Zeitung Heute : Ins Wasser gehen

Wie ein Vater Berlin erleben kann

Stephan Wiehler

WAS MACHEN WIR HEUTE?

Foto: Marion Schweitzer

Emma ist jetzt sechs Monate alt, aber schon lange vor ihrer Geburt waren wir uns einig, dass sie im Wasser zur Welt kommen sollte. Wassergeburten sind unter werdenden Eltern zurzeit groß in Mode. Viele Kliniken und Geburtshäuser haben ihre Kreißsäle deshalb inzwischen mit Gebärwannen aufgerüstet. Fachleute halten die Wassergeburt für besonders sanft, für die Mutter wie für das Kind, das so im ureigenen Element in die Welt gleitet, nachdem es im Fruchtwasser herangewachsen ist. Und schließlich hat ja, evolutionär gesehen, alles Leben in den Meeren seinen Anfang genommen.

Meine erste Gebärwanne sah ich einige Wochen vor Emmas Geburt im Gemeinschaftskrankenhaus Havelhöhe. Unsere Hebamme hatte uns die Klinik am grünen Stadtrand empfohlen, wegen der ganzheitlich orientierten Geburtshilfe. In den Zimmern legt man Wert auf eine „hüllegebende Atmosphäre“ (Eigenwerbung), pastellfarben gestrichene Wände strahlen Ruhe und Geborgenheit aus. Die herabhängenden Seile und der Gymnastikball ließen eher an einen Fitnessraum als an die Schmerzenshölle der Niederkunft denken, und beim Anblick der bauchig-ovalen Wanne war ich beinahe überzeugt, dass eine Geburt im körperwarmen Wasser geradezu entspannend sein müsste. Ganz natürlich, theoretisch.

Praktisch kam dann aber natürlich alles ganz anders. Wir hatten uns dann kurz vor der Geburt doch für ein näher gelegenes Krankenhaus entschieden. Uns war unwohl bei dem Gedanken, im Ernstfall zur Hauptverkehrszeit von unserer Kreuzberger Wohnung quer durch die Stadt nach Havelhöhe zu fahren, um ganzheitlich entspannt zu entbinden. Als Emma endlich deutliche Zeichen gab, ihre hüllegebende Atmosphäre verlassen zu wollen, genügte der Hinweis der Hebamme, dass eine Wassergeburt nur ohne Periduralanästhesie, die schmerzlindernde Rückenmarksbetäubung, in Frage käme, um uns die Gebärwanne aus dem Kopf zu schlagen.

Die Narkose, die Emma um ihre Wassergeburt brachte, bekam natürlich nur die Mutter, während ich bei vollem Bewusstsein zu der Überzeugung gelangte, dass es sanfte Geburten so wenig geben kann wie saubere Kriege. Als dann alles glücklich überstanden war, blickten wir mit umso größerer Spannung Emmas erster Begegnung mit der Babywanne entgegen. Die Hebamme kam zu uns nach Hause und erzählte uns, dass viele Säuglinge beim ersten Bad erschreckten, doch Emma schien sich von Anfang an im Wasser wohlzufühlen. Was uns nicht wunderte, schließlich trägt sie als Tochter einer sardischen Mutter und eines friesischen Vaters das gemischte Erbgut europäischer Küstenbewohner in sich. Seit ihrer siebten Lebenswoche gehen wir mit Emma zum Babyschwimmen. Im warmen Pool eines Seniorenheims in Neukölln hat sie inzwischen sogar schon tauchen gelernt.

Küsteneltern wie wir wissen: Angesichts der fortschreitenden Klimaerwärmung und des zu erwartenden Anstiegs des Meeresspiegels können Kinder heutzutage nicht früh genug ans Wasser gewöhnt werden.

Wassergewöhnung für Babys bietet die Academy of Aquabalancing in Kreuzberg an. Informationen zum Kursprogramm unter Telefon 891 4718.

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