INFOS : Bunt und voller Ideen

In Lothringen wurden öffentliche Gärten zu verblüffenden Kunstwerken gestaltet

Hella Kaiser

Im Garten von Laquenexy müssen die Pflanzen auf der Hut sein. Denn hier, wenige Kilometer von der lothringischen Stadt Metz entfernt, herrscht Pascal Garbe. „Vier Mal am Tag gehe ich durchs Gelände und ziehe raus, was nicht gefällt“, sagt der 39-Jährige fröhlich. Eben diese Blumen, an denen die Besucher eher achtlos vorbeispazieren. Jene Arrangements aber, bei denen die Leute stehenbleiben, hegt und pflegt der Gartendirektor mit Bedacht. „Ein Garten ist das, was das Publikum daraus macht“, ist seine Devise. Deshalb sind auch lustige Wiesenvierecke da, über und über gesprenkelt mit Hahnenklee. „Die Leute lieben das und stehen minutenlang entzückt davor“, hat Garbe beobachtet.

Früher wurden auf dem 15 Hektar großen Gelände von Laquenexy Obstbäume kultiviert. Und noch immer tragen hier Aberdutzende von Mirabellen-, Äpfel- und Birnbäumen ihre Früchte. Aber da war ja noch so viel Platz für anderes. Und nun hat Pascal Garbe eben ein fantastisches Reich für alle Sinne kreiert. 13 Themengärten sind entstanden. Hier spazieren die Besucher durch eine Haselnussallee, dort stehen sie auf der Lichtung der Mispeln oder können sich angesichts der Giftpflanzen im „Verbotenen Garten“ ein bisschen gruseln. Pascal Garbe steckt voller Ideen. Im „Gemüsegarten eines Neugierigen“ hat er zum Beispiel japanische Bananen, chinesische Zwiebeln, Erdmandeln oder den in Frankreich fast vergessenen Topinambur gepflanzt. Auch einen „Garten der essbaren Blumen“ gibt es. Taglilien, Ringelblumen, Veilchen und Kapuzinerkresse sind zu entdecken, und in einer Ecke prunken dunkelrote chinesische Pfingstrosen. Darf man so etwas Schönes wirklich verspeisen? „In China serviert man sie gern frittiert“, weiß der Pflanzenexperte.

Gerade pflückt er einige Blüten vom Schnittlauch, die später einen Salat garnieren werden. Denn Pascal Garbe ist nicht nur ein Gärtner par excellence, sondern auch ein leidenschaftlicher Hobbykoch und Gourmet. So nimmt es nicht wunder, dass man im Restaurant von Laquenexy vorzüglich speisen kann. „An den schönsten touristischen Plätzen ist die Küche oft lausig“, beklagt er. In seinem Garten soll das anders sein. „Solange ich hier was zu sagen habe, wird es keine Pizza und keine Pommes geben“, verkündet er streng. Und so wissen die Besucher beim Mittagessen auf der Terrasse kaum, was sie mehr bewundern sollen: Die blühenden Aussichten oder die wohlschmeckenden, gesunden Kreationen auf dem Teller.

Im Schlosspark von Pange kann man nichts essen – aber in Landschaft schwelgen. Das respektable Château aus dem 18. Jahrhundert scheint sich zu verlieren inmitten von Wiesen, Flussaue und Bäumen. „Sie sehen überall, wie der Himmel die Erde berührt“, sagt der Besitzer, Marquis de Pange. Vor rund 15 Jahren begann er, gemeinsam mit seiner Frau, das geerbte Anwesen wieder zu beleben. Zuvor wohnte das Paar in Paris – und das Schloss schien eher eine Belastung als ein Glück. Der Garten war verwildert und das Schloss nur eine leere Hülle. „Während der Revolution und in den Kriegen danach wurde geraubt, was irgendeinen Wert hatte“, erklärt der Marquis.

Was also sollte werden aus Pange? „Wir brauchten Partner“, sagt der Marquis – und fand sie im Projekt „Gärten ohne Grenzen“, zu dem auch Laquenexy gehört. Seit 1998 wird das Projekt von der EU im Rahmen des Programms Interreg II. gefördert. Rund 20 öffentlich zugängliche Gärten in Lothringen, in Luxemburg und im Saarland gehören dazu, weitere werden entstehen. Das Besondere: Es geht nicht darum, vorhandene Parks zu verschönern, sondern neue zu kreieren.

