Zeitung Heute : Indien – es endet nicht am Mond

Die größte Demokratie der Welt: ein Land zwischen Ayurveda und Computern, Gandhi und Atomwaffen. Aber trotz aller Widersprüche wächst hier eine Großmacht heran

Jürgen Lütt

ASIEN-PAZIFIK-WOCHEN IN BERLIN

Ein so großes Land wie Indien zu charakterisieren, ist schwer, denn was immer man über Indien sagt – das Gegenteil stimmt auch. Schon aus der schieren Größe des Landes ergeben sich beträchtliche Unterschiede, Gegensätze und Widersprüche. Indien ist schließlich ein Kontinent (genauer gesagt: ein Subkontinent), ein Vielvölkerstaat, also eher vergleichbar mit Europa als mit einem traditionellen Nationalstaat. Doch die Widersprüche in Indien reichen tiefer.

Noch frisch im Gedächtnis dürfte die schockartige Verwunderung darüber sein, dass Deutschland und andere Industrieländer auf indische EDV-Experten angewiesen seien. Bundeskanzler Schröder wollte 100 000 solcherart qualifizierte Inder ins Land holen. So viele sind es dann doch nicht geworden, aber dass Indien eine hoch entwickelte Software-Industrie mit dazugehörenden Experten in großer Zahl besitzt, dürfte sich seither herumgesprochen haben. Seit 1998 ist Indien Atommacht und außerdem in der Lage, Trägerraketen herzustellen. Schon 1975 wurde der erste indische Satellit (Aryabhata, benannt nach dem bedeutendsten Mathematiker des indischen Altertums) in den Weltraum geschossen. Anfang des Jahres kündigte Premierminister Vajpayee ein indisches Mondfahrtprogramm an. Während das noch Zukunftsmusik sein mag, ist Indien auf der Erde inzwischen zum Autoexporteur geworden. Innerhalb von vier Jahren verdreifachte Indien seine Autoexporte auf etwas über 70 000 Stück.

Das alles steht in krassem Widerspruch zum Bild Indiens als dem eines Entwicklungslandes. Als Indien im Mai 1998 seine Atomsprengsätze zündete, regte sich die ganze Welt darüber auf, dass ein Land, das Mühe hat, seine Bewohner zu ernähren und daher seit Jahrzehnten Entwicklungshilfe bekommt, sich solch einen gefährlichen Luxus leistet. Aber das indische Volk und alle Parteien standen einhellig hinter dieser Maßnahme. Man war stolz auf diese technische Leistung, und es ist bezeichnend, dass der gegenwärtige Präsident der Republik Indien ein Raketenspezialist ist. Dennoch stimmt es: Indien ist weiterhin auch Entwicklungsland. Neben den technischen Hochleistungen steht die Tatsache, dass nicht einmal die elementarste Versorgung der Bevölkerung gewährleistet ist. Selbst in den Großstädten fallen Strom und Wasser fast jeden Tag für Stunden aus. Die Infrastruktur, – Straßen, Eisenbahnen –, ist weiterhin mangelhaft.

Die Bevölkerung zerfällt – grob gesprochen – in drei Teile. An der Spitze steht eine kleine Elite – hoch qualifiziert, englischsprachig, international vernetzt und von dem Willen beseelt, Indien zu einer technischen und militärischen Großmacht zu machen. Darunter die so genannte Mittelklasse, man schätzt sie auf etwa 200 Millionen, mit einem Lebensstandard, der den elementaren westlichen Anforderungen entspricht: Auto, Fernseher, Klimaanlage, Urlaub. Der „Rest“ – über 800 Millionen, lebt in Armut in rückständigen Dörfern oder in Slums. Etwa ein Drittel der Bevölkerung kann nicht lesen und schreiben, unter den Frauen beträgt der Anteil knapp 50 Prozent. Was den wirtschaftlichen Entwicklungsstand angeht, gibt es starke regionale Disparitäten: Während im westlichen Indien der Großraum Bombay / Gujarat boomt, liegen im Osten die Armenhäuser Bihar, Westbengalen und Orissa.

Viel schwer wiegender ist jedoch die kulturelle Kluft, die das ganze Land durchzieht. In Indien steht die moderne technische Zivilisation einer der großen alten Hochkulturen der Menschheit gegenüber. Neben der islamischen ist die indische die älteste noch lebende Hochkultur außerhalb Europas und Amerikas (nachdem die ebenfalls Jahrtausende alte chinesische Hochkultur durch die kommunistische „Kulturrevolution“ der sechziger Jahre gebrochen worden ist). Sie ist etwa dreieinhalbtausend Jahre alt und hat im Laufe ihrer Geschichte höchste Leistungen hervorgebracht: mehrere Religionen: Hinduismus, Buddhismus, Jainismus, Sikhismus sind in Indien entstanden; die Sanskrit-Literatur und -Philosophie, die sich mit der griechischen und lateinischen messen kann; und schließlich die für die Welt folgenreichste Leistung: die Null, und damit das Dezimalsystem, ohne das die moderne Naturwissenschaft gar nicht möglich wäre. Es ist interessant zu sehen, wie hier „nationale“ Begabungstraditionen wirksam sind: Es ist wohl kein Zufall, dass das Volk, das die Null und das Schachspiel erfunden hat, auch stark in der elektronischen Informationstechnologie ist.

