Zeitung Heute : Innenansichten einer Jugend

Die Mutter verlässt ihn, er fliegt von der Schule, und mit 16, heißt es, tötet er einen kleinen Jungen. Wie wurde aus dem Sorgenkind Ken M. ein mutmaßlicher Mörder? Eine Spurensuche

Annabel Wahba

Sie haben versucht, die Spuren zu beseitigen. Der gelbe Lack an der Haustür ist zerkratzt und stumpf, die Kritzeleien sind kaum mehr zu lesen. Nur ein paar große Buchstaben konnten sie nicht entfernen, sie sind quer über die Tür geschmiert, ein Vorname: Ken. Wie ein Hinweis für alle, dass dies das Haus des Täters ist.

In der Siedlung im Süden Zehlendorfs stehen 60er-Jahre-Bauten in langen Reihen hintereinander, vier Stockwerke, drei Aufgänge. Sie wurden vor kurzem renoviert, die Fassaden in warmen Gelbtönen gestrichen und die Balkone mit hellem Holz verkleidet. Eine Bewohnerin im Erdgeschoss hat einen Autospiegel an ihrem Küchenfenster angebracht, damit sie kontrollieren kann, wer das Haus betritt. Hier in der Siedlung kennt jeder jeden. Doch was draußen vor der Tür geschah, konnte keiner verhindern.

Ein paar hundert Meter entfernt, am Lupsteiner Weg, starb der siebenjährige Christian. Sein Nachbar, Ken*, 16 Jahre alt, soll ihn erschlagen haben. Christian wohnte einen Aufgang weiter, das Opfer in Haus a, der Täter in Haus b.

Am 27. August 2005 gegen elf Uhr vormittags verlässt der kleine Junge die Wohnung seiner Eltern. Es ist Samstag, der Abenteuerspielplatz, auf dem Christian schaukeln geht, liegt wenige Straßen entfernt. Dort ist auch der Treffpunkt von Ken und seinen Freunden. Als Christian mittags nicht nach Hause kommt, sucht sein Vater nach ihm. Er findet den Jungen gegen 12 Uhr 30 in einem Gebüsch, nackt unter einer Plastikplane. Die Staatsanwaltschaft wirft Ken vor, er habe Christian aus „Frust“ erschlagen und sich „sexuelle Befriedigung verschaffen wollen“.

Ken steht seit Ende Februar vor Gericht, die Jugendkammer des Landgerichts Berlin verhandelt gegen ihn unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Das Urteil ist bisher für Dienstag vorgesehen. Es fällt in eine Zeit, in der viel über Jugendgewalt geredet wird, über türkisch- und arabischstämmige Jungs, die Mitschüler und Lehrer terrorisieren. Auch Ken war in der Schule durch Prügeleien aufgefallen, er ist ein polizeibekannter Intensivtäter. Aber er ist der Erste aus der rund 350 Namen umfassenden Kartei, der zum mutmaßlichen Mörder wurde. Und auch seine Biografie passt nicht ins Bild, das jetzt vom jugendlichen Gewalttäter gezeichnet wird. Ken kommt nicht aus Neukölln oder Kreuzberg. Er wuchs in einer deutschen Familie in Zehlendorf auf.

Nach dem Tod des kleinen Christian hat ein Passant am Tatort einen Zettel hinterlassen, einen Brief an Ken: „Du bist doch selber ein Kind, warum erschlägst du dann ein Kind?“, steht darauf. Was in den zwei Stunden an einem Samstagvormittag geschah, ist für alle, die Ken kennen, ein Rätsel. Für seine ehemalige Lehrerin, den Fußballtrainer und seine Freunde. Warum wird ein 16-Jähriger zum mutmaßlichen Mörder?

Sascha*, 15, hat sich vor ein paar Jahren mit Ken angefreundet. Sascha geht auf die Realschule, Ken und er waren Nachbarn. Die Straßen in ihrer Siedlung heißen Breitensteinweg oder Hocksteinweg; Sascha schämt sich, wenn er seine Adresse nennt, weil dann jeder in Zehlendorf weiß, dass er aus jener Siedlung im Süden des Stadtteils kommt, in der viele Sozialhilfeempfänger wohnen.

Wenn Ken und Sascha sich trafen, kifften sie, tranken Bier, spielten Basketball oder saßen rum. „Was man halt so macht …“, sagt Sascha. Er sitzt in einem Café in Wilmersdorf, weil seine Freunde in Zehlendorf nicht wissen sollen, dass er mit der Presse spricht. Er käme sich sonst vor wie ein „Verräter“. Sascha trägt seine Haare glatt nach hinten frisiert. Um seinen Hals hängt eine dicke silberne Kette. Sie wirkt viel zu schwer für den blassen Teenager, der sich kleidet wie ein Großer, aber im Gesicht noch so kindlich wirkt.

