Zeitung Heute : Informieren im Netz, bezahlen im Reisebüro

Der Tagesspiegel

So riecht Thailand? Limonig und frisch, wie ein Parfum? Niemals riecht Thailand so. Nur im Reiseerlebnis-Center von Tui Unter den Linden strömt der Duft aus einer Düse unter dem Monitor, wenn über diesen Bilder aus Thailand flimmern. Auf Multi-Media-Terminals kann der Kunde sich informieren und anregen lassen, er kann dazu einen Kaffee trinken und, wenn er will, im ersten Stock auch gleich buchen.

Neudeutsch nennt Tui dieses Reisebüro de luxe seinen „Flagship-Store“ (Flaggschiff-Laden). Es ist Repräsentanz eher denn Umsatzmaschine, und auch die Zukunft der deutschen Reisebüros soll es nach Tui-Angaben nicht vorstellen. Die Monitore verweisen gleichwohl auf einen Trend, der das Geschäft der deutschen Reisebranche verändert: die Online-Buchung.

Über zwei Millionen Mal etwa wurde allein im Januar die Seite Bahn.de angeklickt. Auch Flüge werden mehr und mehr am Computer gebucht. Das von den großen Fluggesellschaften Lufthansa, British Airways, Air France und anderen betriebene Portal Opodo.de wurde 625 000 Mal besucht und ist damit – zwei Monate nach dem Start – schon das zweitbeliebteste Online-Reisebüro des Landes. Eine Umfrage von TSN-Emnid rechnet für dieses Jahr mit bis zu neun Millionen Internet-Buchungen in Deutschland. Der Europa-Chef des weltweit größten Anbieters von Reisen im Netz Travelocity, Dirk Hauke, setzte die deutsche Tourismus-Wirtschaft 2001 online eine Milliarde Euro um. Die Analysten-Firma F.U.R. ermittelte, dass im Januar 2001 2,6 Millionen Deutsche das Internet ganz oder teilweise zur Buchung ihrer Ferienreise genutzt haben.

Müssen sich die Reisebüros um die Ecke also Sorgen machen? Wird das Stück vom Kuchen für sie merklich kleiner? Sibylle Zeuch vom Deutschen Reisebüro- und Reiseveranstalter-Verband wiegelt ab: Nur ein Prozent des Gesamtumsatzes der Branche werde derzeit im Internet erzielt. Die Sorgen vor der Konkurrenz im Netz seien nicht mehr so groß wie zur Boom-Zeit der „New Economy“. Es habe sich herausgestellt, dass viele Menschen sich im Internet zwar über Reisemöglichkeiten und -angebote informieren, zur eigentlichen Buchung dann aber doch den Gang ins Reisebüro um die Ecke antreten. „Vielen fehlt bei Zahlungen übers Netz das Gefühl der Sicherheit“, sagt Zeuch. Übers Netz verkauft würden vor allem einfache Flüge oder Bahntickets, noch kaum Pauschalreisen.

Auch der Marketing-Leiter der Reisebüro-Kette Flugbörse, Oliver Gerbitz, berichtet, dass viele Kunden schon mit sehr konkreten Vorstellungen ins Geschäft kämen, die persönliche Beratung aber nicht verzichten wollten. Über die Internet-Seite Flugboerse.de können Flüge dementsprechend nur reserviert, aber nicht gebucht werden. Zeuch schätzt, dass rund 50 Prozent der deutschen Reisebüros mit einer eigenen Homepage im weltweiten Netz vertreten sind.

Der Chef des Online-Anbieter Reise.de, Gerhard Browa, sagt, dass viele seiner Kunden auch nach dem Studieren der Web-Seite noch Fragen hätten. „Ohne ein gutes Call-Center wären wir nicht einer der wenigen Online-Anbieter, die schwarze Zahlen schreiben“, sagt Browa. Man könne eben nicht jede Frage der Kunden vorab wissen und auf der Web-Seite beantworten.

Doch in Sicherheit vor der Online-Konkurrenz wiegen könne sich die klassischen Reisebüros gleichwohl nicht. Experten erwarten, dass sich der im Netz erzielte Marktanteil bis 2006 auf zehn Prozent steigern wird. Kein Wunder, dass man auch bei Tui im Internet nicht nur Reisen buichen kann – sondern online auch den Laden Unter den Linden besuchen. Nur ohne Duft. Holger Wild

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