Zeitung Heute : Individualisierte Medizin – zu viel versprochen? Pro Contra

Berechtigte Hoffnung oder doch nur falsche Erwartungen?  Zwei Beiträge zur Diskussion um den Nutzen einer maßgeschneiderten Behandlung

Christine Sers

Individualisierte Medizin, nur ein Schlagwort, eine moderne Form der Homöopathie oder die Leitlinie der Zukunft? Können wir zukünftig für jeden Patienten die beste Therapie definieren, zielsicher anwenden und bezahlen? Der Begriff wird strapaziert, sogar als Propaganda missbraucht. Er ist bereits in Verruf geraten, hat sich doch das „große“ Versprechen – die passende Therapie für jeden – als noch nicht machbar erwiesen.

Die Idee einer individualisierten Medizin entstand durch die technischen Entwicklungen der letzten Jahre. Diese schafften völlig neue Einblicke in den komplexen, molekularen Aufbau von Organismen – als hätte man uns eine neue, multidimensionale Kamera geschenkt. Vor zehn Jahren bestaunten wir die Entschlüsselung des menschlichen Genoms, heute analysieren wir das Genom einzelner Patienten. Wir sehen Veränderungen der DNA die Krebs oder Diabetes verursachen können. Wir sehen epigenetische Veränderungen, biochemische Markierungen der DNA, die durch Umwelteinflüsse zustande kommen können und die Funktion eines Gens bestimmen. Das macht einen Teil unserer molekularen Individualität aus.

Durch Einblicke in diese besondere Identität werden wir zukünftig besser verstehen, warum manche Menschen auf eine Therapie ansprechen, oder nicht. Einen „Prototyp“ der individualisierten Medizin wenden wir derzeit bereits bei Leukämien und Lungenkrebs an. Hier testen wir gezielt genetische Veränderungen, die uns verraten, ob eine bestimmte Therapie für den Patienten in Frage kommt oder nicht und nahezu täglich werden neue, möglicherweise relevante Veränderungen entdeckt. Die Ergebnisse dieses Prototyps der individualisierten Medizin sind so ermutigend, dass wir diesen Weg weiter verfolgen.

Mit der Vielzahl (epi)genetischer Veränderungen, die wir nun im ganzen Genom finden, werden wir Ursachen von Erkrankungen verstehen lernen und neue Ideen für passende Behandlungen ableiten. Doch reicht es nicht, nur ein „molekulares Genom-Photo“ zu erstellen, wir müssen verstehen, was uns dieses Bild sagt. Wir müssen die wichtigen Veränderungen von unwichtigen „Mitläufern“ unterscheiden und neue Wege finden, wie dieses Wissen im Sinne von Medikation umgesetzt werden kann. Mit Teams, die weit mehr als das eigene Können vereinen, wollen wir dies erreichen. Ärzte betreuen und behandeln Patienten, Techniker ermöglichen die Genomanalyse, Informatiker werten die riesigen Datenmengen aus, Biologen testen die Bedeutung unbekannter genetischer Veränderungen im Experiment.

Wir gehen heute sogar noch einen Schritt weiter und versuchen, aus der Vielzahl der Analysen mit Hochleistungsrechnern und mathematischen Methoden ein Abbild der molekularen Vorgänge bei Erkrankungen zu erstellen. Ein solches Abbild, ein Modell das möglichst viele Komponenten jedes Patienten enthält, kann hoffentlich in Zukunft als Simulator dienen, um Therapien für jeden Patienten mit Hilfe des Computers „durch zu spielen“, bevor eine Entscheidung getroffen wird.

Gelingt uns das, sparen wir Zeit und Kosten für nutzlose Therapien und ineffiziente klinische Studien. Noch ist das Zukunftsmusik und wir werden noch manche Rückschläge erleben. Am Ende, davon bin ich überzeugt, bringt uns nur ein tiefgreifendes Verständnis der allgemeinen, wie der individuellen Vorgänge im „System Mensch“ entscheidend voran und macht die individualisierte Medizin möglich.







CHRISTINE SERS

ist Privatdozentin

für Molekulare

Tumorpathologie

am Institut für

Pathologie der Charité

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