Für Sascha und seine Freunde ist die große Stadt auf ein kleines Revier zusammengeschrumpft. Sie bleiben in Zehlendorf oder treffen sich am Ku’damm. Sie würden nie nach Mitte oder Prenzlauer Berg fahren, sie finden es langweilig dort. Nach Kreuzberg gehen sie auch nicht. Da würde es nur „Stress“ geben, glaubt Sascha, weil jeder sähe, dass die blonden Jungs nicht dorthin gehören. Aber auch in seinem eigenen Bezirk geht er nie ohne CS-Gas oder Messer raus.

Über Ken sagt Sascha, der sei eigentlich „ein ganz Lieber“. „Nur wenn ihn einer provoziert hat, sah er rot.“ Einmal, beim Baden an der Krummen Lanke, habe eine Gruppe älterer Jungs sie „abziehen“ wollen; Geld und Handys wollten sie klauen. Obwohl Ken eigentlich keine Chance hatte, weil die anderen in der Überzahl waren, schlug er um sich – so brutal, dass die älteren Jungs gleich wieder abgehauen sind. Sascha mag übertreiben, aber nach diesem Nachmittag genoss Ken bei seinen Kumpels eine eigentümliche Form von Respekt. Sein Jähzorn habe sich nie gegen Freunde gerichtet, sagt Sascha. „Ich konnte über alles mit ihm reden.“

Nur von seiner Familie hat Ken nie erzählt. Sein Vater, ein schwarzer GI, der in Berlin stationiert war, starb vor Kens Geburt 1989 bei einem Autounfall. Die Mutter lebte mit dem Baby kurz bei ihren Eltern und ging dann allein in die USA. Ken ließ sie bei den Großeltern zurück.

Weil er ohne Eltern aufwuchs, hatte das Jugendamt Ken von Anfang an im Blick. In den ersten Jahren sah es so aus, als entwickle er sich gut. In der Schule galt er als überdurchschnittlich intelligent. Er soll ein stiller Junge gewesen sein, der sich im Unterricht kaum meldete. In schriftlichen Arbeiten, vor allem in Deutsch, war er gut. Doch schon in der Grundschule bekam er manchmal Wutausbrüche und prügelte Mitschüler.

„Ken wurde wütend, wenn er das Gefühl hatte, dass jemand auf ihn herabblickte“, sagt sein ehemaliger Fußballtrainer Ralf Bande. Da reichte schon ein falsches Wort, ein falscher Blick. Und Blicke zog Ken häufig auf sich: Er hat volle Lippen, sein krauses Haar ist rötlich, die Haut hell. In der Siedlung erzählten sich die Nachbarn, der Vater habe Ken verstoßen, weil er ihm nicht schwarz genug war.

Den Gegnern auf dem Fußballplatz war Ken offenbar nicht weiß genug. Als Neunjähriger kam Ken in die E-Jugend von Hertha Zehlendorf, der Trainer Ralf Bande war auf das Talent des Jungen aufmerksam geworden. Weil Ken so anders war als sie, hänselten ihn die Gegner. Sie schrien „Uh, uh, uh“, als stünde ein Affe vor ihnen. Anfangs, sagt der Trainer, habe Ken das runtergeschluckt. Bis er in die Pubertät kam. Ken wurde breiter und kräftiger, und plötzlich begann er, sich zu wehren. Wenn ihn einer foulte oder beleidigte, legte Ken ihn von hinten um.

Trainer Ralf Bande, 45 Jahre alt, war für Ken eine Art Ersatzvater. An diesem Tag sitzt er im Sportcasino am Stadion Lichterfelde. Hinter seinem Rücken auf der Leinwand läuft ein Fußballspiel. Er beachtet es nicht, ratlos blickt er auf ein altes Mannschaftsfoto. Darauf sind 15 kleine Jungs in blauen Trainingsanzügen zu sehen, die meisten lächeln in die Kamera. Nur Ken blickt skeptisch, kneift die Augenbrauen zusammen.

