Zeitung Heute : Indien in Berlin: Nein zu sagen wäre tödlich

Jana Simon

Wie ist das, wenn man 16 ist und nicht weiß, woher die Babys kommen? Wenn man nicht weiß, wozu die Menstruation gut ist und noch nie in einem Kino war? "Es ist unglaublich, oder?", fragt Sunita und lächelt unsicher, als könnte sie es selbst kaum fassen, dass sie einmal dieses Mädchen war - mit 16 so naiv und ahnungslos wie ein Kleinkind. Jetzt ist sie 24 und verheiratet mit ihrem Cousin in Indien. Gegen ihren Willen, aber das ist eine lange Geschichte.

Sicher ist, dass sie nicht die Einzige in Berlin ist, der es so geht. Ein Drittel der Frauen, die jedes Jahr zu "Papatya" flüchten, einer Kriseneinrichtung für muslimische Mädchen, sind von Zwangsheirat betroffen. Wie viele Frauen in Deutschland insgesamt gegen ihren Willen getraut werden, weiß niemand. "Oft ist es eine Maßnahme, um die Töchter zu disziplinieren", sagt eine Betreuerin von "Papatya". Manchmal seien die Bräute noch sehr jung. Und meistens würden sie mit einem Cousin oder einem Bekannten aus dem Heimatdorf verheiratet, mit einem, den die Familie schon lange gut kenne.

Sunita sitzt in einem Café und zieht nervös den Reißverschluss ihres Pullovers auf und wieder zu. Dann schweigt sie und klemmt ihre Hände unter die Beine. Es ist schwer, den Anfang zu finden. Sie ist schlank, hat lange dunkle Haare und trägt enge Jeans und Turnschuhe. Sie wirkt wie eine ganz normale Berlinerin. Dabei hat sie jahrelang hier gewohnt, ohne wirklich hier zu leben. Wenn sie nach Hause zu ihren Eltern geht, ist sie in Indien, der alten Heimat der Familie. Nichts erinnert dort an die Stadt, in der die Familie seit Sunitas achtem Geburtstag lebt. Es gibt keine deutschen Zeitungen oder deutsches Radio, im Fernsehen laufen ausschließlich indische Videos, und deutsche Freunde sind nicht erwünscht. Hinter der Wohnungstür beginnt eine andere Welt, eine Welt, in der Töchter nicht viel zu sagen haben. Bis heute lebt Sunitas Familie so - nur mittlerweile ohne Sunita.

Wann genau sie gemerkt hat, dass etwas mit ihrem Leben nicht stimmt, weiß sie nicht mehr. "Ich hatte so ein Gefühl, seitdem ich klein war." Zuerst fragt sie sich, warum die anderen Kinder draußen spielen dürfen und warum sich die anderen Eltern über ihre Kinder freuen, sie umarmen und mit ihnen lachen. Später fragt sie sich, warum die anderen abends weggehen können und manche Väter ihren Töchtern sogar Wohnungen oder Autos schenken.

Sunita glaubt lange, es liege an ihr: Sie sei einfach nicht gut, nicht fleißig, nicht gehorsam genug. Jahrelang beginnt ihr Tag eine Stunde früher als der ihrer Familie. Als älteste Tochter muss sie für alle Frühstück machen. Dann weckt sie ihre Geschwister und macht sie für die Schule fertig. Etwas später geht sie selbst in die Schule, in die deutsche Welt, in der sie ganz anders sein soll als zu Hause. Hier soll sie reden und ihre Meinung sagen. Nach der Schule versucht Sunita immer so lange wie möglich, nicht in die Wohnung, nicht nach Indien zurückzukehren. In der Wohnung zieht sie sofort indische Kleidung an, schaut nach, ob irgendwo Staub liegt oder Essen gekocht werden muss. Wenn nicht, macht sie Hausaufgaben, bis die Geschwister kommen. Wenn sie da sind, kümmert sie sich um deren Hausaufgaben.

