Zeitung Heute : Ins Netz gegangen

Anselm Waldermann

Die führenden deutschen Gasunternehmen wollen allen Privatkunden bereits zum 1. April einen Wechsel zu anderen Versorgern ermöglichen. Haben die Kunden davon tatsächlich einen Vorteil?


Nicht unbedingt – aber es ist zumindest ein Anfang. Nach dem bisherigen Zeitplan sollten die Verbraucher ihren Gasversorger eigentlich erst ab Oktober frei wählen können. Doch nun sind einige große Versorger – darunter Marktführer Eon – vorgeprescht: Sie wollen diese Möglichkeit schon ab April anbieten. Das ist durchaus ein Fortschritt, denn bisher gibt es auf dem Gasmarkt für Privatkunden überhaupt keinen Wettbewerb. Die Verbraucher sind an ihren örtlichen Monopolisten gebunden und können nicht zu anderen Anbietern wechseln.

Dass im April nun alles besser wird, bleibt aber trotzdem fraglich. Denn noch ist es eher unwahrscheinlich, dass sich überhaupt neue Anbieter vorwagen werden. „Ich kenne kein Unternehmen, das jetzt in den Markt stürmen würde“, sagt Annette Bergmann vom Bundesverband neuer Energieanbieter (bne), der die Newcomer der Branche vertritt.

Der Grund ist einfach: Denn Eon und die anderen großen Versorger bieten ihren über zwei Millionen Kunden lediglich ein so genanntes „Dreiecksverhältnis“ an. Das heißt, dass neue Anbieter ihr Gas in jedem Fall bei dem jeweiligen örtlichen Monopolisten einkaufen müssen, in dessen Gebiet sie Privatkunden beliefern möchten. „So entsteht natürlich kein liquider Markt“, sagt Bergmann. „Neue Anbieter hängen am Preisdiktat der etablierten Gaswirtschaft.“ Für echten Wettbewerb sei es entscheidend, dass die Newcomer ihr Gas überall einkaufen dürfen, wo sie möchten. Außerdem müssten die Durchleitungsgebühren durch die Netze der Monopolisten sinken.

Auch Verbraucherschützer zeigten sich enttäuscht. „Mit Wettbewerb hat das nicht viel zu tun“, sagt Holger Krawinkel vom Bundesverband der Verbraucherzentralen. Das Dreiecksverhältnis sei für die Endkunden „nicht attraktiv“. Krawinkel äußerte jedoch die Hoffnung, dass die Gasversorger nun langsam zu mehr Wettbewerb gezwungen würden.

Allerdings haben die Unternehmen für ihre Ankündigung auch eine Gegenleistung erhalten: Das Bundeskartellamt stellte das bisher anhängige Missbrauchsverfahren wegen überhöhter Preise ein. „Bessere Wechselmöglichkeiten sollten sich letztlich auch in einem niedrigeren Preis niederschlagen“, sagte dazu Kartellamtschef Ulf Böge. Bei Beobachtern stieß diese Vermischung der Sachverhalte auf Kritik: So sprach Verbraucherschützer Krawinkel von einer „merkwürdigen Entscheidung des Kartellamts“. Und sogar Böge selbst gab zu, dass es „mit dieser Lösung noch keinen Anlass zur Euphorie“ gebe.

Die Berliner Gasag ist von der Marktöffnung im April nicht direkt betroffen. „Unser Gasnetz ist für andere Anbieter bereits offen“, erklärt Unternehmenssprecher Klaus Haschker. Er rechne damit, dass sich schon bald andere Gaslieferanten nach Berlin wagen werden. In der Theorie könnte er damit Recht haben. In der Praxis hat sich bisher allerdings noch kein anderer Versorger nach Berlin gewagt. „Bei den derzeitigen Durchleitungsgebühren lohnt sich das einfach nicht“, sagt Bergmann vom bne.

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