Zeitung Heute : Indien: Bangladesch von der Seite

Thomas Veser

Frühmorgens gleicht der Dunst über den südbengalischen Reisfeldern einem feingesponnenen Mousselinegewebe. Dahinter zeichnen sich die Konturen der hellrot glühenden Sonnenscheibe ab. Es gibt nur wenige Zugtiere und so werden die Äcker auf archaische Weise umgepflügt. Während der Vordermann den groben Holzpflug mit einem Strick über seinen Schultern nach vorne zieht, schiebt ihn der andere Bauer kraftvoll durch die Furche. Qualmwolken quellen aus den Kaminen kleiner Ziegelbrennereien am Rand der Straße. Mit bloßen Händen graben Tagelöhner Lehmbrocken aus dem Boden und schleppen den Rohstoff für die bengalischen Ziegelsteine in Tragekästen zu den Brennöfen. Ihre Vorfahren, die vor mehr als einem halben Jahrtausend das Baumaterial für die Stadt Khalifatabad fertigten, haben wohl schon nach der gleichen Technik gearbeitet. In der Nähe des Mündungsgebiets von Ganges, Brahmaputra und Meghna erinnern die Überreste dieses ungewöhnlichen Ortes an jene Epoche, als das wohlhabende Bengalen von zeitgenössischen Chronisten zum "Land der Smaragde und des Silbers" verklärt wurde.

Baghenhat ist eigentlich keine Stadt, sondern eine Ansammlung von Moscheen, Palästen, Wasserbecken und Brücken. Rund vier Dutzend Baudenkmäler lassen sich besuchen, die meisten davon liegen in Palmenhainen. Durch eine üppige Vegetation gut getarnt, befinden sich die meisten Moscheen in einem fortgeschrittenen Stadium des Zerfalls. Da es kaum historische Quellen gibt, konnten die Anekdoten um so kräftiger gedeihen. Die Bewohner der Siedlungen in unmittelbarer Nähe zu den Baudenkmälern verbinden jede Moschee mit einer außergewöhnlichen Geschichte.

Je fantastischer die Anekdote ist, desto leidenschaftlicher wird sie dem Besucher erzählt. Als gesichert gilt freilich nur, dass der muslimische Heerführer Ulugh Khan Jahan im 15. Jahrhundert von Nordindien aus in das südliche Bengalen zog. Khan Jahan herrschte über ein winziges Reich, dessen Grenzen am Rande der Handelsstadt endeten. Schon wenige Jahre nachdem der später Heiliggesprochene vor seinen Schöpfer getreten war, kehrten viele Bewohner Khalifatabad den Rücken. Ihre Wohngebäude zerfielen. Von den ziegelsteingepflasterten Fernstraßen nach Gaur und Chittagong blieb nicht die geringste Spur. In den Dörfer wird der fromme Stifter bis heute verehrt. Sein Grabmal befindet sich in einem Mausoleum am Rande des Thakur-Dighi-Wasserbeckens, zu dem eine breiten Marmortreppe geradezu herrschaftlich hinunterführt.

Baghenhats eindrucksvollste Moschee ist die mit 77 Flachkuppeln gekrönte Shait-Gumbad-Moschee. Als größtes Backsteingebetshaus auf dem Gebiet des heutigen Bangladesch wurde Shait Gumbad der schweren Regenfälle wegen rundum abgedeckt. Die größte Moschee besitzt zwar achtzehn Torbögen zur Luftzirkulation und für den Lichteinfall. Dennoch wirkt sie im Inneren ständig düster. Grazile Steinsäulen, die durch endlos sich fortsetzende Bogenreihen zu einem beeindruckenden Pfeilerwald verbunden wurden, kennzeichnen die sieben Längsschiffe. Die zehn Gebetswände verschönerte man nach landestypischer Art mit Terrakotta-Platten. Runde, fast frei stehende Ecktürme mit abgerundeten Kuppeln, krönen die massiven Mauern, die sich nach oben verjüngen. Baghenhats Meisterwerk wirkt wie eine Festung.

Die Wahl des Baumaterials weist Shait Gumbad als typisch bengalische Moschee aus. Ziegelsteine waren dort leichter verfügbar als Steine, die aus vorhandenen Bauwerken herausgebrochen oder über weite Strecken herbeigeschafft werden mussten. Und auch das Hauptgesims der Moscheen verdeutlicht den regionalen Einfluss. Es beschreibt einen sanften Bogen, der sich am Vorbild der einheimischen Bambushüttendächer orientiert.

Von Zerstörungen durch Menschenhand bewahrt, leidet Baghenhats Architekturerbe unter Umwelteinflüssen, die einen Teil der Bauwerke nachhaltig geschädigt haben. Feuchtigkeit und Salz sind die beiden Hauptfeinde, die den Mauern, Steinsäulen und Zierflächen zusetzen. Vor einigen Moscheen türmen sich ganze Berge neuer Ziegelsteine. Wann sie eingesetzt werden, lässt sich kaum voraussagen. Ob die Sanierung der Moscheen von Baghenhat überhaupt einmal abgeschlossen sein wird, kann der zuständige Mitarbeiter im Pariser Unesco-Hauptsitz nicht beantworten.