Am Nachmittag kommt der Vater zurück. Er betreibt ein indisches Restaurant in Berlin. Wenn Sunita seine Schritte im Treppenhaus hört, beginnen die Fragen: Was wird er für eine Laune haben? Bin ich eine gute Tochter? Gut genug ist sie nie. Ihr Vater verprügelt sie regelmäßig wegen Kleinigkeiten und mit allem, was ihm zwischen die Finger gerät, Schuhe, Töpfe, Gürtel. Die Ausbrüche kommen oft völlig aus dem Nichts. Schon wenn Sunita unvorsichtigerweise die Tür zu seinem Zimmer im falschen Moment öffnet und er sich gestört fühlt, gibt es Schläge.

Die Sehnsucht, geliebt zu werden

Noch schlimmer ist es, wenn er ihre Geschwister verprügelt und sie zuschauen muss. Einschreiten geht nicht, das wäre ungehorsam und respektlos. Auch ihre Mutter sagt nichts dazu. Eine gute Ehefrau hält den Mund und senkt die Augen, wenn der Herr des Hauses spricht.

Sunita kann bis heute kaum darüber reden, sie wendet ihr Gesicht ab und sieht aus dem Fenster. Es gibt nur ein Gefühl, das sie in dieser Zeit beherrscht - Angst vor ihrem Vater. Nach seinen Ausbrüchen geht sie in ihr Zimmer, wo sie zusammen mit ihren Geschwistern und der Mutter schläft. Sie will verschwinden, sich einfach auflösen unter der Bettdecke. In der Schule soll sie erzählen, sie sei gestürzt.

Sunita ist die älteste Tochter, die ihrem späteren Ehemann eine gute Hausfrau sein soll. Sie kocht, sie wäscht, sie bügelt. Sie darf nicht raus auf die Straße und auch keine Freunde empfangen. Die Tage verstreichen in Eintönigkeit. Gibt es eine schöne Erinnerung an ihre Kindheit? Sunita schaut wieder aus dem Fenster. "Nein", sagt sie, "ich kann mich nicht erinnern, dass mir meine Eltern mal eine Freude gemacht haben." Es gibt keine Geburtstagsgeschenke, weil in Indien keine Geburtstage gefeiert werden, kein Lob und keine Zärtlichkeiten. Einmal sitzt ihr Vater im Wohnzimmer und weint, Sunita will ihn trösten, umarmen. Da stößt er sie so hart von sich, dass sie sich am anderen Ende des Zimmers wiederfindet. Die Beziehung Sunitas zu ihren Eltern ist eine unendliche Geschichte von Annäherungsversuchen und Zurückweisungen. Es ist die Sehnsucht, auch wenn sie nicht immer gehorsam ist und das Kochen hasst, doch noch geliebt zu werden.

In der Schule hört Sunita manchmal Unverständliches über Liebe und Sex. Was das sein soll, kann sie sich nicht vorstellen. Ihre Mitschüler flüstern in der Pause über rätselhafte Dinge und blättern in der "Bravo" zu Dr. Sommer. Sunita versteht nichts und kichert trotzdem mit. Als sie in der 7. Klasse Blut in ihrer Hose entdeckt, bekommt sie einen Schreck. "Ich habe doch nichts Schlimmes gemacht", ist ihre erste Reaktion. Sie fühlt sich ständig schuldig, als mache sie prinzipiell alles falsch. In der Pause fragt sie ihre Freundin: "Du, mir ist da was passiert. Was ist das?" Erst Jahre später erklärt ihr ihr Freund, warum und wozu sie ihre Tage bekommt.

Schuldig - egal, was sie tut

Als sie 16 ist, kommt eines Abends ihr Bruder nach Hause. Er ist übel gelaunt und verprügelt Sunita so, dass ihre Nase bricht und sie ins Krankenhaus muss. Die Ärzte wollen nicht, dass sie zurück in die Familie geht. Sie geht trotzdem. Eine Woche später beim Einkaufen haut sie ab und kommt zu "Papatya", der Kriseneinrichtung für muslimische Mädchen, die eine Geheimadresse hat.

