Inklusion in Brasilien : Was bleibt nach den Spielen?

Die Spiele bringen nicht nur Sport, sondern auch nachhaltige gesellschaftliche und infrastrukturelle Veränderung nach Rio.

Lisa Kuner
Auch die barrierefreien Medienbusse sollen nach den Spielen im öffentlichen Nahverkehr eingesetzt werden.
Auch die barrierefreien Medienbusse sollen nach den Spielen im öffentlichen Nahverkehr eingesetzt werden.Foto: Thilo Rückeis

Noch glänzen die Sportstätten in Rio, doch über so ein ungenutztes Stadion, könnte schnell Moos wachsen. In Peking, Gastgeber der Spiele im Jahre 2008 zum Beispiel, sind schon einige der olympischen Stadien verwaist. Droht Rio nach den Paralympics Ähnliches? Viele Brasilianer gingen im Vorfeld der Spiele für eine andere Nutzung des Geldes auf die Straße, und sicher werden sie nun mit Interesse verfolgen, was von den ganzen Investitionen für Olympia bleibt.

Viele der Sportstätten werden nicht mehr gebraucht. Die Stadtverwaltung und das Organisationskomitee von Rio 2016 möchten verhindern, dass die Stadien ungenutzt leer stehen, und haben darum schon genaue Pläne für die zukünftige Nutzung entwickelt. Ein Teil der Stadien wird ein olympisches Trainingszentrum für Leistungssportler, darunter zum Beispiel die Carioca-Arena 3 oder das Velodromo. Die Carioca-Arena 2 wird zu einer Sportschule für rund 1000 Nachwuchsathleten umgebaut.

Das barrierefreie Schnellbussystem BRT wurde ausgebaut; ebenso ein kilometerlanger, rollstuhlgerechter Gehweg

Ungefähr 40 Prozent des olympischen Geländes werden in einen öffentlichen Park umgewandelt und ab 2017 der Bevölkerung zugänglich gemacht. Schon seit letztem Jahr hat die Kanustrecke verschiedene Nutzer: Unter der Woche findet dort Kanusport statt, am Wochenende dient sie als öffentliches Schwimmbad. „Das kam sehr gut bei der Bevölkerung an und wurde stark genutzt“, erklärt Tania Braga, Nachhaltigkeitsmanagerin der Spiele.

Neu ist bei diesen Spielen, dass zwei der Installationen, die Future Arena und das Aquatics Stadium, nur temporär gebaut wurden. Aus der Schwimmhalle werden zwei kleinere Bäder, die an anderer Stelle in Rio wieder aufgebaut werden. Die Arena wird zu vier Schulen umgebaut und soll dann knapp 4000 Schüler beherbergen. Das ist nicht das einzige Erbe der Spiele von Rio 2016. Eine neue Metrolinie verbindet jetzt den Stadtteil Barra da Tijuca mit dem Rest von Rio de Janeiro. Außerdem wurde das komplett barrierefreie Schnellbussystem BRT ausgebaut und viele Kilometer rollstuhlgerechter Gehweg gebaut. Davon werden die Cariocas auch in den nächsten Jahren noch profitieren.

Im Olympischen Park in Rio gab es paralympischen Sport zum Mitmachen.
Im Olympischen Park in Rio gab es paralympischen Sport zum Mitmachen.Foto: Thilo Rückeis

„Am wichtigsten ist aber die Bewusstseinsveränderung im Kopf“, findet Barga. Sir Philip Craven, Präsident des Internationalen Paralympischen Komitees (IPC), sagt: „Ich denke, dass die Leistungen der paralympischen Athleten ein Katalysator für soziale Veränderung sein können.“ Braga kann diese Veränderungen in Brasilien schon sehen. Sie erzählt, wie ihr Kollege im Rollstuhl in der Metro von einem Kind angesprochen wurde, nicht etwa mit der Frage nach seiner Behinderung, sondern danach, was für einen Sport er treibe. Auch ihr persönliches Bewusstsein hat sich durch ihre Arbeit für die Paralympics geändert. Sie sei viel sensibler für die Bedürfnisse von Menschen mit Behinderung geworden und ihr sei klar geworden, dass auch mit körperlichen Einschränkungen vieles möglich ist, wenn man nicht aufgibt.

Paralympischer Sport hat sich mit den Spielen in Rio zudem professionalisiert. Im letzten Jahr wurde in São Paulo das erste paralympische Trainingszentrum eröffnet, um für optimale Bedingungen zu sorgen. Immer öfter finden außerdem an Schulen Kinderparalympics statt, damit schon von klein auf ein Bewusstsein für Behindertensport geschaffen und Inklusion gelebt wird.

Braga weiß, dass in Bezug auf die Teilhabe von Menschen mit Behinderung noch längst nicht alles perfekt ist. Aber sie ist sich sicher, dass sich durch die Paralympics etwas verändert: „Es ist der Anfang eines Wegs, ein Samen, der wächst und Großes bewirken kann.“

Lisa Kuner, 21 Jahre

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