INDIE-HELDINPJ Harvey spielt im Friedrichstadtpalast : Die Kunst der Verzögerung

Jörg W er

Für eine, die zu den Größten ihrer Zunft gehört, verläuft die Karriere von PJ Harvey bis dato erstaunlich unspektakulär. Immer, wenn man glaubte, jetzt würde die 1969 geborene Engländerin richtig durchstarten, schaltete Polly Jean erstmal ein paar Gänge runter. So auch jetzt: Ihr im letzten Herbst erschienenes achtes Album „White Chalk“ zeichnet sich durch einen kommerziell waghalsigen Stilminimalismus aus, der selbst treue Anhänger auf eine Probe stellt.

Rudimentäre Arrangements, in denen La Harvey sich auf dem von ihr neu entdeckten, technisch indes noch nicht vollständig gemeisterten Instrument Piano ausprobiert, treffen auf den in ungewohnt hohen Registern verorteten Gesang. So ist von der charakteristischen Indierock-Souveränität ihrer Erfolgsplatten „To bring you my Love“ oder „Stories from the City, Stories from the Sea“ wenig bis gar nichts zu hören. Stattdessen eine spröde, bisweilen recht sinistre Folk-Kratzigkeit, die atmosphärisch eher an die aus der Versenkung aufgetauchte Canterbury-Elfe Vashti Bunyan oder die frühen Sachen von Joanna Newsom denken lässt.

Ihr Partner-in-Crime war John Parish, mit dem PJ Harvey elf Jahre zuvor schon das ähnlich versponnene, tolle Duett-Album „Dance Hall at Louse Point“ aufgenommen hatte. Diesmal hält sich Parish, in dessen zickiger Post-Wave-Band Automatic Dlamini PJ Harvey Ende der Achtziger im Hintergrund mitschrummelte, stimmlich etwas bedeckt. Für die Zukunft verheißt „White Chalk“ Gutes: Damals kam nach der kunstvollen Spaßbremse ihr bestes Album „Stories ...“. Man darf also auf weitere Großtaten hoffen.Jörg Wunder

Friedrichstadtpalast, Mo 19.5., 20 Uhr, 45-63 € BH913

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