Zeitung Heute : Ins grüne Nichts

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Von Thomas Loy, Stade

Radtour R 7 im Erholungsgebiet „Altes Land“. Auf der Höhe von Bassenfleth, kurz vor dem Elbdeich, passieren die Radler im Regenjacken-Partnerlook zur Linken das Kernkraftwerk Stade und zur Rechten den Obsthof Brüggemann. Guck mal, ein Kernkraftwerk, sagt der Radfahrer zur Linken. Guck mal, ein Obstbauer, sagt der Lookpartner zur Rechten. Und beide fragen sich beim Weiterradeln: Kann das gutgehen, Kernfrüchte und Kernkräfte so nah beieinander?

Drinnen im Kernkraftwerk ist gerade Mittagszeit und Schichtwechsel, und alle Kernis, so nennt sich die verschworene Gemeinschaft der KKWler, schmettern einander ein flottes „Mallzeit“ um die Ohren. Dieter Rosengarten hat seinen blauen Dienstkittel angezogen und ist für die nächsten Stunden der Reaktorfahrer in der Schaltzentrale mit den vielen Armaturen, Leuchtdioden, Zahlencodes und Datenschreibern. „Wir müssen uns nichts vorwerfen“, sagt Rosengarten und meint damit ungefähr Folgendes: Wir, die Kernis von Stade, haben es nicht verbockt. Wir sind nicht schuld, dass jetzt bald der rote Knopf gedrückt wird, das ist der links, unter der roten Plastikkappe. Der Knopf zum Abschalten des Kernkraftwerks Stade, des zweitältesten der Republik. Dieter Rosengarten wird dann nach Hause gehen und nicht wiederkommen. Mit dem Knopfdruck ist Schluss für ihn, nach 20 Jahren im Reaktor. Bitter wird es sein. Bitter ist es schon jetzt.

Rosengarten sagt es so: „Man schaltet uns ein gut laufendes Kraftwerk unterm Arsch weg.“ In gut einem Jahr, irgendwann im Sommer 2003, beginnt in Stade der Atomausstieg. Das erste von 19 Kernkraftwerken geht dann vom Netz, ein Jahr früher als im Atomkompromiss zwischen Bundesregierung und Stromwirtschaft ausgehandelt. Das frühe Aus erfolge aus „wirtschaftlichen Gründen“, erklärt KKW-Eigner Eon, vormals Preussen-Elektra. Ursache sei weniger der rot-grüne Atomausstieg als die schwarz- gelbe Strommarkt-Liberalisierung. Energie kann man jetzt überall billig einkaufen – Atomstrom aus Russland und Wasserstrom aus Schweden. So ein kleines Atomkraftwerk wie Stade mit den vielen teuren Sicherheitsauflagen, die in Deutschland gelten, lohne sich da nicht mehr.

Würde das Kraftwerk nicht abgeschaltet, müsste Eon noch ein Zwischenlager für abgebrannte Brennstäbe bauen, da spätestens 2005 keine Castoren mehr zur französischen Wiederaufbereitungsanlage La Hague rollen dürfen. Das kann man sich jetzt sparen. Investiert wird nur noch in den „geordneten Rückbau“. Der wird etwa drei Mal so lange dauern wird wie der einstige Bau, nämlich 15 Jahre, und auch um einiges teurer.

Wenn das KKW abgeschaltet ist, wird Uwe Merckens, Grünen-Fraktionschef im Stadtrat von Stade, mit seinen Freunden einige Flaschen Sekt köpfen. Anstoßen auf den Atomkompromiss, auch wenn der faul ist, weil es ja wohl bis 2018 dauern, bis der letzte Meiler vom Netz ist. Merckens sitzt auf einem Ikea-Klappstuhl im Vorraum des Grünen-Büros in der Altstadt. Kühl ist es hier und unbequem. Bis vor kurzem hatten sie noch einen anderen Raum, in dem sie Gäste empfangen konnten. Aber die Stader Grünen sind bei der letzten Wahl um drei Prozent abgerutscht und müssen Miete sparen.

