Zeitung Heute : Inge Feltrinelli: Mit einem Hang zur Anarchie

Christoph Amend

Der Dienstag in Berlin hat für Inge Feltrinelli, 70, mit einem Sturz begonnen. Eigentlich wollte sie um elf Uhr in der Galerie Pictureshow in Mitte sein. Um kurz vor elf hat sie zwei Häuser weiter die jüdische Synagoge besucht, beim Herausgehen ist sie gestolpert und gefallen, zwei Polizisten haben ihr aufgeholfen. Sie ruft in der Galerie an: Nein, es ist ihr nichts passiert, sie wird sich nur um eine Viertelstunde verspäten. Und: "Wer hätte gedacht, dass Polizisten mal für so etwas gut sein können?"

Dann ist es soweit. Inge Feltrinelli, Italiens bekannteste Verlegerin, ehemalige Fotoreporterin und Witwe von Giangiacomo Feltrinelli, einer Ikone der radikalen Linken, betritt die Galerie. Betreten ist nicht die passende Beschreibung: Sie wirbelt herein. Eine zierliche Person mit leicht rötlichen Haaren, einer dunkelgrünen Jacke und einer orangefarbenen Stola um den Hals. Die Hose ist am Knie gerissen. Sie trägt eine von diesen überdimensionierten Sonnenbrillen: "Hallo! Ciao, Ciao!", begrüßt sie die Runde, Galeristin Beate Wedekind nimmt sie kurz in den Arm. Sie setzt sich an einen kleinen Tisch, bestellt einen Tee, und dann sagt sie: "Was wollen Sie wissen über mein Leben?"

Das Leben der Inge Feltrinelli. Vielleicht kann man anhand ihrer Biografie von der politischen Linken der vergangenen Jahrzehnte erzählen, von ihren Hoffnungen und Träumen, von ihrem Abenteurertum, aus dem manchmal bitterer Ernst wurde, und dass am Ende alles anders kam, als sie gedacht hatten. Und von dem Vorwurf, den man wohlhabenden Linken immer wieder gemacht hat: links denken, rechts leben.

Als die junge Inge Schoenthal nach dem Krieg von Göttingen nach Hamburg zieht, hat sie nur einen Wunsch: Sie will Fotoreporterin werden, sie will da sein, wo etwas passiert. Sie arbeitet für "Paris Match" und "Stern", fotografiert Greta Garbo und Picasso, diese Arbeiten werden nun in Berlin ausgestellt. "Politik? Ach was", sagt sie, "ich war so naiv!" Noch 1953, als es ihr gelingt, Ernest Hemingway auf Kuba zu treffen und das berühmte Foto zu machen, dass später als das Hemingway-Porträt um die Welt gehen sollte, interessiert sie sich kaum für Politik. Am Tag der Abreise stirbt Stalin, der Schriftsteller war angeschlagen, erzählt sie. Sie fand den Tod weniger dramatisch: "Stalin? Ich wusste fast nichts über ihn."

Die Politik tritt dann ziemlich überraschend in ihr Leben. Ihr Förderer, der Verleger Ledig-Rowohlt, gibt in Hamburg einen Empfang zu Ehren des italienischen Verlegers Giangiacomo Feltrinelli. Noch in der selben Nacht gehen Inge und er, der vier Jahre Ältere, an der Alster spazieren: Es ist die Liebe ihres Lebens. Sie heiraten, Inge zieht nach Mailand, tritt in den Verlag ein und gibt ihre Karriere als Fotografin auf.

