Zeitung Heute : Informatik entscheidet über Olympia-Achter Aber die Abseitsentscheidung fällt der Mensch

Steffen Hudemann

Im großen Endspiel läuft die elfte Minute der Verlängerung. Es steht unentschieden, 2:2. Rechts vom Tor, kurz vor dem Fünfmeterraum kommt Stürmer Geoff Hurst an den Ball. Der wuchtige Schuss prallt an die Unterkante der Latte, springt auf den Rasen, von dort zurück ins Spiel. Die Engländer jubeln, die Deutschen winken ab. Und der Schweizer Schiedsrichter Gottfried Dienst?

An dieser Stelle muss man diese Szene unterbrechen und sich vorstellen, dass Dienst nicht zum Linienrichter Bachramow läuft, sondern über Funk ein Signal erhält. War der Ball im Tor? Und wäre England 1966 ohne das Wembley-Tor Weltmeister geworden? Oder doch Deutschland?

Heute wird man diese umstrittenste aller Schiedsrichterentscheidungen nicht mehr aufklären könnten. Bald könnten Spekulationen über solche Fragen jedoch endgültig der Geschichte angehören. Seit etwa fünf Jahren arbeitet das Fraunhofer-Institut für integrierte Schaltungen in Erlangen im Auftrag der Münchner Cairos AG am Chip im Ball. Noch ist das System in der Testphase, bei der WM in Deutschland wird es, anders als zunächst geplant, noch nicht zum Einsatz kommen. Doch wenn das System serienreif ist, könnte die Informatik zu einer kleinen Revolution im Fußball beitragen.

Der Chip im Ball verwendet die RFID-Technik, mit der auch die Tickets für die WM 2006 ausgestattet sind. Ein Transponder im Ball sendet ständig mit Lichtgeschwindigkeit Signale aus, die von bis zu zwölf Basisstationen am Spielfeldrand empfangen werden. „Über Berechnungen der Laufzeitunterschiede der Signale kann dann die genaue Position des Balls ausgerechnet werden“, sagt René Dünkler, einer der Entwickler des Projekts. Zuvor muss das Spielfeld millimetergenau ausgemessen worden sein.

Diese Funktechnik eigne sich für alle Mannschaftssportarten, sagt Dünkler. „Überall dort, wo eine Positionsbestimmung sinnvoll ist.“ Doch nicht nur in den Ballsportarten nimmt die Informatik zunehmende Bedeutung ein. Auch das Institut für Forschung und Entwicklung von Sportgeräten (FES) in Berlin, das etwa die Bobs der deutschen Olympiasieger konstruiert hat, arbeitet schon seit Jahren mit IT-Systemen. „In allem, was wir hier machen, steckt Informatik“, sagt Harald Schale, Direktor des FES. Bevor ein Bob in den Eiskanal geschickt wird, haben die Entwickler anhand messtechnischer Systeme unzählige Berechungen vorgenommen. Bei Tests haben sie Kräfte, Verformungen, Wege und Zeitabläufe gemessen und das Sportgerät auf diese Weise optimiert. Diese Arbeit hat einen großen Anteil am Erfolg der deutschen Athleten in Turin.

Bei den Ruderern sind ähnliche Systeme auch im Wettkampf Standard. Die Ruderplätze sind mit Sensoren ausgestattet, die aktuelle Daten ans Ufer übertragen. Dort kann der Trainer die Rudertechnik seiner Sportler online analysieren. „Auf diese Weise können die Leistungen der Sportler mit Datenbanken von Werten über die ganze Saison verglichen werden“, sagt Schale. Letztlich ist es also die Informatik, die über die Besatzung des Olympia-Achters entscheiden kann.

Die Forscher in Erlangen denken auch für den Fußball schon über eine Weiterentwicklung nach. Mit der exakten Positionsbestimmung könnte theoretisch auch die einzige Frage geklärt werden, die Fußballfans ebenso bewegt, wie die nach Tor oder Nichttor: Abseits oder nicht? „Abseits ist allerdings eine sehr komplizierte Sache“, dämpft René Dünkler die Erwartungen. Alle Spieler müssten dafür mit Chips in Schuhen oder Stutzen ausgestattet werden. Die Fans werden vorerst weiter streiten dürfen.

Der siegreiche Viererbob bei den jüngsten Olympischen Winterspielen in Turin verdankt seinen Erfolg nicht nur dem Können der Mannschaft sondern auch dem Einsatz der Technik

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