicht von US-Präsidentschaftskandidat John Kerry ist hier die Rede, auch wenn alle drei Attribute auf ihn zutreffen. In diesem Fall geht es um Phil Hill, 54 Jahre alter Wahlberliner aus Washington, der als Übersetzer arbeitet und im vergangenen Jahr die Initiative „American Voices Abroad“ mitgründete. Gemeinsam mit einer Gruppe amerikanischer und deutscher Mitstreiter stellte Hill gestern vor der Presse die Initiative „Vote 44“ vor.

Ziel des von Kulturmanager Matt Lehitka ins Leben gerufenen Projekts ist es, George W. Bush als 43. US-Präsidenten abzulösen und – daher der Name der Initiative – Kerry zum 44. zu machen. Erreichen wollen sie ihr Ziel mit einer europaweiten Kampagne, die mit Postwurfsendungen und Kulturveranstaltungen im Ausland lebende Amerikaner zum Wählen ermuntern soll.

„Nachdem die USA ohne Zustimmung der Vereinten Nationen in den Krieg gezogen sind, war meine Schmerzgrenze erreicht“, begründet Matt Lehitka sein politisches Engagement. Den Vereinigten Staaten fühlt sich der gelernte Modemacher verbunden, seitdem er sieben Jahre lang in New York gelebt und für eine große Modelagentur gearbeitet hat. In Berlin leitet er die Street Voice Group, die unter anderem junge Musiker und soziale Projekte fördert, außerdem hat er die Modemesse „Bread and Butter“ in die Stadt geholt. Das politische Engagement des 39-Jährigen hielt sich bislang in engen Grenzen – abgesehen von einer „Uno-Friedenskollektion“, die er vor einiger Zeit entworfen hat: Kleider mit Friedenstauben und Einschusslöchern drauf. Aber das vergangene Jahr und vor allem der nicht enden wollende Irakkrieg haben Matt Lehitka politisiert. „Ob wir es wollen oder nicht: Auch Europas Schicksal hängt vom Ausgang der Wahl in den USA ab“, sagt er.

Die Berliner Bush-Gegner rechnen sich durchaus Chancen aus, die Wahl in den USA zu beeinflussen. Alleine 10 000 Amerikaner leben in Berlin, mehr als 100 000 sind es bundesweit, sagen sie. „Wenn das Wahlergebnis wieder wie beim letzten Mal von einigen hundert Stimmen abhängt, könnte die Briefwahl entscheidend sein“, sagt Dore Steinert, Journalistin und Sprecherin von Vote 44. Die Initiative will vor allem junge Auslandsamerikaner zum Wählen bewegen. Dafür ist als erste größere Aktion das Open-Air-Festival „Music Independence Day“ geplant, bei dem am 4. Juli – dem amerikanischen Unabhängigkeitstag – in Mitte DJs, Rock- und Hip-Hop-Bands auftreten sollen. Vom 27. bis 29. August will Vote 44 in Berlin das Festival „Streets of Sounds“ veranstalten. Eine Million Postkarten, die Lehitka produzieren lassen will, sollen europaweit auf Vote 44 aufmerksam machen.

Bei jeder Veranstaltung wollen Phil Hill und seine Mitstreiter von American Voices Abroad ihren Infotisch aufstellen und dem Publikum erklären, wie man als Amerikaner im Ausland wählt. Da dies ein recht bürokratischer Vorgang ist, fühlten sich bei der letzten Wahl viele potenzielle Demokraten-Wähler abgeschreckt, glaubt Hill. Eine Ausnahme seien die im Ausland stationierten Soldaten gewesen, denen die Wahl sehr leicht gemacht wurde. Das führte nach Ansicht von Hill dazu, dass vier von fünf Wählerstimmen der Briefwahl auf Bush entfielen. Jetzt sei der Leidensdruck durch Krieg und rigide Innenpolitik so gestiegen, dass die Zahl der Auslandsstimmen für die Demokraten steigen könnte, hofft Hill. Persönlich hat er allerdings ein ambivalentes Verhältnis zu Bushs Herausforderer Kerry. Der macht ihm zu viele Zugeständnisse. Deswegen wählt Hill im Herbst den Grünen Ralph Nader.

Weitere Informationen im Internet:

www.vote44.net

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