Die traditionelle indische Kultur, also die Kultur des Hinduismus, ist es, für die Indien bisher im Westen vor allem bewundert wird. Seit sie vor gut 200 Jahren von Beamten der englischen Ostindien-Kompanie entdeckt worden ist, gilt in Europa Indien als das Land der Religion und Philosophie, der Spiritualität. In seiner populären Form tritt dieses Indien uns als Land des Yoga, der Guru-Kulte und des Ayurveda entgegen.

Aber was für die Zivilisationsmüden aus dem Westen „heile Welt“ ist, ist für die Fortschrittsgläubigen Entwicklungshemmnis. Weltbild und Werte der traditionellen Hindu-Kultur sind zunächst einmal unvereinbar mit der modernen naturwissenschaftlich geprägten Zivilisation. Seit dem frühen 19. Jahrhundert steht Indien vor der Herausforderung, seine Kultur so zu reformieren und „modernisieren“, dass es einerseits in der Welt bestehen, andererseits seine Identität behalten kann. Die Reformer haben die alten Schriften so umgedeutet, dass moderne Werte und Einrichtungen darin gelesen werden können. Nur einer verwarf die moderne Zivilisation radikal: Mahatma Gandhi (1869-1948). Für ihn war die moderne Zivilisation, die die Engländer nach Indien gebracht hatten, satanisch. Nicht in der Nachahmung Englands sollte Indien seine Zukunft finden, sondern in seiner traditionellen, wenn auch reformierten Kultur, deren Basis das indische Dorf sei.

Gandhi führte die indische Unabhängigkeitsbewegung mit seinem gewaltlosen Kampf zum Ziel und wurde nach seiner Ermordung 1948 zur Ikone des unabhängigen Indiens, aber sein „Kronprinz“ Jawaharlal Nehru schlug einen ganz anderen Weg ein: den einer energischen Industrialisierung nach dem Vorbild der Sowjet-Union, wenn auch ohne Gewalt, sondern in einem demokratischen Staat. Die Verehrung Gandhis einerseits und die völlige Ignorierung seiner Botschaft nach 1947 andererseits ist ein weiterer von den vielen Widersprüchen des modernen Indiens.

Die Unabhängigkeit Indiens 1947 brachte zugleich die Teilung in Pakistan und (Rest)Indien. Die Teilung war Ergebnis des Konflikts zwischen Hindus und Muslims, genauer gesagt, zwischen der Kongress-Partei, die einen säkularistischen Staat anstrebte, und der Muslim-Liga, die einen Staat der indischen Muslims (was nicht gleichbedeutend ist mit einem islamischen Staat) forderte. Die Teilung hat den Konflikt nicht gelöst: Innenpolitisch besteht der Konflikt zwischen Hindus und Muslims weiter, er äußert sich in ständigen „riots“, blutigen Zusammenstößen zwischen Hindus und Muslims, außenpolitisch besteht ein Dauerkonflikt mit Pakistan, der bisher drei Mal Kriege ausgelöst hat und voriges Jahr beinahe zu einem Atomkrieg geführt hätte.

Nehru und seine Nachfolger in der Kongresspartei glaubten den Hindu-Muslim-Konflikt durch eine Politik des strikten „Säkularismus“ lösen zu können. Säkularismus bedeutet zunächst Trennung von Staat und Religion. Aber im Indien der Kongress-Partei bedeutete er zunehmend die Ächtung der Religion überhaupt, – zumindest wurde es so von immer mehr Hindus empfunden. Zusammen mit dem Versagen des sozialistischen Wirtschaftsmodells war die empfundene Diskriminierung alles Hinduistischen der Grund für den Niedergang der Kongresspartei und den rasanten Aufstieg der Indischen Volkspartei (Bharatiya Janata Party) zur stärksten Einzelpartei auf gesamtindischer Ebene. Ihr ist es gelungen, in weniger als 20 Jahren Regierungspartei zu werden, wenn auch in einer Koalition mit anderen kleineren Parteien. Diese „Hindu-Nationalisten“ werden von ihren politischen Gegnern mit Misstrauen, ja Hass geschmäht. Sie seien Fundamentalisten oder gar Faschisten und daher eine Gefahr für Indiens Demokratie.

In den fünf Jahren seit Regierungsantritt haben sich diese Befürchtungen allerdings nicht bestätigt. Indien ist weiterhin die „größte Demokratie der Welt“ und außerdem auf dem Weg, eine der Großmächte der Zukunft zu werden.

Der Autor ist Professor für Moderne Geschichte und Gesellschaft Südasiens am Institut für Asien- und Afrikawissenschaften der Humboldt-Universität zu Berlin.

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