Bangladesch, das sich 1972 nach einem blutigen Krieg von Pakistan lösen konnte, gehört zu den ärmsten Ländern Südasiens und muss schwerwiegendere Probleme lösen. Der Kampf gegen Hunger und Hochwasser lässt wenig Energie für die Bewahrung des reichen Kulturerbes. Dass es um das natürliche Erbe des 125 Millionen Einwohner zählenden Landes kaum besser bestellt ist, zeigt sich eine Autostunde entfernt in der Randzone der Sundarbans. Diese Mangrovenwälder erstrecken sich im Deltabereich und umfassen eine Fläche von gut 80 000 Quadratkilometern, wobei zwei Drittel des Gebiets in Bangladesch, der Rest im indischen Bundesstaat West Bengal liegen. Vor ihrem Eintritt in das Meer verzweigen sich die Ströme in ein verwirrendes Netz von Wasserstraßen und bisweilen über mehrere Kilometer breite, natürliche Kanäle. Vom Himalaya herantransportiertes Material bildet Schlickbänke und Schwemmlandinseln, die unter dem Einfluss von Ebbe und Flut pausenlos umgeformt werden. Zwischen den mächtigen Wurzeln der Mangrovenwälder von Sundarbans - der Bengalibegriff bedeutet "schöner Wald" - lagert sich fortwährend Schlick an und lässt das Mündungsgebiet jedes Jahr größer werden.

Bengalens größter Mangrovenwald übernimmt die Funktion eines natürlichen Puffers gegen die verheerenden Wirbelstürme in diesem Teil der Erde. Sie dienen ferner als Schutzschild gegen die Erosion der Küste. Dieses Problem macht den Bewohnern der Dörfer an der Randzone Jahr für Jahr zu schaffen. Während der Monsunzeit im Sommer reißen die Fluten Teile der Uferböschung mit sich. Manchmal geht es weniger glimpflich aus. Dann verlieren die Bewohner, die sich als Lehmsammler, Kleinbauern und Garnelenfischer verdingen, ganze Parzellen. Viele Bangladeschi kommen bei den Katastrophen um, weil es noch nicht einmal Sturmwarnanlagen gibt. Es ist beachtlich, mit welchem Gleichmut die Menschen ihr Schicksal hinnehmen: "Der Fluss wählt einen Weg und weicht von ihm ab, das ist sein Spiel", lautet eine alte Redewendung in Bangladesch.

Je tiefer man in das Wasserstraßennetz eindringt, desto seltener stößt man auf menschliche Spuren. Südlich der Hafenstadt Mongla liegt die Siedlung Karem Jal, die von den Bewohnern mit Drahtzäunen umgeben wurde. Diese Sicherheitsvorkehrung ist nicht unbegründet, da Jahr für Jahr mehrere Dutzend Bewohner von Bengaltigern angefallen werden. Vor einigen Jahren wollte die Regierung in diesem abgelegenen Teil die Krokodilzucht beginnen, um den Bewohnern eine wirtschaftliche Perspektive zu geben. Man rodete ein Waldstück und konstruierte die Betonbecken, die allerdings nie mit Wasser gefüllt wurden. "Daraus ist nichts geworden", meint der Dorfälteste lakonisch, die Ursachen kenne er auch nicht. Dafür hat sich der Handel mit Mangrovenholz als einträgliches Geschäft erwiesen. Und daran beteiligen sich immer mehr Zeitgenossen, die gar keine Lizenz besitzen. Wohl droht der Staat für den illegalen Holzeinschlag drakonische Strafen an, die erwünschte Wirkung blieb jedoch bislang aus. Wird der Mangrovenwald in Bangladesch, dessen Forstflächen nach einer beispiellosen Rodung auf knapp sechs Prozent zusammengeschrumpft sind, weiter geschädigt, dann nimmt die Bodenerosion noch gewaltiger Ausmaße an. Zahllose Meeresbewohner hängen ab vom Nährstoffreichtum der seichten Sümpfe, von wo aus sie später wieder ins Meer zurückkehren. So tummeln sich in der Übergangszone zwischen Festland und Meer unter anderem Ganges- und Irawadi-Delphin sowie der Indische Schweinswal.

Bengalens größter Mangrovenwald besaß früher noch wesentlich mehr Säugetierarten. Die meisten Großsäuger, darunter das imposante Indische Panzernashorn, das ebenso respektable Spitzmaulnashorn, oder die Nilgau- und Sumpfantilopen sowie das asiatische Wildrind Banteng sind dort schon lange nicht mehr gesichtet worden.

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