Am Anfang läuft sie einfach nur durch die Stadt. Stundenlang. Sie genießt das Gefühl, dass ihr niemand sagt, wohin sie gehen soll. Dann sieht sie den ersten Kinofilm-Film ihres Lebens. Es ist "Bodyguard" mit Whitney Houston und Kevin Costner. Er ist ganz anders als die Videos aus der Heimat, wie sie es nennt. Irgendwie aufregend. Aber sie ist auch überfordert. "Ich hätte mir gewünscht, dass mir jemand erklärt, was Freiheit ist", sagt sie.

Ihre Eltern sieht sie zu einem Gespräch beim Jugendamt. Sie kann sie vor Scham nicht ansehen. Sie hat Schande über sie gebracht. Ihr Vater verspricht, wenn sie zurück komme, dürfe sie bis 20 Uhr draußen bleiben. Sunita kann das nicht glauben. Sie hat Angst, dass er sie umbringt. "Ich weiß, das klingt wahnsinnig", sagt sie und lacht. Sie lacht manchmal, wenn ihr eigentlich gar nicht danach ist. Es ist ihre Art, Abstand zu gewinnen.

Zwei Jahre bleibt sie von zu Hause fort. Zwei Jahre, die sie nicht genauer beschreiben möchte. Nur dass sie viel lernen musste, sagt sie. Dass es nicht alle Menschen gut mit einem meinen und dass man Rücksicht auf andere nehmen solle - elementare Dinge des Lebens eben. Ihre Familie habe sie damals nicht vermisst, sagt sie. Auch wenn das wahrscheinlich nicht ganz stimmt. Sonst wäre sie nach zwei Jahren nicht zu ihr zurückgekehrt. Die Betreuerinnen von "Papatya" sagen, fast die Hälfte der Mädchen gehe wieder zurück nach Hause. "Sie haben ein anderes Selbstverständnis. Sie fühlen sich als Teil der Familie, nicht als Individuum." Manchmal geht es danach besser, oft wird es schlimmer.

Die erste Zeit nach ihrer Rückkehr gibt sich Sunita Mühe, die brave Tochter zu sein. Auch die Eltern bemühen sich. Eines Tages, im Sommer 1997, sagt ihre Mutter, sie werde nach Indien in Urlaub fahren. Sunita will mit, um ihre Großmutter zu sehen. Sie glaubt, die Reise dauere nur 14 Tage. Sie glaubt, im Beisein ihrer Mutter könne ihr nichts passieren.

Schon am Flughafen in Indien muss sie ihre Haare zusammenbinden und weite Kleider anlegen. Ihre Mutter nimmt ihren Pass. Sunita fühlt sich fremd. Zusammen mit Mutter, Onkel und Cousinen wohnt sie in einem Haus im Vorort einer großen Stadt, deren Namen sie nicht sagen möchte. Tagsüber dürfen die Frauen nicht auf die Straße, nachts sowieso nicht. Es gibt nichts zu tun. Wenn Sunita sich an diese Zeit erinnert, kommt es ihr vor wie ein endloses Dahindämmern.

Nach 14 Tagen will sie zurück nach Berlin. Die Mutter schüttelt nur den Kopf: "Dein Vater kommt auch noch." Sunitas Bruder warnt sie am Telefon, er habe gehört, sie solle verheiratet werden. Sunita kann nicht glauben, dass ihre Eltern so weit gehen. Damals hofft sie noch auf Mitleid. Nach vier Wochen kommt der Vater, zurück nach Berlin darf sie wieder nicht. Der Vater sagt: "Der einzige Weg zurück ist, wenn du hier heiratest."

Zwei Monate sagt Sunita dazu gar nichts. Vielleicht löst sich ja alles in Luft auf, wenn sie nur schweigt. Dann sagt sie zu ihm: "Ich habe zu frei gelebt. Gib mir noch eine Chance." Er antwortet nur: "Das hättest du dir früher überlegen sollen." Schließlich gibt sie ihren Widerstand auf. Was soll sie tun ohne Pass, in einem Land, das sie kaum kennt, mit Verwandten, die zu Feinden geworden sind?

