Zeitung Heute : Informationen um jeden Preis

Malte Lehming[Washington]

Als Washington bei der Suche nach Saddam und seinen Waffen unter Druck geriet, wurden die Verhörmethoden verschärft

Der Druck muss groß gewesen sein. Zwar waren der Diktator gestürzt und sein Regime entmachtet. Doch die Dinge liefen schlecht. Saddam Hussein war untergetaucht, der Aufstand gegen die amerikanischen Besatzer begann, irakische Massenvernichtungswaffen waren unauffindbar. Das war vor einem Jahr im Sommer. Die Regierung in Washington wurde nervös. Im Pentagon überlegte man, wie die Truppe vor Ort effizienter operieren könnte. Bessere „Informationen“, so hoffte man, seien ein Schlüssel für die Befriedung der Lage. Das Unheil nahm seinen Lauf.

Am Dienstag musste auch Stephen Cambone vor dem Streitkräfteausschuss des Senats aussagen. Cambone ist Staatssekretär im US-Verteidigungsministerium, zuständig für den Militärgeheimdienst. Cambone war es, der im Sommer 2003 ein Team um General Geoffrey Miller, den Gefängniskommandanten von Guantanamo, nach Abu Ghraib beorderte. Miller sollte herausfinden, was sich in dem Gefängnis verbessern lasse. Die Empfehlungen waren radikal: Die Bewacher der Gefangenen, in der Regel Militärpolizisten, müssten enger mit denen zusammenarbeiten, die die Gefangenen verhören, den Geheimdienstlern. Davon allerdings gab es drei verschiedene Arten in Abu Ghraib – Militärgeheimdienst, CIA und private Sicherheitsfirmen. „Die Haft muss als Teil der Vernehmung betrachtet werden“, schrieb Miller.

General Ricardo Sanchez, der Oberkommandierende im Irak, stimmte zu. Am 19. November delegierte er die Kontrolle über Abu Ghraib faktisch an die „205th Military Intelligence Brigade“. All das steht in dem ursprünglich geheimen Untersuchungsbericht der US-Armee über die Misshandlungen in dem Gefängnis. Sowohl die vom Dienst suspendierte Generalin als auch mehrere der angeklagten Militärpolizisten bestätigen die unmittelbare Verantwortlichkeit des Militärgeheimdienstes. Etwas vage dagegen formulierte es Verteidigungsminister Donald Rumsfeld vor dem Senat. Es habe in Abu Ghraib „wechselnde Zuständigkeiten“ gegeben, sagte er. Der Autor des internen Armeeberichts, General Antonia Taguba, kritisiert die Übertragung der Verantwortung an den Militärgeheimdienst. Das habe sämtlichen Regeln und Prozeduren widersprochen.

Haben die Geheimdienstler den Wärtern aufgetragen, die Gefangenen gefügig zu machen? Der Verdacht drängt sich auf. Offenbar wurden die Militärpolizisten angehalten, die Gefangenen „aufzuweichen“ und ihnen „eine schlechte Nacht“ zu bereiten. Als einer der Angeklagten, Ivan Frederick, sich über die brutalen Verhörmethoden wunderte, antwortete man ihm: „So will das der Militärgeheimdienst.“

Wurden die Misshandlungen explizit befohlen? Wahrscheinlich nicht. Allerdings wurden die Folterer für ihre Arbeit anschließend von den Geheimdienstlern gelobt. „Gute Arbeit“, hieß es dann, „er hat sofort geredet.“ Außerdem hat das Pentagon eine Reihe von äußerst umstrittenen Verhörmethoden – Schlafentzug, Musikbeschallung, stundenlanges Stehenlassen sowie andere psychologische Techniken, die für Menschenrechtler eindeutig Misshandlungen sind – ausdrücklich genehmigt. Die Grenzen zwischen Richtig und Falsch waren spätestens seit Guantanamo verwischt worden.

Wer trägt die Verantwortung dafür? Das Magazin „Newsweek“ druckt ein Porträt des Verteidigungsministers. „Donald Rumsfeld hat gern totale Kontrolle“, heißt es darin. „Er will alle Details kennen, einschließlich der genauen Verhörmethoden, die an gegnerischen Gefangenen angewendet werden. Seit dem 11. September hat er darauf bestanden, persönlich die härteren Methoden abzuzeichnen. Die konservativen Hardliner im Justizministerium gaben ihm viel Spielraum dafür.“

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