Im heißen Bereich

Schuld ist Rot-Grün im Bund. Unter Schwarz-Gelb lief es noch besser. Die Wahlplakate aus den 90ern hat Merckens hängen lassen. Mit großen Blumen und kleinen Häusern drauf und dem Satz: „Wir haben unsere Erde von unseren Kindern nur geborgt.“ Damals gab es noch große Proteste gegen das KKW Stade, den angeblich undichten „Schrottreaktor“. Greenpeace-Leute kletterten auf die Kuppel und wollten eine erhöhte Strahlendosis nachweisen. Hamburger und Bremer reisten an. Aus Stade kamen auch welche, aber nie viele. Als die Stilllegung entschieden war, protestierten nur noch die Kernis gegen ihre Abwicklung.

Viele Stader seien zwar gegen die Kernkraft, trauten sich aber nicht, das zu sagen, meint Merckens. Wegen der vielen Arbeitsplätze, die dranhängen. Und weil die Kernis immer behaupteten, ohne das KKW gingen in Stade die Lichter aus. Merckens hat früher mal selbst im Meiler gearbeitet, vor seiner Politisierung, sogar im „heißen Bereich“. Er kann deshalb auch die Stader Kernis ein bisschen verstehen, ihre Angst vor der Zukunft, auch wenn Eon allen 310 Mitarbeitern anderswo neue Jobs versprochen hat.

Man muss wissen, dass die hübsch restaurierte Hansestadt Stade bis weit in die 60er ein bettelarmes Pflaster war, ohne Industrie und Infrastruktur. Erst mit dem Kernkraftwerk katapultierte sich die Region ins Industriezeitalter. 1972 eröffnete das Kraftwerk. Grundstoffchemie und Aluminiumverhüttung siedelten sich in der Umgebung an, die Stade sich einverleibte. Die Altstadt wurde saniert, finanziert aus den steigenden Gewerbesteuereinnahmen. Es folgte eine 30-jährige Blütezeit, der nun das Ende droht.

Bürgermeister Hans-Hermann Ott von der CDU ist deshalb geistig schon auf dem Sprung in eine neue Epoche, der Vernetzung von Industrie, Gewerbe, Obstanbau und Tourismus, unter dem Stichwort „Maritime Landschaft Unterelbe“. Neue Visionen brauche die Stadt, sagt Ott und schaut durch die bunten Bleiglasscheiben des alten Rathauses. Das mit dem KKW nimmt er der Eon persönlich übel. Da habe der Stadtrat jahrelang Delegationen zur Eon-Zentrale nach Hannover geschickt, um den Stromriesen zu mutigen Schritten zu bewegen, etwa einem neuen, viel größeren Nachfolgereaktor in Stade, aber darum habe sich der Konzern letztlich keinen Deut geschert. Hand in Hand mit seinem Vorgänger von der SPD ist Ott für das KKW auf die Straße gegangen. Umsonst. Nun machen sie den schönen Meiler dicht und holen sich den Strom aus dem Ausland. Zum Abschied verneigt sich Ott tief und bittet, seine Heimat nicht zu verreißen. Es sei so schon schwer genug.

Der Bauer und sein Kraftwerk

Vom Rathaus in der Altstadt bis zum Hof von Rainer Brüggemann direkt am Kernkraftwerk sind es per Rad bei Gegenwind knapp 20 Minuten. Immer den Deich am Flüsschen Schwinge entlang, dann durch Bassenfleth mit seinen reetgedeckten Fachwerkhäusern, einige davon noch baufrisch. Brüggemann hat gerade eine Fuhre Boskop zur Genossenschaft „Elbe-Obst“ gebracht und steht nun breitbeinig auf seinem Hof, das Gesicht vom Wetter geröstet. Er trägt eine dünne Bundeswehr-Jacke, darunter einen Strickpullover. Atomkraft? „Eine der sichersten Energien.“ Den Äpfeln schade es jedenfalls nicht, dass sie neben einem KKW wachsen. „Die kommen jedes Jahr in einem roten VW-Bus und untersuchen das.“ Nicht mal der Ostwind aus Tschernobyl anno 1986 habe dem Altländer Boskop was anhaben können.