Ihr Mann kommt aus einer der reichsten Familien Italiens, er ist Kommunist, unterstützt die Partei mit viel Geld - und gilt zunächst als typischer Salon-Sozialist. Sein Buchverlag ist ein großer Erfolg. Unter schwierigsten Umständen nimmt er Kontakt auf zu einem gewissen Boris Pasternak, sichert sich die Weltrechte an dessen Roman. Er heißt "Doktor Schiwago". Feltrinelli verlegt auch Autoren wie Hochhuth, Frisch, Dürrenmatt, doch seine Angst vor einem Rechtsrutsch Italiens treibt ihn in den Untergrund. "Er hat die Türen hinter sich zugeschlagen", sagt Inge Feltrinelli heute. "Und er ist gestorben, wie er sich gewünscht hatte: als tragischer Held, nicht als Salon-Sozialist." Ihr Mann bejubelt die Roten Brigaden, die RAF Italiens, wird selbst zu einem Terroristen, taucht unter. Im März 1972 explodiert eine Sprengstoffladung, mit der er die Stromzufuhr Mailands unterbrechen wollte - und tötet ihn. Es wird nie geklärt, ob es ein Unfall war oder ein geschickt getarnter Anschlag auf den Anschläger.

Die 70er Jahre beginnen. Inge Feltrinelli, die mit ihrem Mann gestritten hatte, so lange es noch ging, hält Kontakt zur linken Szene - "aber immer Distanz zu den Radikalen, zur Gewalt". Sie selbst sagt, sie war nie Kommunistin, "ich bin eine freischwebende Linke mit einem Hang zur Anarchie. Damit konnten Kommunisten noch nie etwas anfangen." Wer sich umhört in der Szene von damals, erfährt, dass sie manchen deutschen Autoren, die kaum Geld verdienten, immer wieder etwas zukommen ließ. "Ach, nein, das war vor allem Giangiacomo", wehrt sie ab und wird doch ein bisschen rot im Gesicht. Man merkt, dass sie nicht über jedes Detail von damals reden möchte. Der Fall Joschka Fischer? "Dass einer wie er Außenminister werden kann, zeigt, wie stabil die Demokratie in Deutschland mittlerweile ist." Was würde sie mit ihm besprechen, wenn sie ihn treffen würde? "Oh, auf der letzten Buchmesse sind wir uns begegnet, am Stand von Wagenbach. Er sammelt ja Bücher wie wahnsinnig, wir haben nur über Bücher geredet. Er hat dann auch gleich gefragt, ob er sich ein paar Bücher mitnehmen kann." Und wie denken die Italiener über die Fischer-Debatte ihrer Nachbarn? "Gelassener, bei uns waren ja längst Kommunisten in der Regierung." Überhaupt Italien: Die Dame, die einem gegenüber sitzt, hat so gar nichts Deutsches an sich, als was fühlt sie sich selbst? "Ich bin Milanese", sagt sie, Mailänderin. Das Mädchen aus Göttingen ist in der oberen Gesellschaft Italiens angekommen. Einmal wollte man sie zur Bürgermeister-Kandidatin machen. "Doch was sollte ich da?", sagt sie, sie hat auch so genug zu tun. Sie leitet noch immer den Verlag, zu dem über 60 Buch- und Musikläden gehören.

Als ihr Mann starb, musste Inge Feltrinelli die Geschäfte übernehmen, ein harter Kampf, den sie allein durchgestanden hat. War sie nie wütend, alleingelassen zu sein? "Nein, ich habe meinen Mann lange vorher aufgeben müssen." Sie trinkt den letzten Schluck Tee aus, und dann sieht sie, dass zwei ihrer Finger blutig sind, vom Sturz. Sie erschrickt kurz. Braucht sie ein Taschentuch? "Nein, nein, warten Sie!" Nach einem flinken Griff in die Tasche hat sie selbst eines in der Hand und wischt die Blutstropfen weg. Ihr Blick sagt: Sehen Sie, ich helfe mir selbst.

Es gibt Menschen, die stehen nach einem Sturz so schnell wieder auf, dass sie anderen keine Chance geben, ihnen zu helfen. Inge Feltrinelli, Verlegerin, Witwe, Fotoreporterin, ist eine von ihnen.

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