Zeitung Heute : Ins Herz der Finsternis

Der Tagesspiegel

Von Manfred Riepe

Der alte Haudegen kommt gleich zur Sache: „Es ist nicht dasselbe, ob man im World Trade Center oder in einer Strohhütte in Afrika umkommt.“ Mit dieser provokativen These zu Beginn der zweiteiligen Dokumentation „Afrikanische Totenklage“ (erster Teil heute, ZDF um 22 Uhr) will Peter Scholl-Latour keinesfalls Antiamerikanismus schüren. Sagt er selbst. Man kann die Aussage eher so deuten: Der alte Mann der deutschen Auslandsberichterstattung will lediglich hinterfragen, ob die Betroffenheit der Deutschen nicht vielleicht ein wenig eingeengt, der Blick auf weltpolitische Krisenherde verengt sei.

Mit Joseph Conrads Schlüsselroman „Heart Of Darkness“ im Tornister geht Scholl-Latour auf die Reise ins Herz der afrikanischen Finsternis. Als wäre es ein Reiseführer, ködert er den Tele-Touristen zunächst mit idyllischen Bildern. Gleich darauf zeigt er schockierende Greuelszenen, die entsetzlich, ja, zum Übergeben sind.

Scholl-Latours Grundthese: Fünfzig Jahre nach Beginn der Entkolonialisierung existiert keine funktionierende Demokratie auf dem schwarzen Kontinent. Selbst die politische Entwicklung Südafrikas bewertet er zwiespältig. Der Grund dafür ist immer derselbe. Die „totale amerikanische Kontrolle über die Rohstoffe“ Afrikas führt zur Aufrüstung korrupter Staatsführer und marodierender Militärs. Deren absehbarer Machtmissbrauch gipfelte 1994 im „kollektiven Amoklauf, der auf die Ausrottung der Tutsis abzielte“, so sagt er im Off-Kommentar. Über 400 000 Menschen starben unter den Augen der Weltöffentlichkeit. Aber deren Aufmerksamkeit galt zu dieser Zeit den südafrikanischen Wahlen.

Den gerichtsverwertbaren Beweis für die vielfache Einmischung der CIA – etwa in die Ermordung des angolanischen Staatschefs Savimbi – bleibt Scholl-Latour, wie so manches andere auch, schuldig. Seine „Afrikanische Totenklage“ zielt nicht auf investigative Enthüllung einzelner Verbrechen, sondern auf die Analyse eines weltpolitischen Zusammenhangs. Mit einem kernigen journalistischen Kraftakt zeichnet er die historisch-politische Situation in Ruanda, Zaire, Angola, Sierra Leone, Äthiopien und dem „Schurkenstaat“ Sudan – wie die Amerikaner ihn nennen – nach. Dank seiner langjährigen Erfahrung als Chronist kann Scholl-Latour die wundersame politische Wandlung einst kommunistischer Staatsmänner zu „willigen Vasallen Amerikas“ anhand eigener Filmdokumente belegen. Aber diese Souveränität macht den Historiker übermütig: „An einem kurzen Kartenvortrag kommen wir nicht vorbei“, erklärt Scholl-Latour, der mit dem Zeigestock in der Hand wie ein Gymnasiallehrer wirkt, der weiß, dass ihm in der sechsten Stunde nicht mehr viele zuhören werden. Der Kommentar ist wie üblich eine dicht gedrängte Litanei aus Kriegsberichterstattung, selbstverliebter literarischer Anspielung und einer Wertung, die gar nicht erst den Anspruch auf Objektivität erhebt. Der dabei einnickende Zuschauer wird urplötzlich hellwach, wenn Bilder von am Boden kriechenden Menschen zu sehen sind, denen mit Gewehrkolben und Machete der Schädel zertrümmert wird. Dass diese wenigen Bilder vom Ruanda-Genozid zufällig von einem belgischen Reporter gemacht wurden, der eigentlich humanitäre Hilfsaktionen der Blauhelme dokumentieren wollte – solche Detailinformationen hält Scholl-Latour nicht für erwähnenswert. Die unterschiedlichen Quellen des Bildmaterials werden nicht immer genannt, ein handwerklich zumindest zweifelhaftes Vorgehen.

Trotzdem ist das Ergebnis eine Afrika-Chronik, die im positiven Sinn eine Zumutung ist, weil auf Emotionalisierung bewusst verzichtet wird. Statt melodramatisch präsentierter Elendsbilder, die zu Spenden animieren, gliedert Scholl-Latour schockierende Aufnahmen von Gliedmaßen, die nur noch an einem Stück Haut herunterhängen, beiläufig in den Kontext ein. Mit dieser Unaufgeregtheit im Rahmen eines permanenten Dramas zielt Scholl-Latour auf eine unüblich gewordene Repolitisierung des Fernsehens, die sicherlich nicht nach jedermanns Geschmack ist.

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