Bauer Brüggemann ist Realist. Auf seinem Hof haben sich zwei Facharbeiter mit Wohnwagen einquartiert. Sie werden vier Wochen lang mit der Wartung des KKW beschäftigt sein, bevor sie zum nächsten Werk weiterziehen. Das bringt ein bisschen Extra in die Kasse. Sein älterer Bruder arbeitet beim Chemieriesen Dow Chemical, dessen Chlortanks auch gewisse Restrisiken in sich bergen. „Der verdient dort gutes Geld, und dann ist das schon in Ordnung.“ Sein Vater verdiente anno 1968 auch gutes Geld, als er Land zum Bau des Kraftwerks verkaufte, für acht Mark den Quadratmeter. So profitiert man seit Generationen vom Kraftwerk, und bereut hat es noch keiner.

Brüggemanns Stolz ist eine grüne High-Tech-Scheune mit gelb-roten Schildern an den Stahltüren: Vorsicht! Erstickungsgefahr! Das sind die CA-Räume – CA für „Controllierte Atmosphäre“. Drinnen lagern seit vergangenem Herbst 1000 Tonnen Äpfel bei 1,5 Prozent Luftsauerstoff nahe Null Grad Celsius, damit sie schön frisch und knackig bleiben. „Da darf niemand rein.“ Drei Vorhängeschlösser wehren den Zutritt. Dreifache Sicherung – wie im Kernkraftwerk. Die acht CA-Kühlräume schlucken jährlich 70 000 Kilowattstunden Strom, geliefert von Eon, wahrscheinlich direkt aus dem KKW. Brüggemann hat auch einen zentralen Kontrollraum mit Hängekästen voller LCD-Anzeigen und Schalter, unter denen furchteinflößende Wörter stehen wie „Kompressor“ oder „Verdampfer“. Vor radioaktivem Cäsium hat der Obstbauer nicht halb so viel Angst wie vor einem anhaltenden Stromausfall oder dem Schorfpilz. Der Pilz kann eine ganze Ernte vernichten, wenn er nicht mit entsprechender Chemie abgetötet wird. Auf den Tüten im Supermarkt wird später stehen: aus kontrolliert-integriertem Anbau. Dass die Äpfel neben einem Kernkraftwerk gewachsen sind, wird nicht draufstehen.

Rings um die Reaktorkuppel riecht es nach Frühling. Löwenzahn und Gänseblümchen sprenkeln den Rasen. Dazwischen Maulwurfshügel. Ein Gärtner sticht mit dem Spaten die Graskanten ab. Wenn sie in Stade fertig sind, das ganze Kraftwerk zerschnitten und verpackt haben, soll es nur noch grüne Wiese geben, sagt Manfred Scholz, Projektleiter für den Rückbau, im nüchternen Seminarraum des Infozentrums. Zum Beweis lässt er eine Computergrafik an die Wand werfen. Links erscheint das KKW, rechts ein grünes Nichts. Auf vorsichtig geäußerte Zweifel reagiert Scholz mit einem warnenden Augenbrauen-Zucken. Scholz sagt, man halte sich streng an das Atomgesetz, und das sehe einen Kreislauf vor: Was Wiese war, muss wieder Wiese werden. Von den rund 450 000 Tonnen anfallendem Material sei nur etwa ein Prozent verstrahlt. Das müsse man zwar auf dem Gelände einlagern, aber nur, bis ein Endlager gefunden ist. Man sucht danach seit Jahrzehnten.

Nach seinen Plänen wird von 2020 an mit der rekonstruierten Elbwiese zu rechnen sein. Jedes KKW-Bauteil wird auf dem Gelände zerlegt, mehrmals auf Strahlung gemessen, jeder Messschritt wird protokolliert – eine „kolossale Herausforderung“. Wirklich? Kann das einem Kerni Spaß bringen, sein eigenes Kraftwerk aus der Welt zu schaffen? Scholz’ Augenbrauen zucken wieder. Nach einer Weile gibt er zu, dass es ihn doch reizen würde, ein neues Kraftwerk zu bauen, ein großes, so um die 1500 Megawatt. „Das wär’ das Schönste.“

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