Sunita ist 19, als sie mit ihrem Cousin verheiratet wird. Ihren Hochzeitstag nennt sie eine "Horrorshow". Sie weint den ganzen Tag . Ihr Mann und sie werden von einem Priester getraut, während der Trauung steht die ganze Zeit ihr Onkel hinter ihr. Nein zu sagen wäre tödlich. Sunitas Zukünftiger hat schon eine andere Frau, für die Zeit der Hochzeit hat er die zu ihrer Mutter geschickt. Sunita wird die Zweitfrau, die den Weg nach Deutschland ebnen soll.

Wie sie die Hochzeitsnacht überstanden hat, weiß Sunita nicht mehr. "Ich habe es irgendwie geschafft zu bluten." Obwohl sie keine Jungfrau mehr ist und in Deutschland einen Freund hat, heimlich natürlich. Nach der Hochzeit fahren Sunitas Eltern mit ihrem Pass zurück nach Berlin. Sunita zieht in die Wohnung ihres Ehemannes, den sie verabscheut. Ihre damaligen Gefühle kann sie kaum beschreiben. Es ist, als sei ihr Leben zu Ende. Sie wohnen zu dritt in einem Zimmer, die Erstfrau ist eifersüchtig. Sunita liegt den ganzen Tag im Bett und liest Shakespeares "Romeo und Julia" und Erich Kästner. Ihr Mann kann weder lesen noch schreiben. Jeden Abend versucht sie einzuschlafen, bevor er nach Hause kommt. Er weckt sie trotzdem. Sie muss ihn dann massieren und bekochen.

Doch dann gelingt die Flucht. Ein Freund aus Deutschland schickt Geld über Western Union. Sie besticht einen Beamten, der ihr einen Pass ausstellt. Nach sechs Monaten ist sie wieder in Berlin. Anfangs vermutet sie hinter jeder Ecke ihren Vater oder Mann. Sie zieht zu einer Freundin, dann in eine eigene Wohnung und sucht doch wieder den Kontakt zu ihren Eltern. Der Vater gibt ihr zur Begrüßung die Hand, eine schlimme Beleidigung: Die Hand gibt man nur Fremden. Noch heute geht sie manchmal zu ihnen. Ihr Vater sagt dann Sätze wie: "Macht es dir Spaß, uns beim Kochen zuzusehen?" Wenn er sich schnell bewegt, zuckt sie zusammen. Sie traut sich nicht, dort zu übernachten, weil sie Angst hat, dass ihr Vater sie umbringt.

Warum geht sie überhaupt zu ihnen? Sie schaut wieder lange aus dem Fenster. Sie weiß es nicht. "Es ist, als müsste ich immer wieder diese Angst durchleben." Ihre Gefühle sind ein Gemisch aus Wut, Trauer, Loyalität und Liebe. Oft verteidigt sie ihre Familie auch, sagt: "Das ist die Tradition." Im nächsten Moment verachtet sie ihre Eltern dafür, dass sie es nötig haben, ihre Tochter so zu demütigen.

Sunita macht jetzt eine Ausbildung zur Erzieherin. Sie möchte in ihrem Beruf die Kinder so respektieren, wie sie nie respektiert wurde. Nach der Schule sitzt sie zu Hause und telefoniert stundenlang mit Freundinnen. Sie möchte nicht zu ihnen gehen oder von ihnen besucht werden. Das ist ihr zu nah. Übers Telefon hält sie Distanz. Ein bisschen ist es wie früher bei ihren Eltern. Da war sie auch immer in der Wohnung.

Nur ihren Freund sieht sie fast jeden Tag. Sie möchte ihn heiraten, aber vorher müsste sie sich scheiden lassen. Das geht nur mit Genehmigung der Eltern und der Unterschrift des Bräutigams. Sunita hofft auf ihre Vernunft. Sie haben noch immer Macht über sie.

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