Ralf Bande und Ken wohnten nicht weit voneinander, manchmal lud er den Jungen zum Frühstück zu sich ein. „Ken war einer meiner besten Spieler“, sagt er, „eine Kämpfernatur.“ Bande hat Ken drei Jahre lang trainiert, er hat ihn gefördert, bis der Junge zusätzlich einmal die Woche auch in der Auswahlmannschaft der talentiertesten Spieler Berlins trainieren durfte. Aber auch dem Berliner Fußball-Verband entging nicht, dass Ken sich auf dem Platz nicht unter Kontrolle hatte: Ab Ende 2001 durfte er nicht mehr in der Auswahlmannschaft trainieren. „Wir wünschen dir weiterhin viel Freude und sportlichen Erfolg in deinem Verein“, heißt es im Abschiedsbrief des Verbands. Danach war für Ken nichts mehr, wie es vorher war. Er hatte Profifußballer werden wollen. Als er scheiterte, verlor er sich.

Ken spielte noch ein paar Monate weiter in seinem Bezirksverein, aber bald schwänzte er das Training öfter, irgendwann kam er gar nicht mehr. Da war er zwölf. Dass er Ken nicht halten konnte, ist für Ralf Bande eine seiner schlimmsten Niederlagen. „Ken hat sich für seine Kumpels auf der Straße entschieden.“ Man sieht dem Trainer an, dass er das bis heute persönlich nimmt. Er faltet die Hände auf dem Tisch, am Stammtisch nebenan erheben sie die Gläser.

Bald reihten sich Kens Gewalttaten aneinander wie die Glieder einer Kette. Mit 14 wird er zum ersten Mal wegen Körperverletzung verurteilt, kurz darauf prügelt er in einem Supermarkt auf zwei Verkäuferinnen ein, die ihn beim Diebstahl erwischen. Für die zweite Tat bekommt er sechs Monate auf Bewährung. Im Juni 2005 ist Ken mit seinem drei Jahre älteren Kumpel Patrick* unterwegs. An einer Zehlendorfer Tankstelle treffen sie auf den 22 Jahre alten Bundeswehrsoldaten Tadeusz*. Sie geraten mit ihm in Streit und prügeln ihn ins Koma, angeblich hat Tadeusz Ken als „Neger“ und „Hurensohn“ beschimpft.

Ken erhält Haftverschonung, weil der Richter bei ihm weder Flucht- noch massive Wiederholungsgefahr erkennen kann. Er muss sich regelmäßig bei der Polizei melden. Ken hält sich an die Meldeauflagen – sogar noch kurz nach dem Tod von Christian.

Die Schlägerei an der Tankstelle wird nun gemeinsam mit dem Mordvorwurf verhandelt. Der andere Täter, Patrick, ist bereits im Januar 2006 in einem gesonderten Verfahren wegen gefährlicher Körperverletzung zu zwei Jahren und drei Monaten Haft verurteilt worden, Patricks Anwalt hat daraufhin Berufung eingelegt. Und in diesem Prozess war Ken als Zeuge geladen.

In Handschellen betrat Ken den Gerichtssaal. Er ist klein und kräftig, seine großen Hände passen nicht zum Rest des Körpers. Ken wirkte gefasst, es war nicht sein erster Auftritt vor Gericht. In seinen Turnschuhen trug er eine blaue und eine schwarze Socke. Vielleicht war er am Morgen so nervös gewesen, dass er die Paare verwechselt hatte, aber davon merkte man ihm nichts mehr an. Ken hätte die Zeugenaussage verweigern können, um sich nicht selbst zu belasten. Doch Ken wollte reden.

Ruhig antwortete er auf die Fragen der Richterin, erzählte, wie er Tadeusz an der Tankstelle erst eine „Bombe“, einen Faustschlag ins Gesicht, verpasste, sich dann auf ihn kniete, weiter prügelte, mit den Füßen zutrat. Er wirkte seltsam unbeteiligt, während er sprach. Er sagte nicht, dass es ihm Leid tue, aber er beschönigte auch nichts. Wie einer, der zur Beichte geht und gleichmütig auf Strafe wartet.

Als ihn der Anwalt des Nebenklägers fragte, was da mit ihm los war, warum er wie im Wahn auf Tadeusz eingeschlagen hatte, wusste Ken für einen Moment nicht, was er antworten sollte. Stille im Saal. Der Anwalt vermutete: „Da ist die Wut wohl mit Ihnen durchgegangen“. „Kann man so sagen“, antwortete Ken.

