Zeitung Heute : „Infiziert mit Misstrauen“

Josef Ackermann hat die Politik aufgefordert, in der Finanzkrise zu intervenieren. Herr Hüther, warum ruft der Chef der Deutschen Bank den Staat zu Hilfe?

Herr Ackermann hat eine extreme Formulierung gewählt. Der Staat kann zwar Vertrauen stabilisieren, individuelles Versagen darf er nicht korrigieren. Ich habe im Übrigen auch keine Zweifel an der Funktion der Finanzmärkte, die Ursachen des Problems liegen jedenfalls nicht in der grundsätzlichen Funktionsfähigkeit begründet. Und für die Lösung des Problems braucht man keinen Staat.

Was sind die wichtigsten Ursachen?

Seit Sommer vergangenen Jahres haben wir die Subprime-Krise in den USA. Dort sind drei Dinge schiefgelaufen. Erstens: Die US-Banken haben Hypothekendarlehen an Leute gegeben, die kein Geld haben. Zweitens: Viele Kredite sind durch Verbriefungen weitergereicht worden, ohne dass der Arrangeur entsprechende Haftung zu tragen hat. Drittens sind langfristige Papiere kurzfristig refinanziert worden, was nun Finanzierungsprobleme bereitet.

Und nun?

Es gibt eine Misstrauensinfektion. Keiner überschaut, wie stark die Banken belastet sind. Mit staatlichen Maßnahmen kann man dieser Verunsicherung aber nicht beikommen, auch nicht durch geldpolitische Maßnahmen. Das Misstrauen muss rauswachsen, und das braucht Zeit.

Ist es in Ordnung, dass die US-Notenbank Fed die Risiken der Bank Bear Stearns übernimmt und sie damit quasi rettet?

Das geht eigentlich nicht, weil in diesem Fall tatsächlich Risiken sozialisiert werden. Aber die amerikanische Fed hat ein anderes Selbstverständnis als die Europäische Zentralbank. Im Übrigen haben auch die Aktionäre von Bear Stearns geblutet: Ihre Bank war vor ein paar Tagen noch Milliarden wert und wurde nun für 236 Millionen Dollar verkauft.

Hätte die Fed die Bank absaufen lassen sollen?

Das ist eine sehr philosophische Frage. Vielleicht war die Bank zu groß, nach dem Motto „too big to fail“. Wobei wir in Deutschland auch schon kleinere Institute wie die Schmidt-Bank gerettet haben. Grundsätzlich gilt: Wenn jemand individuelle Risiken eingegangen ist, eine Person oder eine Bank, dann sollte die Gesellschaft die nicht auffangen.

Muss der Finanzsektor nicht stärker reguliert werden?

Nicht umfassend, sondern spezifisch. Viel wäre schon gewonnen, wenn in den USA die gleichen Standards für die Kreditvergabe gelten wie bei uns. Zudem sollten bei Kreditverbriefungen der Arrangeur eine Mindesthaftung tragen.

Michael Hüther ist Direktor des arbeitgebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft (IW). Mit ihm sprach Alfons Frese.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar