Innovationen aus Adlershof : Neue Industrie "made in Berlin"

Der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit über die Zukuftsperspektiven des Technologieparks Adlershof

Adlershof
Ein Großteil der maroden Gebäude der DDR-Akademie der Wissenschaften wurde abgerissen. Neue, moderne Technologiezentren entstanden...Foto: WISTA-MG - www.adlershof.de

Adlershof wird als Modell gehandelt – für einen Wissenschaftsstandort, einen Wirtschaftsstandort, ein städtebauliches Projekt?



Das besondere an Adlershof ist, wie Wertschöpfung durch den Treibstoff Wissen entsteht. Junge innovative Unternehmen profitieren von der Nachbarschaft mit exzellenten Forschungseinrichtungen. Und: Alle Akteure konnten sich – unabhängig von Legislaturperioden – auf die Rückendeckung durch die Landespolitik verlassen.

Was hat die Politik eigentlich Besonderes geleistet?

Die Weichen wurden 1991 gestellt, als beschlossen wurde, in Adlershof eine „Integrierte Landschaft aus Wirtschaft und Wissenschaft“ zu entwickeln. Das Konzept basiert auf drei Säulen: den außeruniversitären und universitären Instituten sowie den innovativen Unternehmen. Eine Schlüsselentscheidung war sicherlich die Ansiedlung der sechs naturwissenschaftlichen Institute der Humboldt Universität. Und natürlich sind auch viele Fördermittel in die Entwicklung Adlershofs geflossen. All dies hat dem Projekt Schub gegeben.

Welche Bedeutung hat für Sie Adlershof heute in Berlin?

Adlershof ist ein richtiger Jobmotor mit 14 000 Beschäftigten in über 800 Unternehmen sowie 17 Forschungseinrichtungen. Es ist das größte Technologie- und Wissenschaftscluster in Deutschland. Aus Wissen wird Arbeit. Und dieses Modell ist auch auf andere Teile der Stadt übertragbar.

An welche Stadtteile denken Sie?

Zum Beispiel an das Umfeld der Technischen Universität und der Universität der Künste in Charlottenburg, aber auch an den Bereich rund um die Freie Universität und die Bundesanstalt für Materialforschung in Steglitz-Zehlendorf.

Berlin hat lange auf die postindustrielle Dienstleistungsmetropole gesetzt. Mausert sich nicht Adlershof zunehmend zu einem neuen Industriestandort?

Ja, eindeutig. Glücklicherweise herrscht inzwischen in Politik und Wirtschaft Konsens: Berlin braucht beide – moderne Dienstleistungen und innovative Industrie.

Hat Sie die Entwicklung von Adlershof seit der Wende überrascht?

Ja. Ich freue mich, dass sich unsere Hoffnungen in dieser Weise erfüllt haben und dass aus den „abgewickelten“ Instituten der DDR-Akademie der Wissenschaften in so kurzer Zeit einer der führenden Wissenschafts- und Technologieparks geworden ist.

Müssen wir unsere Vorstellungen von Industrie überdenken?

Wenn man an rauchende Schornsteine denkt, ja! Moderne Industrie im 21. Jahrhundert ist etwas ganz anderes. Das sind hoch innovative Unternehmen. Für sie ist die Nähe zur Wissenschaft und die Vernetzung mit „verwandten“ Forschern entscheidend. Das ist der Humus für neue Industrie „made in Berlin“.

Die industrielle Entwicklung Berlins im 19. Jahrhundert beruhte nicht auf der Nähe der Rohstoffe, sondern auf dem Knowhow der Menschen, die hier Geld verdienen konnten. Was tut Berlin, um seine klugen Köpfe in der Stadt zu halten?

Wichtig ist mir, erst einmal zu sagen: Berlin ist ein Magnet für Kreative und Talente aus aller Welt. Aber in der Tat: Es sind noch zu viele, die nach dem Studium notgedrungen abwandern. Unsere exzellenten Hochschulen bieten klugen Köpfen spannende Jobs. Wissenschaft hat daher in unserem Haushalt Priorität. Das wichtigste ist aber, dass die Industrie wieder mehr Arbeit bietet. Durch gezielte Förderung der Hochtechnologiefelder und einschlägiger Existenzgründungen sind hier schon viele hoch qualifizierte Jobs entstanden. Die Strategie ist erfolgreich. Aber wir brauchen einen langen Atem und eine ausreichende Kapitalversorgung.

Adlershof hat als reiner Wissenschaftsstandort begonnen, entwickelt sich aber auch zum Produktionsstandort. Wo kann man sich das in Berlin noch vorstellen?


Schauen wir mal vom neuen „Stadttor“, dem künftigen Hauptstadtflughafen BBI, auf Berlin. Von Schönefeld aus entwickelt sich ein „Flughafenkorridor“, der sich über Adlershof, Schöneweide und Neukölln bis zum Spreeraum, zum Tempelhofer Flughafengebiet und bis in die Innenstadt hinein zieht. Das sind gigantische Flächenpotenziale in hervorragenden Lagen.

Welche Bedeutung hat der neue Flughafen für Adlershof?

Vom Flughafen aus gesehen wird künftig die erste Autobahnausfahrt direkt auf den Technologiepark Adlershof führen. Das ist ein gewaltiger Standortvorteil.

Adlershof ist international gut vernetzt und hat bei einer Reihe von Projekten Unterstützung von der EU bekommen. Was kann die Politik tun, um den europäischen Charakter von Adlershof mehr zu betonen?

Ein wesentlicher Inhalt unserer Hauptstadtkampagne be.Berlin ist die weltweite Präsentation Berlins als „place to be“ für Wirtschaft und Wissenschaft. Wir waren schon in New York und Kopenhagen, und gerade vor einigen Wochen haben wir mit großem Erfolg die innovativen Berliner Energieunternehmen in unserer Partnerstadt Istanbul vorgestellt. Natürlich waren auch Adlershofer Unternehmen mit dabei. Und dies war erst der Anfang…

Das Gespräch führte Rolf Brockschmidt

Klaus Wowereit

ist Regierender

Bürgermeister

von Berlin.

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