So gibt es auch in Pange keinen Schlossgarten im herkömmlichen Sinn. Der Landschaftsarchitekt Louis Benech, der auch für die Umgestaltung des Tuilerien-Gartens in Paris verantwortlich war, hat den Park so gestaltet, dass er sich harmonisch in die Landschaft fügt. Im Fluss Nied, der sich träge hindurchschlängelt, hat er eine kleine Insel gebaut, der einst asphaltierte Busparkplatz vorm Schloss ist zu einer Wiese geworden, deren Halme vorn lang und hinten kürzer wachsen. So kommt das Gebäude wunderbar zur Geltung. „Es gibt in Frankreich, Deutschland oder England schönere Schlösser“, sagt der Marquis. Aber meist habe man eine Straße daneben oder Mauern drumherum. Château Pange liegt mitten in der Landschaft. Von jedem Winkel des Parks ergibt sich eine andere, überraschende Perspektive auf das Schloss.

Auch der „Garten des Friedens“ von Bitche ist im Rahmen des „grenzenlosen“ Projektes entstanden. Er liegt langgestreckt unterhalb einer Zitadelle, die einst als Meisterwerk militärischer Baukunst gerühmt wurde. Nun wird hier nicht mehr verteidigt, sondern kreativ gewerkelt. Ins Holz der einstigen Wachhäuschen sind Friedenstauben geschnitzt. Die verschiedenen Bestandteile des Gartens sind spannende, verspielte Kunstwerke. Da hängen bläulich schimmernde Kristallgläser über von Zyperngras umrundeten Brunnen. An anderer Stelle stehen bunt bewachsene Schulpulte da, und ab und zu werden Seifenblasen aus einem Rohr vor der Tafel gepustet. Ein imaginäres Klassenzimmer, das lustiger kaum sein kann. „Dort wollten wir einen typischen, etwas nachlässigen Bauernvorgarten nachahmen“, sagt ein junger Gärtner und deutet auf rechteckiges Areal, von schiefen Holzlatten umgeben. Darin befindet sich eine rostige 2-CV-Ente, halb von Pflanzen überwuchert. Ein Huhn aus Ton steht in einer Ecke, ein lebendes pickt davor herum. „Französische Gärten hat man früher gezähmt und akkurat zurechtgestutzt. Wie wollen weg von diesen langweiligen Sachen“, erklärt der Gärtner. Und betont, dass hier selbstverständlich kein chemischer Dünger und keine Pestizide zum Einsatz kommen. Alle zwei Jahre werden die ungewöhnlichen Themen im Garten von Bitche verändert, damit sie die Besucher immer aufs Neue verblüffen können.

Rund hundert interessante Gärten weist eine Broschüre in Lothringen auf. Refugien, die staunen machen – nicht nur ausländische Besucher. Denn die Region hat nicht eben ein blühendes Image. „Selbst viele Franzosen denken, dass Lothringen nur eine düstere Industrieregion ist, in der es viel regnet“, klagt eine einheimische Tourismusmanagerin. Pascal Garbe oder der Marquis de Pange sind angetreten, sie eines Besseren zu belehren.

Die drei Gärten befinden sich im Departement Moselle, im Nordosten von Lothringen.

Gärten von Laquenexy. 4, Rue Borger et Perrin, Laquenexy, Telefon: 0033 / 387350100,

1. April bis 31. Oktober, täglich außer montags von 10 bis 19 Uhr,

Eintritt: vier Euro.

Garten für den Frieden, Bitche, Telefon: 0033 / 387961882,

27. April bis 5. Oktober, täglich von 11 bis 18 Uhr (Juli und August bis 19 Uhr), Eintritt: 4 Euro, Gastronomie und Spielplatz vorhanden.

Park und Schloss Pange, Telefon:

0033 / 387640441,

1. Mai bis 31. Oktober, täglich außer montags von 10 bis 12 und 14 bis 18 Uhr,

Eintritt für den Garten

3 Euro, (Gruppen 2,50 Euro), Garten und Schloss 5,50 Euro.

Auskunft

Comite Departemental du Tourisme de la Moselle, Metz, Telefon:

0033 / 3873757803, im Internet: www.moselle-tourisme.com.

Informationen zu individuellen Gartentouren bei Ursula Barthe oder Valentine Gabel,

Telefon:

0033/3873757/63 (69), E-Mail: individuels@

moselle-tourisme.com

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