Zeitung Heute : Info-Box: Die rote Kiste löst sich auf

Harald Olkus

Sie sind knallrot, drei Zentimeter dick, zwei Meter fünfzig lang, 64 Zentimeter breit, 25 Kilo schwer, und gerade dabei, Berlin zu bevölkern. Ab der ersten Januar-Woche werden sie in Fluren hängen, die Büros und Foyers einiger Firmen zieren, in Gärten stehen - und wenn man ihnen eine rote Pudelmütze mit weißer Bommel aufsetzt, geben sie vielleicht sogar einen passablen Weihnachtsmann ab. Die Rede ist von 300 Fassadenplatten der Info-Box am Leipziger Platz. Ab Januar wird die "Rote Kiste", die Berlinern und Touristen jahrelang einen guten Ausblick über die Baustellen am Potsdamer und Leipziger Platz bot, abgerissen und muss einer Grünfläche weichen. Doch wer will, kann sich schon heute eine der Fassadenplatten im Internet ersteigern.

"Wir sind überrascht von der großen Nachfrage", sagt Uwe Prell von der Werbeagentur "Nishen Kommunikation", dem "Erfinder" der Info-Box. Am 1. Oktober fiel der Startschuss für die Auktion, seither hat das Internet-Kaufhaus "ebay" jede Woche 16 der knallroten Elemente mit dem weißen Info-Box-Logo versteigert. An jedem Wochenanfang wird ein weiteres Kontingent der nummerierten Platten ins Netz gestellt. "Wir haben mit der 300 angefangen und zählen herunter bis zur 001", erklärt Prell die simple Dramaturgie. Doch je niedriger die Nummer und je weniger Exemplare der limitierten Edition übrig sind, desto tiefer wird der Bieter vermutlich in die Tasche greifen müssen. Schon jetzt werden höchst unterschiedliche Preise erzielt. Runde Zahlen, wie 300, 200 und 100 gehen für erhöhte Gebote über den virtuellen Ladentisch, ebenso "Schnapszahlen" wie 111 und 222. Hart umkämpft war die 175 und vermutlich werden sich die Bieter auch um die 007 reißen. Im Schnitt gehen die Platten für 250 bis 300 Mark weg. Das Anfangsgebot liegt bei einer Mark. Wer in der Wochenmitte die Website der Versteigerung anklickt, wird sich über niedrige Preise freuen. "Aber je näher die Deadline rückt, desto schneller steigen die Gebote", sagt Prell. "In den letzten zehn Minuten ist dann die Hölle los. Neulich hat ein Bieter einem anderen zwei Sekunden vor Schluss noch die Platte weggeschnappt."

Die Bieter erhalten zwar wochenweise den Zuschlag, bis Anfang Januar müssen sie sich aber mit einem Zertifikat begnügen, das sie als Eigentümer eines "originalen" Fassadenelements der "berühmten" Info-Box ausweist. Ab der ersten Januarwoche werden die Teile dann abgebaut und können im Prinzip weltweit ausgeliefert werden. Bislang hat die Fassade der roten Kiste im Ausland aber wenig Freunde gefunden. Einige Exemplare gehen ins restliche Bundesgebiet, mit mehr als zwei Dritteln aller bisher ersteigerten Fassadenelemente bleibt der Großteil aber in Berlin. Während die Bieter aus anderen Städten sicherlich gerne den kostenpflichtigen Transport durch einen Kurier in Anspruch nehmen, wollen laut Prell viele Berliner mit dem eigenen Kombi zum Leipziger Platz kommen und ihren Teil der roten Kiste selbst abholen. Dies soll ab der zweiten Januarwoche auch möglich sein.

Zur "Halbzeit" Mitte November hatte die Werbeagentur bereits 45 000 Mark mit der Versteigerung der Info-Box-Fassade eingenommen. "Mit so viel hatten wir gar nicht gerechnet", sagt Prell. "Wir haben insgesamt, nach Versteigerung aller Platten, nur die Hälfte der bereits jetzt schon erzielten Summe erwartet." Der Erlös der Auktion füllt aber nicht das Konto der Werbeagentur, sondern soll für einen guten Zweck gespendet werden. Das Geld soll der Aktion: "Gesicht zeigen! Aktion weltoffenes Deutschland" unter der Schirmherrschaft von Kanzlergattin Doris Schröder-Köpf zugute kommen.

Wer keinen Internetzugang hat und nicht im Netz mitbieten kann, soll dennoch nicht leer ausgehen: In den letzten drei Tagen vor der Schließung kann direkt in der Info-Box gesteigert werden. Die Öffnungszeiten sollen dann bis Mitternacht ausgedehnt werden. Die letzten sechs Fassadenelemente sollen schließlich während der Abschlussparty am 30. Dezember ihre Liebhaber finden. Der Veranstalter erwartet zur "Tschüss-Info-Box-Party" etwa 1000 Gäste, die dann vom Saal aus mit Usern im Internet um die Wette bieten können. Die letzten sechs Exemplare sollen dann weitaus mehr einbringen, als die "normalen" Platten. Die Nummern 002 bis 006 sollen je von einem Paten versteigert werden.

Die "Promi-Platte" mit der Nummer 001 schließlich kommt als letztes unter den Hammer. Sie hat bereits eine Reise um die halbe Welt hinter sich und ist voller Unterschriften. "Sie war bei der Olympiade in Sydney, hat die Berliner Philharmoniker bei einer Konzerttour begleitet und hat die Verleihung des Deutschen Fernsehpreises in Köln mitgemacht", sagt Prell. Am schönsten findet er, dass auch Niki Lauda unterschrieben hat: "Der passte so gut dazu mit seiner roten Ferrari-Kappe."

Anfang Januar soll dann mit der Demontage der Info-Box begonnen werden. Der Abbau soll etwa drei Monate dauern. Der Großteil der roten Fassadenplatten kommt dann in den Schredder. Schließlich muss gewährleistet sein, dass später nicht doch noch einige der Platten irgendwo auftauchen und den Sammlerwert beeinträchtigen. Die Ausstellungen im Innern der Box gehen zurück an die Nutzer und die Einrichtungsgegenstände sollen wohltätigen Zwecken gespendet werden. "Es kommt nichts weg", beruhigt Prell. "Sonst gäbe es einen Aufschrei."

Prell selbst hat sich auch eine Platte ersteigert, allerdings am Anfang der Auktion, als die Preise noch etwas niedriger waren. Und er weiß auch schon, wo sie hin soll: "Sie passt ideal in meinen Flur."

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