Zeitung Heute : Ins Rathaus gehen

Plümper

Wie ein Rentner die Stadt erleben kann

Die Schwiegermutter ruft den Rentner an, ob er nicht mitkommen wolle: Die Bürgermeisterin von Charlottenburg, Frau Thiemen, führe zum genau 100-jährigen Jubiläum durch das Charlottenburger Rathaus. Die Schwiegermutter ist vor zwei Jahren aus Westfalen nach Berlin gezogen, inzwischen ist sie Berufsberlinerin, schimpft über die Provinzialität ihrer alten Heimat. Eigentlich ist der Rentner zu faul, aber seine Schwiegermutter ist 17 Jahre älter als er.

Charlottenburg war zur Zeit der Erbauung des Rathauses (1905) wahrscheinlich die reichste Gemeinde Deutschlands, wollte auf keinen Fall mit dem armen Berlin zusammengehen und protzte in Konkurrenz zu Berlin vor allem mit der Ausstattung seiner Schulbauten und seinen kleinen Klassenstärken. Also wollte man auch ein besonders repräsentatives Gebäude. 86 Meter ist der Turm, so hoch, dass er das Schloss Charlottenburg überragt. Es geht die Mär, der Kaiser habe aus Ärger nun immer einen Umweg gewählt, um nicht am Rathaus vorbeizukommen. Die zahlreichen Plastiken an der Fassade weisen aber auch eine etwas seltsame Mischung auf. Auf der einen Seite der Freund der armen Menschen, ein riesiger Rübezahl, auf der anderen Seite der einäugige Polyphem. Und unter der Kartusche mit den Namen der Architekten Reinhardt und Süssenguth befindet sich ein für seine Jungen sich zerfleischender Pelikan. Sind die Architekten gemeint oder die Ratsherren, die sich für ihre Bürger aufopfern?

Das Innere ist ein Labyrinth, denn schon 1911 musste der Bau erweitert werden. Es gibt sehr viel Sehenswertes: zwei Treppenhäuser, reich geschmückt mit symbolischen Plastiken, das eine in einer komplizierten jugendstilbewegten Drehung, ein Springbrunnen mit Männeken Pis, eine Gedenkhalle für die Kriegsgefallenen des 1. Weltkrieges. Hier sollte man sich unbedingt die Berufe der gefallenen Charlottenburger ansehen. Manche Bezeichnungen sind ausgestorben, z.B. der „Diatär“ oder der „Rieselwärter“. Auch wenn man die wenigen erhalten getäfelten Säle nicht jederzeit besichtigen kann, lohnt es sich, das Rathaus anzusehen. Ein Unikat und Unikum.

Charlottenburger Rathaus, Otto-Suhr-Allee 96

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