Über seinen Freund Patrick sagte Ken, der habe nur einmal getreten. „Patrick war so besoffen, dass ich und meine Freundin Sandra* ihn stützen mussten. Ich bin der Haupttäter.“

Patrick konnte sich auf Ken verlassen. Sein Freund nahm alles auf sich. Patrick hätte gar nicht im Saal sitzen müssen, wäre da nicht Kens Freundin Sandra gewesen. Sie hat Patrick entgegen einer Absprache zwischen den Jungs schon bei der Polizei belastet. Auch sie war als Zeugin geladen. Sandra ist ein hübsches, blondes Mädchen mit gepflegten langen Fingernägeln, 17 Jahre alt, sie geht auf die Realschule. Auf Fragen der Richterin antwortete sie entweder gar nicht oder mit „vielleicht“ und „kann sein“. Sie war in Jogginghose und Kapuzenjacke gekommen, gab sich cool. Nur eine Sache war ihr wichtig: Sie habe Patrick nicht gestützt an dem Abend an der Tankstelle, auch er habe auf Tadeusz eingeschlagen. „Patrick hat mitgemacht“, sagte sie, „also muss er dafür geradestehen.“ – Es muss eine eigenartige Form von Ehrgefühl sein, die Ken antreibt, Patrick zu entlasten. Es ist so wie damals an der Krummen Lanke, als er seine Freunde herausboxte, bevor sie nur einen Schlag einsteckten. Er mimt den Helden, der alles auf sich nimmt und dem die anderen Respekt dafür zollen. Nur Sandra scheint zu ahnen, dass Respekt kein Wert ist, für den es sich lohnt, ins Gefängnis zu gehen.

Patrick und Ken waren in einer Klasse an der Leistikow-Oberschule. Ken war im Februar 2002 dorthin gekommen, weil er die Realschule nicht schaffte – kurz nachdem er auch aus dem Kader des Fußballverbandes geflogen war. Die Leistikow-Schule ist die einzige Hauptschule in Zehlendorf. Die Eltern in diesem Bezirk schicken ihre Kinder auf höhere Schulen, und wenn sie die nicht schaffen, dann lieber auf Privatschulen. Die Schüler von der Leistikow wissen, dass sie ganz unten stehen in der sozialen Hierarchie. „Ken war mein Sorgenkind“, sagt seine frühere Lehrerin Sabeth Schmidthals. Vor zwei Jahren hat sie Ken zuletzt gesehen, sie hat bis heute sein Geburtsdatum im Kopf, den 5. Mai.

Schmidthals hat gerade Schulschluss, sie sitzt in einem Café in Moabit. Dort unterrichtet sie jetzt an einer Gesamtschule. Sie ist eine der wenigen Lehrer, die sagen, dass sie auch gerne an der Hauptschule unterrichten. Ihr liege das Soziale, sagt die 38-Jährige. „Wir müssen den Kindern ja erst mal beibringen, im Leben zurechtzukommen.“

Schmidthals hatte Ken zwei Jahre lang in der Klasse. Er war einer der Jüngsten, weil er nie sitzen geblieben war. In den ersten Monaten lief noch alles gut. Aber schon bald begann sich Ken auch äußerlich zu verändern. Er schor sich die Haare raspelkurz und rasierte sich eine Kerbe in die Augenbrauen wie die Rapper aus den USA. Ken störte bei Sabeth Schmidthals zwar nicht den Unterricht, aber außerhalb des Klassenzimmers gab es immer wieder Probleme: Er zerkratzte Vitrinen beim Ausflug ins Heimatmuseum, er prügelte sich. In dieser Zeit wurde aus dem jähzornigen Kind ein Schläger. „So zynisch das klingt“, sagt die Lehrerin, „aber das war seine Form des Erwachsenwerdens.“ Er hatte nichts, womit er sich profilieren konnte, aber er war stark und konnte zuschlagen.

Mit 13 beginnt Ken zu kiffen. Wenn er die Schule nicht schwänzt, sitzt er apathisch im Unterricht. Zweimal muss der Krankenwagen kommen, weil Ken im Klassenzimmer zusammenbricht, offenbar völlig berauscht. Die Großeltern wiegeln ab, als Schmidthals sie anruft: „Wir schaffen das schon.“ Dabei hat die Lehrerin den Eindruck, dass der Junge schon lange tut, was er will. Sie rät dem Jugendamt, den Jungen von den Großeltern wegzuholen. Ken hat das wohl abgelehnt.

Im Frühjahr 2004 kann ihm auch die Lehrerin nicht mehr helfen. Ken muss die Schule verlassen, nachdem er und Patrick eine Siebtklässlerin in die Jungentoilette gezerrt haben. Ken hatte die Tür zugehalten, während Patrick dem Mädchen unters T-Shirt fasste. Als Ken erfährt, dass er von der Schule fliegt, weint er erst, dann wirft er Stühle durch die Luft und greift den Direktor an. Er lässt sich erst von seinem Großvater beruhigen. „Der Junge war auf eine eigenartige Weise abhängig von ihm“, sagt Sabeth Schmidthals. Zwar ließ er sich vom Großvater nichts mehr sagen, aber wenn Ken verzweifelt war, schien er die letzte Stütze zu sein.

Wie Kens Verhältnis zu seinen Großeltern war, ist nicht leicht herauszufinden. Die Großeltern öffnen nicht, wenn man bei ihnen klingelt. Auf einen Brief mit der Bitte um ein Gespräch antworten sie nicht. Nach außen wirkte Kens Zuhause anständig. Die Großeltern hielten Kontakt zum Jugendamt, der Großvater kam auch zu den Fußballspielen seines Enkels. „Er hat ihn laut angefeuert“, erinnert sich Trainer Bande. Aber wenn Ken etwas falsch machte, pfiff ihn der Großvater zusammen. Der Rottweiler des Großvaters war immer dabei. „Der folgte aufs Wort.“ Manchmal, sagt der Trainer, hatte er den Eindruck, der Großvater erziehe den Jungen genau wie seinen Hund. In der Schule erzählte Ken, wie er zu Hause lernen musste, beim Essen anständig am Tisch zu sitzen. Der Großvater klemmte ihm Zeitungen unter die Arme, damit Ken sie eng am Körper behielt.

Die Großeltern taten alles, um den Schein zu wahren, aber dass sie offenbar selbst Probleme hatten und zu viel tranken, konnten sie nicht verheimlichen. Bande erlebte den Großvater häufig angetrunken. Auch Kens Lehrerin Schmidthals bemerkte, dass der Großvater bei Elternabenden nicht nüchtern war.

Nach dem Tod von Christian S. hatten die Großeltern ihre Wohnung vorübergehend verlassen. Jetzt wohnen Täter- und Opferfamilie wieder nebeneinander. Am ersten Prozesstag Ende Februar sitzen beide im Gerichtssaal. Christians Mutter in eine Ecke gekauert, in der einen Hand ein Taschentuch, mit der anderen klammert sie sich an ihren Mann. Kens Großeltern ziehen sich die Jacken über den Kopf, um sich vor Fotografen zu schützen.

Ken ist geständig, aber nicht in allen Einzelheiten, wie sein Pflichtverteidiger betont. Der Junge habe an dem Samstagvormittag unter Alkohol- und Drogeneinfluss gestanden. Mehr ist von ihm nicht zu erfahren. Bis heute hält sich in der Siedlung das Gerücht, ein paar Kumpel von Ken seien dabei gewesen, als Ken und Christian sich am Abenteuerspielplatz begegneten.

Es gibt Vermutungen über den Tathergang, Aussagen von Ermittlern, die offiziell nicht bestätigt wurden. Als Christian zum Spielplatz kam, soll Ken ihn auf ein verwildertes Gelände nebenan gelockt haben. Die Ermittler sagen, der kleine Junge habe Ken „Arschloch“ genannt, dann habe der Ältere auf ihn eingeschlagen. Der Junge starb aber offenbar nicht an den Schlägen, sondern an inneren Verletzungen, weil er sexuell missbraucht wurde. Eine DNA-Spur auf der Leiche hat Ken überführt. Christians Kleidung ist bis heute verschwunden.

Kens ehemalige Lehrerin hat sich immer wieder gefragt, wie aus dem „Sorgenkind“ Ken ein mutmaßlicher Mörder wurde. Sie kann sich Kens Wut gegen Christian nur so erklären: Der Siebenjährige kam aus einem nach außen intakten Elternhaus. Ken fühlte sich provoziert von Kindern, denen es besser ging als ihm. Die Jungs, mit denen sich Ken in der Schule schlug, kamen fast immer aus behüteten Verhältnissen. Aber genau wie Kens Freund Sascha und Trainer Bande kann sie nicht glauben, dass Ken die Tat alleine begangen hat. Die Sache mit dem Missbrauch ist allen unerklärlich. „Ken war doch mit Sandra zusammen, die er liebt“, sagt Sascha. „Der fährt nicht auf kleine Jungs ab, das hätte ich doch gemerkt.“

Von Kens Freunden könnte Sandra bald die Letzte sein, die noch zu ihm steht. Auch Sascha will nichts mehr mit Ken zu tun haben. Vor kurzem hat er den Großvater auf der Straße gesehen, als der seinen Rottweiler spazieren führte. Sie haben sich nur kurz gegrüßt. Und dann sagt Sascha nüchtern: „Ich habe jetzt einen Kumpel weniger.“ Sascha ist auch mit dem älteren Bruder des toten Christian befreundet. „Wie soll ich da noch zu Ken halten?“ Sascha musste sich entscheiden, nachdem der eine Freund den Bruder des anderen getötet hat.

* die Namen wurden geändert

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!